Darf man gar nie «Neger» sagen?

Über das N-Wort im heutigen Sprachgebrauch.

«Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein»: So wird das Paket mit dem schwarzen Baby auf Lummerland begrüsst, in Michael Endes Kinderbuchklassiker «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Foto: Michael Probst (Keystone)

«Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein»: So wird das Paket mit dem schwarzen Baby auf Lummerland begrüsst, in Michael Endes Kinderbuchklassiker «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Foto: Michael Probst (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In kleinem Kreis wurde kürzlich behauptet, die Verwendung des Wortes «Neger» sei in jedem Fall, auch in der Literatur, negativ konnotiert. Das würde ja aber heissen, dass der Ausdruck auch in einer Kurzgeschichte ein Unwort ist, die vor 80 Jahren spielt, aber erst kürzlich geschrieben wurde. Ich glaube das nicht, denn Erzählliteratur muss «den Geist der heraufbeschworenen Zeit» widerspiegeln.
B. K.

Lieber Herr K.
Ich gehe mit Ihnen vollständig d’accord. Es ist ja klar, dass es rassistisch wäre, wenn jemand heute vom Blues als Negermusik sprechen würde. Es ist freilich unumgänglich (gerade weil «Neger» negativ konnotiert ist), in einem Roman über die 50er-Jahre einem Vater das Wort «Negermusik» in den Mund zu legen, wenn er sich abschätzig über den Musikgeschmack seines Sohnes äussert. (Abgesehen davon gibt es auch einen zwar auch nicht unproblematischen, aber durchaus positiv besetzten Gebrauch des Wortes, z. B. in Carl Einsteins Essay über die «Negerplastik» von 1915.)

Das erscheint mir so selbstverständlich, dass ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, wie man anderer Ansicht sein kann. Offenbar haben Ihre Freunde ein Konzept von Sprache, in dem es eine kontextfreie Bedeutung von Wörtern gibt. Das N-Wort scheint ihrer Ansicht nach einen absoluten toxischen Wert zu haben. Die Frage, in welchem Zusammenhang der Gebrauch des Wortes legitim sei, muss ihnen dann ähnlich absurd erscheinen wie die Frage, in welchem Kontext man Knollenblätterpilze in den Risotto schnetzeln dürfe.

Mit politischer Korrektheit hat diese Frage nichts zu tun.

Diese Giftklassen-Theorie der Wörter ist leider nicht originell, sondern lediglich ein Indiz einer sehr eingeschränkten sprachlichen Kompetenz. Wer die Unterschiede zwischen Sprache und Metasprache, zwischen eigentlicher und uneigentlicher Rede, zwischen Fiction und Non-Fiction, zwischen Performanz und Inhalt nicht kennt und beherrscht, sollte sich besser nicht zu literarischen Problemen äussern.

Mit politischer Korrektheit hat diese Frage übrigens nicht die Bohne zu tun. Allerdings kann man feststellen, dass manche Political Correctness ebenso wie das blöde Lob «herrlicher politischer Unkorrektheit» auf nichts anderem als auf sprachlicher Inkompetenz beruht. Die Dummheit derjenigen, die den «Neger» aus einem Südstaatenroman, der im 19. Jahrhundert spielt, verbannen wollen, entspricht der Dummheit der anderen, die ihr Recht auf den «Negerkuss» (vulgo: «Mohrenkopf») mit dem Hinweis verteidigen, dass Neger doch bloss das lateinische Wort für «schwarz» sei.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 09:24 Uhr

Artikel zum Thema

Dann sag doch gleich «Neger»

Analyse Der Kampf um die erleichterte Einbürgerung ist rassistisch. Mehr...

Der «Neger» mit der Schreibmaschine

James Baldwin war in den 50er-Jahren als Schwarzer im Walliser Badeort Leukerbad eine Sensation. Er reflektierte dort über Rassismus und vollendete sein Romandebüt. Mehr...

Kopenhagener Museum streicht «Neger» in Kunstwerken

Dänemarks Staatliches Museum für Kunst hat das Wort «Neger» aus den Titeln und Beschreibungen seiner Kunstwerke entfernt. Und damit eine Diskussion entfacht. Mehr...

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Bis die letzte Strähne sitzt: Eine Assistentin toupiert die Haare Donald Trumps in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin. (17. Oktober 2017)
(Bild: Fabrizio Bensch) Mehr...