«Das Militär schadet keiner Frau»

Sollen, ja müssen Schweizerinnen in die Armee? Eine Olympiasiegerin, eine Vizedirektorin und eine Publizistin waren dort. Sie reden mit Leidenschaft darüber.

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Eine Sprecherin der Armee meinte heuer, Frauen im Militär hätten genug davon, als «Zirkusattraktion» betrachtet zu werden. Sind Frauen das – «Zirkusattraktionen»?
Patrizia Kummer: Beim Einrücken wurde ich schon schräg angeschaut. «Warum tut sie sich das freiwillig an?», schienen die Männer zu denken. Als ich dann aber einmal in der Truppe drin war, wurde ich akzeptiert. War ich im Ausgänger im Zug unterwegs, gabs etwa gleich viele anerkennende wie abschätzige Blicke.
Esther Girsberger: Ich kam mir nie als Nummerngirl vor. Die Männer merkten rasch, dass wir Frauen dasselbe leisten wollten. Deshalb nahmen sie uns von Anfang an ernst.
Christine Davatz: Die Aussage der Sprecherin sagt viel über die gegenwärtige Verfassung des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) aus, aber wenig übers tatsächliche Ansehen der Frauen im Militär. Will man Frauen für sich gewinnen, sollte die Wortwahl etwas bedachter sein. Auch in der Offiziersausbildung musste ich nicht lange um Anerkennung ringen.

Was waren Ihre schwierigsten Militärmomente?
Davatz: Ich war in einer reinen Frauen-RS. Das war nicht immer einfach, die Einstellungen waren doch sehr verschieden. Es gab Frauen, die hatten sich einziehen lassen, weil sie Uniformen liebten oder weil sie einen Mann suchten. Ich setzte mich politisch gegen die Armeeabschaffung ein und wollte wissen, wovon man spricht. Zudem waren die Altersunterschiede beträchtlich: 18-jährige Mädchen standen neben 30-jährigen Frauen. Wenn es dann härter wurde, wir im Dreck robben mussten, dann ging das Wehklagen bald los. Hätte der Kurs länger als vier Wochen gedauert, wären wir uns wohl richtig in die Haare geraten. (alle lachen)
Girsberger: Das ging mir ähnlich, mit Frauen wars immer etwas schwieriger. Die grösste Herausforderung war die soziale Heterogenität der Truppe: In einer Mehrheit von Nichtakademikerinnen musste ich als Studentin erst mal unten durch. Dass wir so unterschiedlich waren, machte den Dienst letztlich aber erst richtig spannend.
Davatz: Warst du eigentlich auch mal in diesen unterirdischen Gemäuern?
Girsberger: Ich habe als Übermittlerin im K 6 und K 7 Dienst gemacht. Ich war Wochen dort, Wochen! Heute würde die Menschenrechtskommission eingreifen. (lacht)
Kummer: Ich ging mit 24 Jahren in die RS. Ich war richtiggehend geschockt von einigen meiner jüngeren Kameraden, die 18, 19 waren. Die hatten teils null Ahnung vom Leben. Abends sah ich sie im Pyjama und dachte: «Das hat dir wohl das Mami eingepackt?» Körperlich kamen sie erschreckend rasch an ihre Grenzen, da erwies sich die RS tatsächlich als bitter nötige Lebensschule.

«Mal sich durchbeissen müssen, das tut jeder und jedem gut. Ich sage klar: Das Militär schadet keiner Frau.»Patrizia Kummer (*1987)

Und was lernten Sie im Militär?
Kummer: Mal sich durchbeissen müssen, und das mit wenig Schlaf. Das tut jeder und jedem gut. Ich sage klar: Das Militär schadet keiner Frau.
Davatz: Einen Befehl auch mal schlucken und einfach umsetzen können. Gerade Frauen tut es gut, wenn sie den direkten Weg gehen müssen. Und später dann natürlich: führen. Als ich im Stabslehrgang I zum Hauptmann ausgebildet wurde, war ich die einzige Frau unter 120 Männern. Darunter hatte es Kaliber wie SVP-Nationalrat Jürg Stahl ...
Girsberger: Du meine Güte!
Davatz: (lacht) ... da lernte ich rasch, unter Druck Entscheide auf eine Weise zu fällen, dass sie von Untergebenen akzeptiert wurden.
Girsberger: Mit Leuten unterschiedlichster Herkunft auszukommen, das war die lehrreichste Lektion.
Davatz: Ja, das ist ein grosser Pluspunkt des Militärs. Ich merkte als Offizierin, dass ich mit Romands anders umgehen musste als mit Deutschschweizern. Die Romands in meiner Truppe neigten zu Minderwertigkeitsgefühlen; man muss sie deshalb besonders motivieren. Wenn ich sie dann aber überzeugt hatte, dass man die Herausforderungen gemeinsam mit ihnen anpacken will – dann geben sie Gas und machten mit, dass es eine Freude war. Solche Erkenntnisse sind entscheidend für den Zusammenhalt in unserem Land.

Im Militär lernt man auch Schiessen. Eine begrüssenswerte Fähigkeit?
Girsberger: Zu meiner Zeit konnten die Frauen noch keinen Dienst mit Waffen absolvieren. Ich sah mich ohnehin nie als Verteidigerin des Gotthardpasses, die feindliche Truppen mit Waffengewalt zurückschlägt. Gegen Ende der Wiederholungskurse gingen viele von uns Frauen aber mit, um die überschüssige Munition zu verballern. Ziemlich schräg. So warf ich auch mal eine Handgranate.
Kummer: Ich schiesse gern. Gewehrputzen hingegen ... weniger. (alle lachen) Ich bin ein neugieriger Mensch und probiere gerne Sachen aus. Dazu gehörte auch das Schiessen. Gut möglich, dass ich als Nichtsportlerin ebenfalls in die RS gegangen wäre.
Davatz: Ich wurde an der Pistole ausgebildet. Ich fühlte mich nie wirklich wohl mit ihr. Ich sage immer im Scherz: «Wenn ich die Pistole werfe, bin ich gefährlicher, als wenn ich mit ihr schiesse.»

«Einfach sagen, die Arbeit soll jemand anderes für mich erledigen, ist asozial. Nur zahlen reicht nicht.»Christine Davatz (*1958)

Viele Männer gehen den «blauen Weg» und bleiben so dem Militär fern. Finden Sie das problematisch?
Davatz: Das ist eindeutig problematisch! Einfach sagen, die Arbeit soll jetzt lieber jemand anders für mich erledigen – das ist eine asoziale Haltung. Einen Dienst für die Gesellschaft und für die Allgemeinheit sollte jeder und jede leisten. Einfach nur zahlen reicht nicht.
Kummer: Ja, heute kann man sich leider alles erkaufen. Dabei ist das Militär eine Erfahrung, die man sonst nirgends machen kann. Als Person wächst man am Militär. Sicher, es gibt Ausnahmen bei den Sportlern, die sich als untauglich kennzeichnen liessen, etwa Roger Federer, der keinen Militärdienst geleistet hat. Aber damals gabs die Sport-RS in der heutigen Form noch nicht, und für eine Sportkarriere wäre das konventionelle Militär unpraktisch gewesen. Schliesslich dauert eine Sportkarriere viel weniger lang als eine Berufskarriere. Darum war es sicher sinnvoll, dass viele Sportler nicht eingerückt sind.

Es gibt aber neben Federer durchaus ein paar andere Männer, die meinen, sie würden wegen des Dienstes ein Jahr verlieren.
Kummer: Klar. Aber für einen Spitzensportler ist ein Jahr viel, seine Zeit ist limitierter. Und bei den anderen ist ein solches Jahr ja nicht einfach verloren. Sondern, wie gesagt, eine hervorragende Lebensschule.
Girsberger: Die Armee hat sich angepasst, etwa mit dem Durchdienen. Aber solange das VBS nicht stärker die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit betont und nicht genau begründen kann, warum es wie viele Soldaten braucht, verstehe ich, wenn jemand nicht ins Militär gehen will.

«Solange das VBS nicht sagt, warum es Soldaten braucht, verstehe ich, wenn jemand nicht ins Militär gehen will.»Esther Girsberger (*1961)

Pardon, aber haben wir da vorhin etwas falsch verstanden? Geht es in der «Lebensschule Militär» nicht eben auch darum, zu lernen, Befehle zu befolgen, die man nicht versteht?
Davatz: Es geht nicht darum, hörig zu werden. Sondern darum, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten und dafür ab und zu einfach zu sagen: «Verstanden, mache ich.»

Sind Sie alle dafür, dass Frauen einrücken sollten?
Girsberger: Mir widerstrebt der Begriff Militärdienst. Terrorismus, Flüchtlingsstrom, Migration, Klimaveränderungen, Umwelt – in all diesen Bereichen muss man mit Situationen rechnen, denen man nicht nur mit Polizisten oder Zivildienstlern begegnen kann. Darum sehe ich den Sinn einer allgemeinen Dienstpflicht für Männer und Frauen ein.
Kummer: Ich bin auch dieser Meinung. Es ist wichtig, dass man aus der eigenen Komfortzone herauskommt und etwas Gutes für die Gesellschaft tut.
Davatz: Grundsätzlich bin ich gleicher Meinung. Die Organisation muss aber weiterhin militärisch sein, sonst funktioniert das nicht. In der Zivilgesellschaft wird ja alles dauernd hinterfragt und diskutiert, das ist zuweilen ein Problem.

Ist die allgemeine Dienstpflicht vereinbar mit der Lohnungleichheit, die noch immer existiert?
Girsberger: Da vergleichen Sie Äpfel mit Birnen. Die Lohnungleichheit ist skandalös. Aber sie hat nichts mit der Dienstpflicht zu tun.
Davatz: Die Lohnungleichheit wird politisch grossgeredet, obwohl nur ein sehr kleiner Teil des Lohnunterschiedes nicht begründbar ist. Ich sehe es auch so. Immer, wenn einem respektive einer etwas nicht ins eigene Weltbild passt, kommt dieses Argument. Es geht hier darum, dass wir alle etwas für unsere Gesellschaft tun sollten.

Ein Soldat oder eine Soldatin verpflichtet sich fürs Land – letztlich auch mit dem eigenen Leben?
Davatz: Bei uns in der Schweiz ist das zum Glück kein echtes Thema. Aber ja: Diese Verpflichtung geht man grundsätzlich ein. Das gehört dazu.
Kummer: Diese Frage war es, die mich lange über meinen Eintritt ins Militär hat grübeln lassen. Ich bin Pazifistin, in den USA wäre ich nie eingerückt. Aber in unserem neutralen, friedlichen Land kann ich das vertreten. Ich sehe unser Militär vor allem als Helfer, etwa bei Naturkatastrophen. Dafür lässt man nur selten sein Leben, und wichtiger noch: Man muss auf niemanden schiessen.
Girsberger: Das ist für mich eine zu abstrakte und auch weltfremde Fragestellung. Deshalb kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben.

Erstellt: 22.10.2017, 18:57 Uhr

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