«Du trauriger Wicht, lass mein Kind in Ruhe»

Darf man den eigenen Nachwuchs verteidigen auf Instagram? Die Antwort auf eine Stilfrage zum Thema Elternverhalten in sozialen Netzwerken.

«Man kann seinem Kind die Welt nicht ersparen»: Die Instagram-App auf einem Smartphone. Bild: Keystone

«Man kann seinem Kind die Welt nicht ersparen»: Die Instagram-App auf einem Smartphone. Bild: Keystone

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Darf man, wenn das eigene Kind auf seinem Social-Media-Account (Instagram) von Followern beschimpft wird, diese wiederum zurück beschimpfen? Ich dachte an: «Du trauriger Wicht, lass mein Kind in Ruhe, sonst reiss ich dir den Kopf ab.» Dazu ein entsprechendes Emoji. Oder ist das unangebracht?

A. B.

Liebe Frau B.,

wir wollen voller Frieden im Herzen ins neue Jahr starten und der Menschheit gegenüber noch mehr Grosszügigkeit an den Tag legen, als wir das ohnehin schon tun, das ist die Prämisse dieser Antwort und sowieso die Haltung dieser unserer kleinen Rubrik. Aber man muss doch auch Mass halten mit dieser wonnigen Milde, und deshalb halten wir fest: Ihr Reflex, einen Kopf abreissen zu wollen, ist völlig verständlich. Denn es ist unschön, wenn das eigene Kind beschimpft wird, da will man sofort dagegenhalten und den Aggressor in den Senkel stellen, und zwar so richtig.

Aber wenn Sie nun einen Moment innehalten und eventuell noch eine yogaartige Position einnehmen, werden Sie erkennen, dass just dies vermutlich alles noch viel schlimmer macht. Es besteht das nicht zu unterschätzende Risiko, dass Ihr Kind vor Scham im Boden versinkt, wenn da die Frau Mutter wie eine Furie den Instagram-Account des Beschimpfers entert und in Form von Pistolen- und Totenschädel-Emojis rumschreit.

Hinzu kommt: Eventuell hat ja Ihr Kind zuerst beschimpft. Eltern neigen dazu, Sätze zu sagen wie: «Also unser Noah . . .», und dann folgt meist ein Sermon, dahin gehend, dass der Noah nachgerade engelsgleich sei, was sich in der Regel so gar nicht mit dem Eindruck der Umgebung deckt, die den Noah für einen grausamen Unsympathen hält; es handelt sich dabei um ein verbreitetes elterliches Wahrnehmungsproblem. Nehmen Sie Abstand davon. Stehen Sie drüber. Zeigen Sie Grösse. Und gehen Sie dem Ganzen auf den Grund, bevor Sie einschreiten.

Und dann müssen wir ja ganz grundsätzlich konstatieren: Die Welt ist schlecht, und sie wird es auch 2018 bleiben, egal, wie viel Frieden wir im Herzen tragen. Und weil die sozialen Medien ein Abbild der Welt sind, geht es dort auch nicht liebevoller zu. Dort kommt der unangenehme Mitmensch vielmehr erst richtig zur Geltung, weil er dort seine Gehässigkeiten verbreiten kann, ohne dabei dem Gegenüber ins Gesicht schauen zu müssen.

Jetzt ist das zwar schmerzhaft, aber man kann seinem Kind die Welt nicht ersparen.


Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 18:08 Uhr

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