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«Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun»

Deutschland debattiert über die Sexismus-Anschuldigungen gegen FDP-Politiker Rainer Brüderle: Im Vorwurf einer «Stern»-Journalistin, sie sei von ihm sexuell bedrängt worden, sehen viele politisches Kalkül.

«Da soll ein Hoffnungsträger mutwillig zerstört werden»: FDP-Politiker Rainer Brüderle ist in die Schusslinie deutscher Medien geraten. (Archivbild)
«Da soll ein Hoffnungsträger mutwillig zerstört werden»: FDP-Politiker Rainer Brüderle ist in die Schusslinie deutscher Medien geraten. (Archivbild)
Reuters

Der Fraktionschef der deutschen FDP, Rainer Brüderle, will sich nicht weiter zu den Sexismus-Vorwürfen gegen ihn äussern. Auf einem Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen Liberalen am Sonntag in Düsseldorf nahm der designierte FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl zu dem Thema keine Stellung. Die Debatte zog am Wochenende weitere Kreise. Der 67-Jährige soll sich vor gut einem Jahr gegenüber einer Journalistin des Magazins «Stern» anzüglich geäussert haben (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Die NRW-FDP stärkte Brüderle, der am Sonntag erstmals seit Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich aufgetreten war, demonstrativ den Rücken. Der Chef der nordrhein-westfälischen FDP, Christian Lindner, begrüsste Brüderle als «unseren Freund, hinter dem wir stehen». Aussenminister Guido Westerwelle (FDP) rief die Partei zur Solidarität mit Brüderle auf: Er sprach von «Zerrbildern», die in Medien über Menschen verbreitet würden. Dies dürfe man «nicht durchgehen lassen».

Der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hält die Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle für politisch motiviert. Es sei schon «eine ziemliche Unverschämtheit» der Reporterin, erst nach einem Jahr diese Vorwürfe zu erheben – ausgerechnet dann, wenn jemand bei den Liberalen eine neue politische Funktion übernimmt, sagte Niebel am Sonntag in der ZDF-Sendung «Berlin direkt». «Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun», fügte er hinzu.

Mehrheit fordert eine Entschuldigung

Die «Stern»-Journalistin Laura Himmelreich hatte in einem Artikel eine Situation vor gut einem Jahr beschrieben, bei der Brüderle auf ihre Brüste geschaut und gesagt haben soll: «Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.» Zudem soll er ihre Hand genommen, diese geküsst und gesagt haben: «Politikern verfallen doch alle Journalistinnen.» Seit der Veröffentlichung gab es zwischen der Journalistin und dem FDP-Politiker nach Auskunft einer «Stern»-Sprecherin keinen Kontakt. Es habe auch keine Entschuldigung gegeben.

Genau diese erwartet offenbar eine Mehrheit der Deutschen, sollten die Vorwürfe zutreffen. Nach einer Emnid-Umfrage für «Bild am Sonntag» unter 500 Bundesbürgern finden 90 Prozent, dass Brüderle die «Stern»-Journalistin um Verzeihung bitten sollte, wenn die von ihr erhobenen Vorwürfe stimmten. Nur sechs Prozent der Befragten halten eine Entschuldigung für nicht notwendig. 45 Prozent der Befragten halten, falls die Vorwürfe stimmen, sogar einen Rücktritt Brüderles vom Amt des Fraktionsvorsitzenden für angemessen.

Die Hamburger FDP-Fraktionschefin Katja Suding sieht Brüderle allerdings nicht unter Zugzwang. Eine öffentliche Entschuldigung sei unnötig, sagte sie dem «Hamburger Abendblatt». «Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, wird nun einmal auch geflirtet», sagte sie. Trotz der anhaltenden Debatte halte sie den Ruf des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag für «nicht beschädigt». Mit der Doppelspitze aus Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Brüderle habe die FDP sehr gute Chancen im Wahlkampf.

«Hier geht es um Respekt»

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig beklagte einen «alltäglichen Sexismus» in der deutschen Gesellschaft. Dieser sei in all seinen Facetten völlig inakzeptabel, sagte Schwesig der «Welt am Sonntag». «Letztlich ist das ein deutlicher Ausdruck mangelnder Wertschätzung und damit fehlender Gleichberechtigung der Frauen.»

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast mahnte, es sei an der Zeit, dass sich Brüderle zu den Vorwürfen äussert. Sie begrüsste gleichzeitig die gesellschaftliche Debatte: «Sexismus darf nicht mehr stillschweigend hingenommen werden! Flotte Sprüche, durch die die Frauen zum Objekt gemacht werden, sind und bleiben unmöglich, da können sie noch so im Gewand eines ‹Herrenwitzes› daherkommen. Hier geht es um Respekt.»

Manipulationsvorwürfe gegen den «Stern»

CSU-Familienpolitiker Norbert Geis verteidigte Brüderle hingegen. «Was Rainer Brüderle gesagt hat, darf man nicht unter Sexismus einordnen», sagte Geis der «Welt am Sonntag». Man wisse, «dass er zu saloppen Bemerkungen neigt». Geis räumte aber auch ein: «In diesem Fall war sie vielleicht unpassend.»

FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki warf dem Magazin «Stern» vor, Brüderle mit der Veröffentlichung von Sexismus-Vorwürfen politisch schaden zu wollen. Der Zeitung «Bild am Sonntag» sagte Kubicki: «Hier soll ein Hoffnungsträger der FDP mutwillig beschädigt werden. Die ‹Stern›-Chefredaktion sollte sich die Frage stellen, ob sie das Blatt auf ein Niveau bringen will, dass man es nicht mehr empfehlen kann.»

Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Schleswig-Holstein warf dem Magazin ferner einen «Tabubruch» vor und will wegen der Affäre persönliche Kontakte zu Journalistinnen einschränken. «Bislang waren abendliche Gespräche – ob beim Essen oder nach einem Parteitag an der Hotelbar – ein durch Vertraulichkeit geschützter Bereich», monierte Kubicki. In Zukunft aber werde er keine Journalistinnen mehr als Wahlkampfbegleitung in seinem Fahrzeug mitnehmen.

dapd/fko

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