Das Leiden der Smartphone-Babys

Margarete Bolten behandelt Fütterungs- und Schlafprobleme bei Säuglingen. Oft gehen diese mit einem exzessiven Medienkonsum einher.

Wenn Babys regelmässig das Handy in die Hand gedrückt bekommen, kann das gravierende Folgen haben. Foto: Keystone

Wenn Babys regelmässig das Handy in die Hand gedrückt bekommen, kann das gravierende Folgen haben. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Neulich zur Feierabendzeit im überfüllten 14er-Tram. Ein übermüdetes Kleinkind schreit sich im Kinderwagen die Seele aus dem Leib. Der Mutter ist das Verhalten ihres täubelnden Kindes sichtbar peinlich. Sie zückt ihr Smartphone und drückt es dem Mädchen in die Hand. Das Geschrei hört augenblicklich auf.

Margarete Bolten, solche Szenen spielen sich im ÖV, in Restaurants oder in der guten Stube täglich ab. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Ich habe Verständnis für Eltern. Unsere Gesellschaft ist weniger tolerant gegenüber quengelnden Kindern. Die Eltern werden schneller angeklagt. Um mit dem Kind nicht anzuecken, ist das Smartphone eine schnelle Lösung.

Psychologin Margarete Bolten ist Co-Leiterin der Säuglings­sprechstunde bei Schrei-, Schlaf- und Fütterungsproblemen am Kinderspital beider Basel und an den Universitären Psychiatrischen Kliniken. Foto: zvg

Hört Ihr Gedankengang da auf?
Nein. Ich frage mich natürlich, ob die Tramsituation eine ­Ausnahme ist oder ob die Eltern das Smartphone häufiger als ­Erziehungsmittel nutzen, um Verhaltensprobleme in den Griff zu bekommen und sich Ruhe zu verschaffen. Das wäre problematisch.

Sie sagen, zu viel Medien­konsum ist im Kleinkindalter noch schädlicher als sonst.
Im Alter zwischen 0 und 3 Jahren werden 80 Prozent der synaptischen Verbindungen im Hirn angelegt. Wenn Kinder in dieser Phase stundenlang in die virtuelle Welt eintauchen, verpassen sie es beispielsweise, gut sprechen zu lernen, soziale Erfahrungen zu machen, Beziehungen aufzubauen, sich genügend zu bewegen, sich an Regeln zu halten, Emotionen wahrzunehmen und zu lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Was geschieht dabei mit der Verhaltens- und ­der Hirnentwicklung eines Kindes?
Die neuen Medien senden noch intensivere Reize aus als das Fernsehen. Beim Nutzen von Apps oder dem Schauen von Youtube-­Filmchen wird das Belohnungssystem angeregt, aber auch Stresshormone ausgeschüttet, weil ein so kleines Kind mit dem Gesehenen überfordert ist. Stress behindert Lernprozesse, kann zu Hyperaktivität führen und fördert Risikoverhaltensweisen. Zudem behindert er den Schlaf und kann das Essverhalten beeinträchtigen.

Das ist der Grund, ­weshalb Sie sich mit dem ­Smartphone-Konsum von ­Kleinkindern befassen?
Ja. Exzessiver Medienkonsum geht häufig mit Problemen der Eltern einher, Grenzen zu setzen. Denn das muss man nicht nur können, um den Onlinekonsum zu regulieren, sondern auch, um Kinder ins Bett zu bringen. Auch bei vielen Kindern mit Fütterungsstörungen sind Smartphones oder Tablets involviert. Wenn ein Kind das Essen abwehrt, lassen Eltern es oft Filmchen anschauen. Der Säugling ist dadurch so abgelenkt, dass er gar nicht mehr richtig mitkriegt, wie ihm gegen seinen Willen ein Löffel in den Mund gesteckt wird. Das behindert die normale Essensentwicklung und die Freude am Essen.

Illustrationen vom Flyer Tablet, Handy und Co. Credit: «Gesundheitsdepartement BS/Vischer Vettiger Hartmann»

In Ihrer Sprechstunde erleben Sie auch Extremfälle.
Ein Patient starrte, wenn er im Kinderwagen in die Therapie ­gefahren wurde, ununterbrochen auf ein iPad. Andere Eltern legten ihr Kind um 20 Uhr mit dem Gerät ins Bett. Erst drei Stunden später schlief es jeweils, völlig ­erschöpft, ein. Ein Knabe zeigte aufgrund des Medienkonsums schon fast autistische Züge. Er sprach kaum, vermied Blickkontakt und reagierte bei der kleinsten Irritation mit heftigsten Wutanfällen.

Ist der Schaden wiedergutzumachen?
Vieles kann sich zum Glück wieder verbessern. Der Knabe erhielt beispielsweise während der Behandlung absolutes Handyverbot. Sein Verhalten hat sich in kurzer Zeit deutlich verbessert. Auch Essprobleme können rückgängig gemacht werden. Bei Familien, die zu uns finden und die motiviert sind, unsere Ratschläge umzusetzen, gibt es deutliche Besserung. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen das Kind die grossen Defizite behalten hat. Ich finde, das kann sich die Gesellschaft nicht erlauben. Deshalb erstaunt es, dass trotz vielen Studien gesundheitspolitisch nicht darauf reagiert wird. Es wird nur die Medienkompetenz von Schulkindern beachtet. Wir haben deshalb speziell einen Flyer für Eltern von 0 bis 4 Jahre alten Kindern konzipiert (siehe Bilder).

Ab welcher Menge ist ­Onlinekonsum für Kinder unter 4 Jahren schädlich?
Es gibt klare Richtlinien der WHO, die besagen: Keine Bildschirmzeit für Kinder unter 2 Jahren. Ab 3 Jahren sollten sie maximal 60 Minuten am Tag schauen. Das finde ich persönlich zu viel. Dreijährige können sich nicht auf einen ganzen Film konzentrieren. Zudem sollen Filmchen und Apps nach Möglichkeit in Begleitung der Eltern geschaut und genutzt werden.

Was halten Sie von all den Apps, mit denen bereits Dreijährige spielerisch lesen, rechnen oder Englisch lernen sollen?
Ich höre oft: «Ich will doch mein Kind nur fördern.» Studien zeigen ganz klar: Das Fundament allen Lernens basiert auf Beziehung, zumindest in der Kindheit. Sie lernen mit Apps nur etwas, wenn sie diese gemeinsam mit den Eltern nutzen und das Gelernte im Alltag einbringen. Kleinkinder, die sich allein stundenlang mit solchen Apps beschäftigen, können dann vielleicht tatsächlich auf Englisch auf zehn zählen. Dafür beherrschen sie ganz grundlegende Dinge nicht, die sie in ihrem Alter eigentlich können sollten.

Wenn Sie Eltern diesbezüglich nur einen einzigen Rat geben könnten, welcher wäre das?
Mein Standardrat für viele ­Situationen ist: Lehnen Sie sich zurück und überlegen Sie, was Ihre geliebte Grossmutter in ­dieser Situation getan hätte. Manchmal vergessen wir, dass es vor den Smartphones auch ­Lösungen für beispielsweise quengelnde Kinder gab.

Erstellt: 01.11.2019, 11:20 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...