Das Kind als Intelligenzbestie

Immer mehr Eltern wollen wissen, wie hoch der IQ ihres Nachwuchses ist. Ein Test ist jedoch nur in bestimmten Fällen sinnvoll.

Mein Stein, dein Stein, Einstein: Es können nicht alle so gescheit sein wie der Physiker. Foto: Kilian J. Kessler

Mein Stein, dein Stein, Einstein: Es können nicht alle so gescheit sein wie der Physiker. Foto: Kilian J. Kessler

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Marlene hat jetzt einen Wert. Der ist nicht so hoch, wie ihre Eltern gedacht haben, aber immerhin. 120 lautet er. Marlene wird ihn für den Rest des Lebens mit sich herumtragen. Das ist ihr IQ, so intelligent ist sie. Klar überdurchschnittlich. Aber auch eindeutig nicht hochbegabt. Das hatten ihre Eltern eigentlich erwartet, als sie Marlene zum Psychologen schickten. Erwartet. Gehofft. Befürchtet. Irgendwie alles zusammen. Schliesslich war die heute Elfjährige die Beste in ihrer Klasse, als vor zwei Jahren ihr Intelligenzquotient vermessen wurde. Ein aufgewecktes Kind, ehrgeizig und lernbegierig. Eine begabte Schülerin – und nun doch nicht hochbegabt.

IQ-Tests sind inzwischen ein Massenphänomen, zumindest die für Kinder. Auch wenn Erwachsene sich selbst selten einem aufwendigen Test unterziehen: Von ihren Kindern wollen sie wissen, wie intelligent die sind. Sie wollen einen Wert.

Ein unsinniger Trend, findet der Pädagoge und Psychologe Detlef Rost, der sich an der Universität Marburg seit Jahrzehnten mit Intelligenz und Hochbegabung beschäftigt. Wenn Eltern bei ihm anrufen, weil sie ihr Kind testen lassen wollen, dann fragt Rost: «Warum wollen Sie das wissen?» Und wenn die Eltern dann sagen, das interessiere sie eben, fragt er: «Wissen Sie denn, wie gross die Milz Ihres Kindes ist? Das könnte Sie ja auch interessieren.» Die Neugier, betont Rost, sei kein Anlass für einen IQ-Test bei einem Kind, dessen Ergebnis dem Kind für den Rest seines Lebens einen Stempel aufdrücke und es in seinem Selbstverständnis beeinflusse. Vernünftige Anlässe für einen Test gibt es trotzdem genug: Er sei immer dann sinnvoll, wenn ein Kind Probleme in der Schule habe und wenn der Verdacht bestehe, dass dies mit einer besonderen Begabung oder Nichtbegabung einhergehe, sagt Rost.

Schlechte Noten sind selten ein Hinweis auf Hochbegabung

Das sieht auch Gerd Schulte-Körne so. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität München ist durchaus ein Fan von IQ-Tests – sofern sie nicht als Lifestyle-Instrument stolzer Eltern genutzt werden, sondern dafür, Ursachen von Problemen beim Lernen zu finden.

Es gibt mehrere Intelligenztests, die für Kinder gemacht sind. In der Regel werden sehr unterschiedliche Fertigkeiten abgefragt: sprachliches Können, logisches Denken, Aufmerksamkeit, Kurzzeitgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit. Moderne Tests haben zudem keine Sprachbarriere, sie funktionieren über Kulturen hinweg.

Die Ergebnisse helfen, Ursachen zu finden: Hapert es mit dem Lernen, weil das Kind wirklich nicht intelligent genug ist? Oder kann es sich nicht konzentrieren – hat also womöglich ein ADS oder ADHS? Liegt eine Lese- und Rechtschreibschwäche vor? Oder vielleicht eine gravierende Rechenschwäche? Auch die hat nichts mit einem niedrigen IQ zu tun. Möglicherweise hat das Kind Sorgen, weil sich die Eltern scheiden lassen, oder es hat eine Angststörung und kann sich darum nicht auf den Lernstoff konzentrieren. Sehr selten erfüllt sich die Hoffnung mancher Eltern, dass schlechte Noten auf eine Hochbegabung zurückzuführen sind, dass sich das Kind langweilt, weil es zu schlau ist. «Das kommt eigentlich nie vor», sagt Schulte-Körne. «Man muss schon feststellen: Häufig weicht der gemessene IQ-Wert ­erheblich von den Erwartungen der ­Eltern ab.»

Doch wie aussagekräftig sind IQ-Tests überhaupt? So begierig manche Eltern die Intelligenzvermessung ihres Kindes verfolgen: Ähnlich häufig wie die Überbewertung von IQ-Ergebnissen ist in der Bevölkerung auch die gegenteilige Haltung: dass IQ-Tests ­sowieso Unsinn seien. Viele schätzen den IQ als Wert nicht besonders – was nachvollziehbar ist. Schliesslich unterteilt er die Menschheit – und das bei einem so angesehenen Merkmal wie der Intelligenz.

Der IQ ist so definiert, dass ein Wert von 100 den Mittelwert über alle Menschen markiert. Somit ist die Hälfte der Menschheit zwangsläufig intelligenter, ihr IQ ist grösser als 100, die andere Hälfte aber weniger intelligent, ihr IQ ist kleiner als 100. Ab einem IQ von 130 beginnt Hochbegabung, ab einem IQ von 70 abwärts die geistige Behinderung. Gäbe es einen messbaren Wert für Schönheit oder Beliebtheit, wäre der wohl ebenso umstritten.

Intelligenz beeinflusst Gesundheit, Lohn und Lebensdauer

Das Ergebnis eines IQ-Tests ist unter anderem von der Tagesform abhängig und vom Interesse, mit dem man an dem Test arbeitet. Aber wenn man ihn ausgeschlafen und ohne grössere Sorgen willig absolviert und grundsätzlich das Ausfüllen von Tests gewohnt ist, sei das Ergebnis sehr valide, sagt Schulte-Körne.

Seit geraumer Zeit gibt es indes Kritik am Intelligenzkonzept. Es wird argumentiert, dass soziale oder emotionale Intelligenz viel wichtiger sei als die altbekannte Intelligenz, die ein Test misst. Was also ist Intelligenz? «Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst», lästerte Science-Fiction-Autor Isaac Asimov schon im vergangenen Jahrhundert. Die ernstere Antwort lautet: Es gibt zwei Arten von Intelligenz: Die fluide Intelligenz ist die Fähigkeit zu schlussfolgerndem Denken. Die kristalline Intelligenz steht für das erlernte Wissen, das von Bildung, Erfahrung und Kultur abhängt. «Intelligenz ist im Wesentlichen die Fähigkeit, aus bereits vorhandenem Wissen neues Wissen ableiten und daraus Schlüsse ziehen zu können», sagt die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich.

Für die Professorin steht das vor einhundert Jahren erfundene IQ-Konzept nicht infrage. «Kein anderes psychologisches Persönlichkeitsmerkmal steht auch nur annähernd auf so seriösen Grundlagen wie die Intelligenz», sagt sie. Das ist in vielen Situationen des Lebens von Vorteil, auch in sozialen. Daher sagt der IQ-Wert so etwas wie Lebenserfolg voraus. Wie intelligent ein Mensch ist, beeinflusst seine Zufriedenheit im Leben, seine Gesundheit, die Höhe seines Einkommens und sogar, wie lange er lebt.

Marlene hat es mit ihren 120 Punkten also ziemlich gut getroffen. Und ihre Eltern? Die haben sich mit dem nicht ganz so hohen IQ-Wert ihres Kindes abgefunden. Sie wissen nun, dass ihre Tochter zu vielem fähig ist, dass sie leicht lernen kann und dass sie trotzdem kein Genie ist. Aber das wussten sie eigentlich schon vor dem Test.



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Erstellt: 11.01.2020, 19:52 Uhr

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