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Darf ich nach der Pensionierung einfach nichts tun?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Ruhestand.

Ein Hobby ist immer auch eine Zerstreuung: Nichtstun muss man auch erst können. Foto: Keystone
Ein Hobby ist immer auch eine Zerstreuung: Nichtstun muss man auch erst können. Foto: Keystone

Ich werde in zwei Wochen pensioniert. Von Freunden und Arbeitskollegen werde ich immer dringlicher nach Hobbys, Welt- oder Pilgerreisen, neuen Aktivitäten gefragt. Sie sind dann immer ein wenig enttäuscht, wenn mir nichts Weiteres einfällt, als nochmals den Schokoladenkuchen von Ottolenghi zu backen. Ist es problematisch, ohne grosse Pläne in den Ruhestand zu treten?H.J.

Lieber Herr J.

Ich weiss ganz genau, was Sie von mir hören möchten, und genau das kann ich Ihnen (ganz ohne Verstellung) auch erzählen, nämlich, dass ich Ihren Plan einer planlosen Nachpensionierungszeit vorbehaltlos unterstütze.

Wenn Sie auf Weltreise und Kochkurse in der Jurte stünden, fände ich auch das okay, und Sie dürften mit meinem Segen in die Ferne ziehen. Der Punkt ist also nicht, dass Ihr Nichtvorhaben grundsätzlich anderen Plänen für den Ruhestand vorzuziehen ist. (Solange niemand dafür das Wort «Unruhestand» gebraucht, weil ich von dem Wort nämlich Pickel kriege.) Der Punkt ist einzig, dass der Schoggikuchen Ihnen von allen Möglichkeiten am besten gefällt.

So einfach ist das: Man muss gar nichts nach seiner Pensionierung, erst recht muss man nichts müssen. Das ist ja der Clou am Ganzen: in puncto Arbeit von nun an frei zu sein. Wen angesichts dieser Vorstellung ein «horror vacui» packt, der kann die neu gewonnene Freiheit auch gerne wieder füllen: mit Enkelhüten oder damit, seine Briefmarken alphabetisch und seine Bücher nach Farben zu sortieren; mit einer Jahreskreuzfahrt auf dem Mittelmeer, mit langen Wanderungen oder kurzen One-Night-Stands – ganz wie es beliebt.

Es gibt keinen Grund, das Ende der beruflichen Verpflichtungen durch das Eingehen neuer Verpflichtungen zu begehen.

Es besteht keine moralische Verpflichtung, aktiv die Langeweile zu empfinden und in das Nirwana des Nichtstuns einzutauchen. Ebenso wenig gibt es irgendeinen guten Grund, das Ende der beruflichen Verpflichtungen durch das Eingehen neuer Verpflichtungen zu begehen. Es ist wie beim Handy-Gebrauch: Man darf auch nicht whatsappen, telefonieren oder twittern, ohne sich deshalb dem «digital detox» zu verschreiben. Man kann es auch einfach deshalb nicht tun, weil man keine Lust hat.

Wenn einem dabei dann auf unangenehme Art langweilig wird, darf man auch ruhig wieder telefonieren, whatsappen oder twittern – ohne dass man sich deshalb als «rückfällig» bezeichnen müsste. Vielleicht tut das eine oder andere, das man tun könnte, dem Kreislauf, dem Hypothalamus oder den Gelenken gut; vielleicht ist einem das aber auch völlig egal. So furchtbar radikal es tönen mag: Was Sie nach Ihrer Pensionierung machen, dürfen Sie ganz allein bestimmen.

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