Der neuste Weg zum Glück heisst «Ikigai»

Die japanische Philosophie für ein stressfreies Leben ist im Westen angekommen. Was steckt dahinter?

Mit Hingabe und Sorgfalt leben: Senioren in einem traditionellen japanischen Badehaus. Foto: Laif

Mit Hingabe und Sorgfalt leben: Senioren in einem traditionellen japanischen Badehaus. Foto: Laif

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Auf der Suche nach innerer Ruhe landete der Westen öfter mal im Fernen Osten. Das jüngste Fundstück fernöstlicher Spiritualität ist «Ikigai», eine Form tiefster Zufriedenheit aus Japan, die an den türkisklaren Stränden von Okinawa genauso zu Hause ist wie in den gläsernen Stadtlabyrinthen von Tokio.

In letzter Zeit sind mehrere Bücher dazu erschienen. Wobei Ikigai gegenüber den letzten spirituellen Wellen wie Buddhismus oder Taoismus den Vorteil hat, dass es keine religiöse Praxis ist, sondern eine Grundhaltung und Kulturtechnik. Denn religiöse Praxis ist anstrengend und zeitraubend, und im Gegensatz zu Yoga macht sie nicht mal fit. So etwas verläuft sich deswegen in der Regel schnell wieder.

Das mit dem Ikigai klingt da verlockender. Der Ausdruck bedeutet «Lebenssinn». Eine andere Übersetzung ist: «Wofür es sich zu leben lohnt». Oder noch deutlicher: «der Grund, morgens aufzustehen». So kann man das etwa bei Kenichiro «Ken» Mogi nachlesen, dem bisher einzigen japanischen Autor unter allen, der zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurde. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass es das einzige Buch ist, das nicht mit den Heilsversprechen der Ratgeberliteratur daherkommt, sondern das Phänomen historisch behandelt.

Im Hier und Jetzt: Kenichiro «Ken» Mogi. Foto: Joi

Ken Mogi weiss, dass es nicht einfach ist, einem Westler Ikigai zu erklären. Er hat es auf fünf Grundsätze heruntergebrochen: Klein anfangen. Loslassen lernen. Harmonie und Nachhaltigkeit leben. Die Freude an kleinen Dingen entdecken. Im Hier und Jetzt sein. Wobei es weniger die Grundsätze als die Anekdoten sind, die Westler verstehen. Angefangen mit den Bewohnern der Insel Okinawa, die viel häufiger über 100 Jahre alt werden als Menschen im Rest der Welt. Weil sie ihr Glück der kleinen Dinge gefunden haben, wie es heisst. Solche messbaren Beweise für den Erfolg eines Ethos gibt es selten. Als urbaner Skeptiker erinnern einen solche Geschichten einfacher und sehr alter Leute auf Tropeninseln zu sehr an Jean-Jacques Rousseaus Mär vom edlen Wilden.

Mogis Paradebeispiel für die nachhaltige Wirkung des Ikigai sind deswegen auch nicht die Fischersleute von Okinawa, sondern es ist der Sushi-Meister Jiro Ono. Der betreibt in Tokio ein Lokal mit nur zehn Sitzen. Drei Sterne gab ihm der «Guide Michelin». Der japanische Premierminister Shinzo Abe führte den damaligen US-Präsidenten Barack Obama dorthin. Es gibt einen Dokumentarfilm über ihn, der zu den Dauerbrennern der Streamingdienste gehört. Onos Ikigai, so erklärt es Mogi, seien seine extreme Liebe zum Detail und zur Einfachheit. Und seine Leidenschaft, die ihn jeden Tag hinter den Tresen seines Lokals treibt, obwohl er schon 93 Jahre alt ist.

Der Sushi-Meister als Vorzeigebeispiel

Ken Mogi ist eigentlich Hirnforscher. In Japan kommt er der westlichen Figur des Intellektuellen ziemlich nah. Er moderiert Radio- und Fernsehsendungen, schreibt Bestseller und Essays. Sein Hauptwerk ist eine wissenschaftsphilosophische Beweisführung, warum Maschinen niemals Bewusstsein entwickeln werden. Das ist zwar eine andere Geschichte, passt aber ebenso gut ins Werk eines Hirnforschers auf der Höhe der Zeit wie die Auseinandersetzung mit Ikigai.

Ein Ikigai-Paradebeispiel: Sushi-Meister Jiro Ono. Video: Netflix (Youtube)

Verabredet man sich mit dem 56-Jährigen, trifft man einen äusserst neugierigen Mann mit sorgsam zerzauster Wissenschaftlermähne. Für ihn als Japaner war Ikigai immer eine Selbstverständlichkeit. «Ikigai war immer ein Element der japanischen Gesellschaft.» Mogis Anstoss, ein Buch darüber zu schreiben, kam aus der westlichen Welt. «Für mich als Neurowissenschaftler war Metakognition immer sehr wichtig, also die Wahrnehmung des Selbst mit einem Blick von aussen. Als sich Amerikaner in Tokio immer stärker für Ikigai interessierten, begriff ich, dass vieles, was wir selbst und die Welt an Japan schätzen, aus dem Ikigai kommt.»

Akribisch gepflegte Hobbys

Es ist die Nachhaltigkeit der inneren Ruhe, welche die Geschichten über das Ikigai bestimmt. Ein weiteres Beispiel ist Sumiko Iwamura, die 84-jährige Köchin eines Dumpling-Restaurants, die jeden Tag in ihrem Lokal steht und Teigtaschen zubereitet. Nach Ladenschluss allerdings zieht sie in die Clubs des Tokioter Ausgehviertels Shinjuku und arbeitet dort als DJ mit dem Künstlernamen DJ Sumirock. Sie legt Techno auf, in der Regel zwischen 1 und 4 Uhr morgens. Das hat sie in einer DJ-Schule gelernt, die sie nach dem Tod ihres Mannes besuchte, dort entdeckte sie mit über 70 ihr Talent. Richtig gut soll sie sein, zumindest laden sie Clubs aus aller Welt zu Gastspielen ein. Und sie macht das nicht als Hobby.

Diese Fabel von Techno als Jungbrunnen trifft in Dauerstressgesellschaften wie den USA einen solchen Nerv, weil da viele Probleme der Gegenwart ins Positive aufgelöst werden: Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Überalterung und die brutale Dynamik des Durchlauferhitzers der Megalopolis verwandelt Ikigai in einen Glücksmoment. Der bei DJ Sumirock schon weit über zehn Jahre andauert.

Die älteste DJ der Welt: Die 84-jährige DJ Sumirock. Video: Guinness Book of World Records (Youtube)

Nicht alle Ikigai-Geschichten haben mit dem Altern zu tun. Ken Mogi erzählt in seinem Buch auch von der Familie Nagae, die seit zwei Generationen versucht, die legendären Sternschalen nachzutöpfern, die in früheren Jahrhunderten siegreiche Feldherren als Siegesgabe bekamen. Die Originale sind heute nationale Kunstschätze. Die Versuche der Familie Nagae waren bisher vergeblich. Und doch geben sie nicht auf.

Worauf Mogi eine Linie zur Fankultur der japanischen Jugend zieht, die über die Manga-Comics inzwischen Welterfolge erzielt. Die Hingabe, mit der sich die Anhänger der weltgrössten Comicmesse Comiket in Tokio ihren Fantasiewelten widmen, sind für Ken Mogi der Beweis, wie früh sich Ikigai im Leben der Japaner findet.

Ein Psychogramm der japanischen Gesellschaft

Liegt darin das Geheimnis der von aller Welt bewunderten inneren Ruhe der japanischen Gesellschaft, in welcher der Stress noch viel höher ist (so hoch, dass es mit dem Wort «Karoshi» einen Ausdruck für «sich zu Tode arbeiten» gibt)? Ken Mogi sagt: «Ikigai macht es Japanern möglich, mit den hohen Anforderungen ihrer Arbeit, dem Tempo und der Ethik fertigzuwerden.» Das sei auch der Grund, warum der Rest der Welt sich dafür interessiere. «Genauso wie die japanische Gesellschaft gerade mit dem Gewissenskampf ringt, was das Leben jenseits von Arbeit und Wohlstand bedeutet, setzen Globalisierung und technischer Fortschritt wie künstliche Intelligenz Menschen in aller Welt unter Druck. Ikigai liefert einen Entwurf für ein besseres Leben in einer Zeit des Umbruchs.»

Eine Stärke des Buches ist, dass man auch sehr viel über Soziologie und Psyche Japans erfährt. Doch die innere Ruhe kann jeder nur in sich selbst finden. Japan kann da keine Rezepte liefern. Höchstens ein Beispiel.

Ken Mogi: Ikigai, Dumont-Verlag, 2018, 176 Seiten, ca. 30 Franken.

Erstellt: 20.06.2019, 20:03 Uhr

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