Darf man im Zug die Schuhe ausziehen?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum Thema Anstand.

Schuh bei Fuss! Es geht hier um Rücksicht gegenüber dem Mitmenschen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Schuh bei Fuss! Es geht hier um Rücksicht gegenüber dem Mitmenschen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Ich fahre fast täglich mit dem Zug und stelle immer wieder fest, dass viele Personen ihre Schuhe ausziehen und die Füsse auf den gegenüberliegenden Sitz legen, vor allem im Abteil der 1. Klasse. Mit oder ohne Socken. Egal, ob frühmorgens oder auch spätabends, in Business- oder Freizeitbekleidung. Ein solches Verhalten finde ich für die Mitreisenden wahrhaftig eine Zumutung. Oder wie muss ich das verstehen?
K. S.

Liebe Frau S.,
das ist ein überaus rätselhaftes Verhalten. Weil ja überhaupt nicht einzusehen ist, weshalb man sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel seines Schuhwerks entledigen sollte. Es sei aber, wie geübte Zugfahrer bestätigen, überaus verbreitet; es scheint sich nachgerade um eine Art Brauchtum zu handeln. Jetzt könnten die, die das tun, einwenden, dass dergestalt das gegenüberliegende Polster nicht beschmutzt werde, wenn man dort die Beine hochlagere. Das ist aber völlig verkehrt gedacht, denn dafür legt man einfach eine Zeitung hin, und schon ist die Sache erledigt.

Es geht also vermutlich um etwas anderes. Darum, sich zu entfalten. Um diese Überzeugung, das stehe einem überall und immer zu. «Ich will, und zwar jetzt!», schreit es in jenen, die, kaum auf ihrem Platz, die Schuhbändel aufschnüren und dann so entwürdigt aussehen in ihren Socken mit den durchgescheuerten Stellen. Womöglich riecht das auch noch schwerwiegend. Das finden die aber nicht schlimm. Es gebe ämel kein Gesetz, das dies verbiete!!!, werden die Freiluft-Füssler darauf angesprochen keifen, völlig verkennend, dass just das der Punkt ist.

Es droht keine Busse bei Nichtbeachtung.

Denn es geht hier um Zivilisiertheit. Und das Grandiose daran ist ja gerade die Freiwilligkeit, also der Konsens, dass man gewisse Dinge tut oder eben darauf verzichtet - aus Rücksicht gegenüber dem Mitmenschen. Deshalb hält man die Hand vor den Mund, wenn man gähnt. Oder schnäuzt nicht auf den Boden. Oder sagt Bitte und Danke und Entschuldigung.

Für all das gibt es kein Gesetz, es droht keine Busse bei Nichtbeachtung. Man hält sich daran, weil es das Zusammenleben angenehmer macht, man nennt es: Anstand. Dahinter wiederum steckt ein supersimples Prinzip, das da heisst: Ich will für meine Umgebung so wenig unangenehm wie möglich sein. Es ist sehr einfach, dieses Prinzip, und seine Einfachheit macht es auch so schön, aber irgendwie hilft das trotzdem nichts.

Deshalb wollen wir hier keine falschen Hoffnungen wecken. Sie können bloss indigniert gucken, liebe Frau S. – und den Platz wechseln.
Bettina Weber


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Erstellt: 06.11.2017, 07:36 Uhr

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