Das chemische Kondom

Ein neues Medikament verringert die Gefahr, sich mit dem HI-Virus anzustecken, um über 90 Prozent. Trotzdem lehnen manche Experten die Pille ab.

Ein Bettlaken, zerknüllt beim Sex: Viele Männer verwenden dabei nur unregelmässig Kondome. Foto: Anna Rozkosny (Plainpicture)

Ein Bettlaken, zerknüllt beim Sex: Viele Männer verwenden dabei nur unregelmässig Kondome. Foto: Anna Rozkosny (Plainpicture)

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Die einen feiern Truvada als «Wunderpille», auf welche die Menschheit seit den 70er-Jahren warte; als «Aidsimpfung», die sorglosen Geschlechtsverkehr mit verschiedenen Partnern ermöglicht; als «chemisches Kondom», das die Sexualität befreit von der ewigen Aidsangst.

Andere bezeichnen Truvada als Verführung, sich altbekannten Gefahren auszusetzen; als «Partypille», welche die Aidsepidemie neu anfache; als überteuertes, unnötiges Medikament, zu dessen Konsum die Pharmabranche junge, gesunde Menschen anstifte.

Dieser gehässige Streit tobt seit zwei Jahren in den USA. Ausgetragen wird er vor allem innerhalb der Schwulenszene.

Entwickelt wurde Truvada als Mittel, um die Tödlichkeit von Aids zu brechen. Bis heute zählt es zu den erfolgreichsten anti-retroviralen Medikamenten, die ein Leben mit dem Virus ermöglichen. Später fanden Wissenschaftler heraus: Wenn gesunde Menschen die Pille regelmässig schlucken, senkt sich das Ansteckungsrisiko stark. 2012 haben die USA Truvada als Präventionspille zugelassen (pre-exposure prophylaxis, kurz Prep).

Vorurteile wie einst gegen Kondome

Zu den lautesten Prep-Befürwortern gehört Adam Zeboski. Der 27-jährige Aktivist aus San Francisco, dessen Onkel an Aids starb, schützt sich seit drei Jahren mit Truvada. Vor einem Jahr entwarf er T-Shirts mit dem Aufdruck «#TruvadaWhore» (#Truvada-Hure). Damit nimmt er den viel gehörten Vorwurf auf, die Pille verleite Männer dazu, «herumzuhuren», führe zu Hochrisiko-Sexualverhalten.

Hinter diesem Vorwurf vermuten Truvada-Befürworter ein konservatives Bild von Sexualität. Die Geschichte wiederhole sich. In den 60er-Jahren weigerten sich Ärzte, die damals neue Verhütungspille unverheirateten Frauen zu verschreiben. In den 80er-Jahren verurteilten konservative Gruppen das Verteilen von Kondomen in Schwulenbars. Immer lauteten die Bedenken ähnlich: Die Präventionsmittel verlockten zu wildem Sex. «Früher wurden wir Schwulen schlechtgemacht, weil wir Aids hatten. Jetzt stigmatisiert man uns dafür, dass wir versuchen, kein Aids zu kriegen», sagt Adam Zeboski in Interviews mit US-Medien.

Auf schwulen Dating-Apps in den USA preisen sich Männer damit an, dass sie sich mit Prep schützen.

Den Hochrisikovorwurf halten die Prep-Befürworter für falsch. Sie weisen darauf hin, dass nur eine Minderheit der homosexuellen Männer Kondome so diszipliniert benutze, dass sie die Übertragung des HI-Virus verhindern. Studien in den USA sprechen von knapp 15 Prozent. Man müsse akzeptieren, dass Kondome trotz 30 Jahre andauernden Präventionskampagnen vielen Menschen nicht behagten. «Die Mehrheit, die manchmal ungeschützten Verkehr hat, profitiert von Prep», sagt Zeboski. Er spricht aus eigener Erfahrung. «Der Sex hat sich stark verbessert. Es gibt viel weniger, worüber man sich sorgen muss.»

Die Befürworter stützen sich auf die medizinischen Erfolge von Truvada: Gemäss mehrerer internationaler Studien bietet es – sofern mindestens viermal pro Woche eingenommen – über 90-prozentigen Schutz vor einer HI-Ansteckung. Die blaue Pille wirkt auch relativ gut, wenn man sie kurz vor und nach einem ungeschützten Kontakt schluckt.

Die Pille schützt nicht gegen Syphilis

Umstritten ist, ob Prep-Konsumenten wegen der Pille auf Kondome verzichten. «Jeder überlegt sich doch: Täglich schlucke ich dieses Medikament und nehme Nebenwirkungen in Kauf; warum soll ich mir dann noch ein Kondom überziehen?», sagt Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz. Die Studien geben keine klare Antwort. Bisher weist aber wenig darauf hin, dass Prep-Konsumenten ihr Schutzverhalten ändern.

Präventionsspezialisten wie zum Beispiel die Aids-Hilfe empfehlen, Truvada nicht als Kondom­ersatz, sondern als Ergänzung zu verwenden. Dies verbessere den Schutz vor HIV; und verhindere die Ansteckung mit anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Gonorrhö. Gegen sie vermag Truvada nichts auszurichten. Im Gegensatz zu Aids liessen sich solche Krankheiten aber mit Antibiotika heilen, sagen Prep-Befürworter.

Auch die Nebenwirkungen halten sie für tragbar: In den ersten Wochen treten bei einem von zehn Konsumenten Übelkeit, Müdigkeit oder Kopfschmerzen auf. Dazu kann Truvada das Funktionieren der Nieren einschränken oder die Knochendichte vermindern. Diese Verschlechterungen bildeten sich aber wieder zurück, sobald die Menschen aufhörten, Prep zu nehmen. Truvada wirke weniger schädlich als viele andere Medikamente, denen sich Menschen täglich aussetzen, etwa Antibabypillen oder Blutdrucksenker, schreibt der Mitautor einer Prep-Studie.

Empfehlung der WHO

Ein weiteres Argument der Befürworter lautet: Prep schütze auch die Schwächsten, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, die ohne Kondom vergewaltigt würden; oder Frauen, deren Männer sich weigerten, ein Kondom zu brauchen. Dank Prep könnten sich auch diese Menschen gegen HIV wehren.

Seit gut einem Jahr empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesunden Männern, die Sex mit wechselnden Partnern haben, präventiv Truvada zu nehmen. Amerikanische Krankenkassen, darunter auch die staatlich unterstützten, haben begonnen, das Mittel für Menschen mit hohem Risikoverhalten zu finanzieren. Die Hochrisikophase dauere bei den meisten nur einige Jahre. Der präventive Einsatz komme deshalb günstiger, als HIV-Infiszierte später ein Leben lang mit den teuren Medikamenten zu versorgen.

Langsam schwappt die Prep-Begeisterung aus den USA auf Europa über. Frankreich hat letzte Woche beschlossen, dass seine Krankenkassen die HIV-Prävention ab 2016 zahlen werden.

Die Debatte hat auch die Schweiz erreicht. «Die positiven Studienergebnisse haben in den sozialen Medien einen Hype ausgelöst. In der Szene wird viel darüber geredet», sagt Daniel Seiler von der Schweizer Aids-Hilfe.

«Wir erleben hier eine stark steigende Nachfrage nach Prep», sagt Michael Kluschke. Der Arzt leitet den Checkpoint am Zürcher Hauptbahnhof, ein Gesundheitszentrum für Männer, die Sex mit Männern haben. Die Community sei international ausgerichtet, sagt Kluschke. Auf den Dating-Apps in Amerika priesen sich Männer teilweise damit an, dass sie Prep nähmen. «Das sehen Männer, die in die USA reisen. Wenn sie zurückkommen, fragen sie bei uns um Rat.»

Viele hiesige Experten stehen Prep aber zurückhaltend gegenüber. Pietro Vernazza, Infektiologe und Präsident der Kommission für sexuelle Gesundheit, führt den Erfolg des Medikaments auch auf Propaganda zurück. «Für mich gibt es noch viele Fragezeichen.» Man müsse sich genau überlegen, gesunde Menschen derart starken Wirkstoffen auszusetzen. «Die längerfristigen Nebenwirkungen können noch gar nicht bekannt sein.»

In der Schweiz gehen die Ansteckungen seit 2008 zurück, 2014 erhielten 516 Menschen eine HIV-Diagnose.

Die Situation in den USA lasse sich auch nicht mit der Schweiz vergleichen, sagt Vernazza. «Die Behandlungsqualität ist dort viel schlechter. Hier erreichen wir fast alle HIV-Infizierten.» Eine erfolgreiche antiretrovirale Therapie genüge, um die Verbreitung von Aids einzudämmen. Therapierte wirken nicht mehr ansteckend, obwohl sie das Virus in sich tragen. In der Schweiz gehen die Ansteckungen seit 2008 zurück, 2014 erhielten 516 Menschen eine HIV-Diagnose. Unter der grössten Risikogruppe – Männer, die Sex mit Männern haben – haben sich die Neuübertragungen zwischen 2008 und 2013 fast halbiert. Derzeit steigen sie wieder leicht an.

Prep, richtig eingenommen, wirke praktisch so gut wie ein Kondom, sagt Pietro Vernazza. «Das ist erfreulich. Wenn Menschen damit ihr Sexerlebnis verbessern möchten, sollen sie das tun.» Allerdings müssten sie die 11 000 Franken, welche die Behandlung pro Jahr kostet, selber zahlen. Dafür aufzukommen, entspreche nicht dem Solidaritätsgedanken der Krankenversicherungen, sagt Vernazza.

Viele würden Prep gar nicht nehmen

Die Aids-Hilfe Schweiz konzentriert sich auf Risikoaufklärung. Daniel Seiler verweist darauf, dass in der Schweiz deutlich mehr Männer Kondome benutzten als in den USA. «Wer das konsequent tut, braucht Prep nicht.» Seiler vermutet deshalb, dass in der Schweiz keine grosse Nachfrage bestehe.

Zu diesem Thema forscht Sibylle Nideröst, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mit ihrem Team führt sie eine repräsentative Online­befragung durch und hat mit Gruppen aus schwulen und bisexuellen Männern über Prep diskutiert. Vor allem solche Teilnehmer, die sexuell aktiv seien und über Schwierigkeiten mit Kondomen berichteten, bewerteten Truvada als hilfreich. «Unter anderem steht auch der Wunsch dahinter, sich bei rezeptivem Analverkehr nicht auf den Partner verlassen zu müssen», sagt Nideröst.

Im Alltag können auch die Kosten eine wichtige Rolle spielen.

Männer, die konsequent Kondome verwenden, beurteilen Prep laut Sibylle Nideröst als überflüssig. Die Skeptiker zweifelten auch an der Wirksamkeit des Medikaments, fürchteten Nebenwirkungen und die Aussicht, «mit Chemie im Körper leben zu müssen». Unbehagen gegenüber der Pharmaindustrie beeinflusse die Ablehnung von Prep ebenfalls, sagt Nideröst.

Laut Michael Kluschke vom Checkpoint spielen im Alltag die Kosten eine wichtige Rolle. «Wenn man Prep vor und nach bestimmten Partys nimmt, ist es nicht so teuer. Bei regelmässiger Einnahme können es sich viele nicht mehr leisten.» Kluschke beobachtet, dass Interessierte Prep-Generika aus dem Ausland, etwa Indien, bestellen. «Da kosten Pillen für drei Monate nur 250 Franken.» Bei einer solchen Selbsttherapie fehle aber oft die nötige ärztliche Betreuung. «In der Schweiz entwickelt sich eine gewisse Nachfrage für die chemische Prävention. Darauf müssen wir uns einstellen.»

Die Schweiz hat es nicht zugelassen

Gilead, das amerikanische Unternehmen, das Truvada herstellt, gibt sich zurückhaltend mit dessen Vermarktung als Prep. «Die Idee, Truvada präventiv zu verwenden, kam nicht von uns», sagt André Lüscher, Chef von Gilead Schweiz. Erst habe Gilead befürchtet, dass Truvada wegen Resistenzen seine bewährte Wirksamkeit verlieren könnte. «Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet.»

Lüscher betont, dass Prep kein Allheilmittel sei. Es stelle einen weiteren Baustein dar im Kampf gegen Aids. Jene Menschen, die Prep wirklich bräuchten, sollten es auch in der Schweiz bekommen. Dafür müsse man medizinische Begleitung und regelmässige Gesundheitschecks gewährleisten. Obwohl Prep in der Schweiz nicht zugelassen ist, können es Ärzte verschreiben – im sogenannten Off-Label-Use. Gilead hat bisher kein offizielles Zulassungsverfahren angeregt. «Wir sind bereit, aber wir warten auf ein Signal der Experten.»

Laut Lüscher liegt der Schwerpunkt für Prep nicht auf Ländern wie der Schweiz. «Wir versuchen jene Gruppen und Regionen zu erreichen, wo die Epidemie viel stärker ist.» Sonst profitierten am Ende nur jene, die sich schon heute am besten schützten: die Wohlhabenden und Gebildeten.

Adam Zeboski, der Prep-Promoter aus San Francisco, sieht seine Mission jedenfalls schon bald erfüllt. Kürzlich schrieb er auf Twitter, dass fast alle Männer um ihn herum auf Prep seien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2015, 18:54 Uhr

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