Das sind die beliebtesten Klima-Ausreden

Ich kann ja sowieso nichts ändern, die Chinesen sind noch viel schlimmer: Es gibt viele schlechte Gründe, um nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Gibt es den Klimawandel überhaupt? Wenn ja, was soll ausgerechnet ich dagegen tun? Und sowieso: Die anderen fliegen ja auch. Foto: Keystone

Gibt es den Klimawandel überhaupt? Wenn ja, was soll ausgerechnet ich dagegen tun? Und sowieso: Die anderen fliegen ja auch. Foto: Keystone

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Es ist ein Freitag im Frühjahr 2019, ich sitze zu Hause. Die Sonne strahlt vom Himmel, ein herrlicher Tag für Waldspaziergänge mit offener Jacke. Irgendwo gehen jetzt gerade junge Leute auf die Strasse. Sie lassen ihre Äquivalenzgleichungen und chemischen Versuche, ihre Gedicht­analysen und Englischprüfungen sausen und demonstrieren für eine bessere Zukunft. Anderswo hacken Erwachsene gehässige Kommentare gegen die in ihren Augen unrealistischen Schwärmer in ihre Geräte. Oder erwidern die Unkenrufe je nach Stil mit Argumenten, Gegenvorwürfen oder Selbstverklagung.

Ich sitze zu Hause und denke: Nichts wird sich ändern. Weder die «ältere» Generation noch die jüngere wird ernsthafte Schritte unternehmen, das Klima, die Umwelt, die Zukunft zu retten. Denn ernsthafte Schritte würde bedeuten: nahezu unerträglich drastische Schritte. Es ist uns klar, dass ein Vegi-Day pro Woche nichts bewirkt, aber auch der kompromisslose Veganer geht noch nicht weit genug, wenn er nicht ebenso kompromisslos auf Importobst, ein Einfamilienhaus im Grünen, ein eigenes Auto, Flugreisen und am besten Reisen im Allgemeinen verzichtet. Zudem müsste alles – oder fast alles – teurer werden: Lebensmittel, Heizkosten, Elektrogeräte, Bauland, Stromverbrauch, Google, Transportkosten. Wir müssten auf den Lebensstandard einer früheren Zeit zurückfallen.

Selbstverständlich werden wir das nicht tun, schon gar nicht freiwillig. Stattdessen werden wir uns auf die üblichen Ausreden zurückziehen, die ich in diesem Text zusammenfassen möchte. Keine Angst, es ist für jeden was dabei.

Für den unbeugsamen Klimawandelleugner:

1. Der Klimawandel ist ein von linksgrünen Konsumkritikern erfundener Mythos, um der Wirtschaft zu schaden.

2. Falls es den Klimawandel tatsächlich geben sollte (was nicht ausgemacht ist, siehe Punkt 1), ist er jedenfalls nicht von Menschen verursacht und kann demnach nicht von Menschen aufgehalten werden. Zur Untermauerung dieser Meinung braucht man: eine beliebige Anzahl angeblicher Experten mit wohlklingenden Doktortiteln, dazu kompliziert wirkende Berechnungen von Kohlendioxid-Prozentzahlen in der Atmosphäre und die Attitüde des naturwissenschaftlich denkenden Skeptikers.

3. Falls diesen Ausreden entgegengehalten wird, dass man die Umwelt auch jenseits von Klimabedenken schonend behandeln sollte, spielt man die Auswirkungen von Luftverschmutzung, Gewässerverseuchung, Bodenvergiftung und Artensterben herunter, verweist auf Weltregionen und historische Perioden, in denen alles noch viel schlimmer ist oder war («Aber die Chinesen!», «Aber in den Fünfzigerjahren!»), schliesst das Ganze mit der Bemerkung ab, dass zudem gar nicht gesagt ist, dass das alles irgendwas mit dem Klimawandel zu tun hat, und stellt dann fest, dass es verfrüht wäre, vor der abschliessenden Klärung dieser Frage irgendetwas zu unternehmen. Von hier an geht es wieder weiter mit Punkt 2.

4. Falls man sich argumentativ nicht mehr um das Eingeständnis gewisser tatsächlich existierender Umweltprobleme herumwinden kann, erklärt man diese zu singulären Einzelereignissen naturkatastrophalen Charakters. Ja, die Waldbrände waren schon schlimm, ja, die Trockenheit war bedauerlich, ja, die Überschwemmungen hätten nicht sein müssen, aber so etwas gibt es leider immer wieder. Das ist höhere Gewalt, so etwas lässt sich nie vermeiden, doch daraus kann man nun keinesfalls den Schluss ziehen, dass wir auf Autobahnen ein Tempolimit brauchen. Man verknüpft am besten zwei besonders entlegene Ereignisse, etwa einen Felssturz in der Schweiz mit der Garnelenzucht in Thailand. Damit überzeugt man auch den hartgesottensten Gegner von der Absurdität des Vorhabens.

Für die vom Gewissen Geplagten:

Wer sich hat weichkochen lassen, dass er die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung einsieht und möglicherweise sogar von einem dumpf drückenden Gewissen geplagt wird, muss noch lange nicht aktiv werden. Ihm bleibt eine weite Palette an Begründungen für faktische Untätigkeit.

1. Ich hab ja sowieso schon kein Auto / bin ohnehin schon Vegetarier / hab ja keine Kinder / esse keine Avocados / kaufe nur eine Hose pro Jahr, das muss doch reichen. Mit den Pluspunkten, die ich durch den Verzicht auf ein neues Handy / den Kauf eines energieeffizienten Kühlschranks / die Beteiligung an einer Bio-Käserei angesammelt habe, kann ich problemlos einen Wochenendtrip nach London machen / einen SUV fahren / täglich mein Fleisch auf dem Teller haben. Im Grunde verhalte ich mich klimaneutral. (Dass diese Behauptungen hanebüchen sind und einer seriösen Überprüfung nicht standhalten, ist völlig vernachlässigbar. Keiner wird je ernsthaft Nachforschungen anstellen, denn dann käme ja raus, dass sich jeder in irgendeiner Weise in die eigene Tasche lügt.)

Auf Avocado zu verzichten gehört schon fast zum guten Ton: Zu viel darauf einbilden sollte man sich aber nicht. Foto: Getty

2. Wer zur Erkenntnis gelangt ist, dass die unter Punkt 1 aufgeführten Massnahmen nichts als Schönfärberei und Makulatur sind, greift zum Fatalismus: Was soll ich als Einzelner schon bewirken? Auf mich kommt es doch überhaupt nicht an. Wenn die Politik das nicht anpackt, dann wird das nichts (und die Politik wird das nicht anpacken, denn die hängt noch in der Ausredenschleife der Klimawandelleugner fest). Zur Untermauerung der These dienen folgende Argumente:

2 a. Bisher ist es selbst den eingefleischtesten Umweltschützern nicht gelungen, ihren ökologischen Fussabdruck nachhaltig auf die notwendige Grösse zu schrumpfen. Zero-Waste- oder Zero-Plastic-Pioniere haben am Ende doch wieder zwei Kinder, ein Auto, eine geheizte Wohnung, einen zu hohen Stromverbrauch, Toast in Plastikverpackung oder einen Internetanschluss. Das macht sie völlig unglaubwürdig. Ihnen nachzueifern, empfiehlt sich daher nicht.

Probleme der anderen gehen uns nichts an. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

2 b. Wollte ich ihnen trotzdem nacheifern, würde ich mich damit nur einem Leben voller unverhältnismässig harter Entbehrungen unterwerfen. Ich hätte vielleicht ein ruhiges Gewissen, doch nur zum Preis völliger Selbstkasteiung. Warum soll ich der Trottel sein, der das freudlose Leben eines Tiroler Bergbauern im 19. Jahrhundert führt, während alle anderen den Karren auch ohne mich prächtig an die Wand fahren? Das bisschen moralische Überlegenheit kann ich billiger haben (siehe Punkt 1).

3. Für Apokalyptiker bleibt in der Folge noch das Argument, dass sowieso schon alles zu spät ist. Daraus folgt, dass man das Leben noch einmal in vollen Zügen geniessen soll. Die Titanic sinkt, doch auf dem Buffet stehen noch Champagner und Kaviar.

Für die Optimisten und Zyniker:

Es gibt auch Menschen, die im Klimawandel durchaus Chancen erblicken. Aus ihrer Sicht ist es gar nicht schlecht, wenn die Temperaturen steigen. Ich nenne sie die Optimisten (um nicht zu sagen: Zyniker). Hier ihre Argumente fürs Nichtstun:

1. Der Mensch hat immer wieder bewiesen, dass er mit technischem Fortschritt in kurzer Zeit bemerkenswerte Zivilisationssprünge machen kann. Heute bereitet uns das CO2 in der Atmos­phäre Sorgen, morgen saugen wir es mit preiswerten Maschinen ab und wandeln es in saubere Energie um.

2. Seien wir ehrlich: Wir in Mitteleuropa können vom Klimawandel doch nur profitieren! Die langen Winter waren mir schon immer ein Gräuel. Und war der letzte Sommer etwa nicht herrlich? Das Bewässerungsproblem werden wir schon in den Griff bekommen (siehe Punkt 1).

3. Falls dem jemand tatsächlich entgegenhalten sollte, dass dafür in anderen Weltgegenden weite Landstriche unbewohnbar und Millionen von Menschen gezwungen sein werden, ihre Heimat zu verlassen, erwidert man, dass uns diese Probleme ja wohl nichts angehen. Im Übrigen ist jeder seines eigenen Glückes Schmied.

Damit kommen wir der Klima-Migration schon bei: Grenzzaun zwischen Bulgarien und Türkei. Foto: Keystone

4. Wirft daraufhin jemand die Frage auf, wie man mit den andrängenden Klimamigranten umzugehen gedenkt, verweist man auf die bewährten Massnahmen: Ausreiseverbotsabkommen mit Diktatoren, Konzentrationslager in Libyen, Massengräber im Mittelmeer, Stacheldrahtzäune, Abschiebungen. Dies alles ist bereits jetzt höchst effizient, und mittlerweile haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass der moralische Aufschrei verstummt ist.

Es ist ein Freitag im Frühjahr 2019, ich sitze zu Hause. Das Weltklima wandelt sich. Die Menschheit bleibt dieselbe. Die Zeichen an der Wand sind unübersehbar. Wir werden rhetorisch noch weiter aufrüsten müssen. Noch ein bisschen sicht­barer Symbolpolitik betreiben. Vielleicht von Billigfleisch auf Bio-Poulet umsteigen. Oder nur noch einmal im Jahr verreisen.

Wirklich ändern wird sich nichts. Dafür sind unsere Ausreden einfach zu gut.


* Selma Mahlknecht (40) ist Schriftstellerin und Dramaturgin.Sie lebt in Zernez GR. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.04.2019, 11:11 Uhr

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