Das Kamerakind des Nahostkonflikts

Die zehnjährige Palästinenserin Janna Jihad ist die jüngste Kriegsreporterin der Welt.

Während Gleichaltrige mit Puppen spielen, filmt Janna Jihad Tod und Gewalt. Video: AJ+/Youtube


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Am Anfang war der Tod. Als Cousin und Onkel ums Leben kamen, der eine verbrannt, der andere vor ihren Augen erschossen, startete Janna Jihad ihre Mission. Die heute 10-jährige Palästinenserin bewaffnete sich mit einer Handkamera und begann, Protestmärsche, Verhaftungen und Gewalt gegen Palästinenser zu filmen. Manchmal nahm sie auch das Handy ihrer Mutter zu Hilfe und streckte es den israelischen Sicherheitskräften aus nächster Nähe entgegen. «Geht weg von meinem Land!», schreit sie ihnen zu.

Als Kind müsse sie, im Unterschied zu erwachsenen Journalisten, nichts von ihnen befürchten, sagt Jihad in einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender al-Jazeera. Schon seit bald drei Jahren stellt sie ihre teilweise wackligen Videos auf Facebook, Snapchat und Youtube. Sie will der Weltöffentlichkeit zeigen, was es bedeutet, in ihrer verwundeten Heimat, dem besetzten Westjordanland, zu leben. Zu den kurzen Aufnahmen spricht das Mädchen auf Arabisch oder Englisch und beschreibt, was sie umgibt: «Ich sehe die Besatzung, Soldaten, Kanonen und die Polizei. Sie machen viel, um uns aus unserem Land zu vertreiben.» Man blickt auf staubige Strassen, lauernde Militärkonvois, emporgereckte palästinensische Flaggen.

Video: Janna Jihad/Youtube

Die Familie von Jihad ist schon lang politisch aktiv. Ein Onkel war Fotograf und dokumentierte die Gewalt israelischer Soldaten. Seit die Situation zwischen Israelis und Palästinensern vergangenen Oktober wieder eskaliert ist, kommt es in Nabi Saleh, Jihads Dorf, täglich zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei, auch zu Todesfällen. Es ist ein Alltag, den das Mädchen schon viel früher kennen gelernt hat. Als Dreijährige bekam sie die Proteste gegen die Gründung der israelischen Siedlung hautnah mit – das Haus der Familie steht am Eingang des Dorfes, wo die von Kugeln getroffenen Zivilisten in Sicherheit gebracht wurden. «Ich lebte in dieser Atmosphäre», sagt Jihad. Während andere Kinder sorglos spielen dürfen und mit ihrem Finger staunend auf harmlose Dinge in der Umgebung deuten, zieht Jihad los und richtet die Linse auf Verzweiflung, Erniedrigung, Wut – die ganze Hässlichkeit der Menschen.

Die Mutter, die Jihad auf ihre Reportagen begleitet, nach Jerusalem oder Hebron, ist hin- und hergerissen. Stolz empfindet sie ob des Muts ihrer Tochter, die eigene Botschaft hinauszurufen. Und unsägliche Angst um ihre Sicherheit. Ist das verantwortungslos, verdirbt es ihre Kindheit? Möglicherweise. Aber macht das nicht, zuallererst, der Krieg? Jihad jedenfalls antwortet auf die Frage, wie für sie die ideale Welt aussehen würde, ganz kindlich: «Sie wäre pink.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2016, 18:45 Uhr

Janna Jihad. Foto: PD

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