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Darf man Gott auch mal tadeln?

Immer wieder hört man bei diversen positiven Gelegenheiten den Ausspruch «Gott sei Dank!». Wenn man einerseits dankbar ist, müsste man sich dann nicht auch andererseits über die vielen negativen Ereignisse, die tagtäglich geschehen, entsprechend lautstark bei Gott beklagen? A. B.

Tut man das denn nicht ständig? Zum «Gottseidank» gehört das «Gottverflucht» in seinen unzähligen Varianten schliesslich doch so sicher wie die Rückzur Vorderseite beziehungsweise das Amen zur Kirche. Die Lobpreisung des Herrn und die Blasphemie sind unzertrennliche Geschwister. Niemand flucht so gut und einfallsreich wie traditionelle Katholiken. Aber auch Atheisten können nur schlecht darauf verzichten. Was das zur Floskel geronnene Gotteslob von den meisten Flüchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass Letzterer oftmals in verballhornter Form daherkommt, sodass sein eigentlicher Sinn als Verfluchung Gottes nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen ist. Wer angesichts eines Missgeschicks «Gopfertami!» ruft, verlangt natürlich nicht danach, von Gott verdammt zu werden, sondern verflucht ihn seinerseits dafür, dass er bei der Vorsehung mal wieder gepfuscht hat. Andere Flüche beruhen auf dem Prinzip, Gott in eine unmittelbare sprachliche Nähe zu etwas besonders Ekligem, Verabscheuungswürdigem zu bringen («Gottverdammte Scheisse!»), ohne aber die Gleichsetzung von Gott und Exkrementen explizit zu vollziehen.

Selten sind Flüche so eindeutig blasphemisch wie beim italienischen «porco dio» – «Schweine-Gott». Denn bei der Formulierung von Flüchen spielt fast immer die abergläubische Hoffnung hinein, dass Gott sich von der Formulierung täuschen lässt beziehungsweise dem Sünder angesichts des exakten Wortlauts kein Vergehen nachweisen kann. Ein rührender Versuch, den Gott in seiner unerfindlichen Geduld vielleicht noch durchgehen lassen mag, nicht aber die Frommen, denen schon ein simples «Oh mein Gott!» als lästerliches, weil unnötiges Nennen des Namens des Herrn gilt.

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