Das Missverständnis der «sozial Schwachen»

Über einen Begriff, der mehr aussagt, als auf den ersten Blick scheint.

Armut ist eine unbequeme Wahrheit: Obdachloser am Barfüsserplatz in Basel.

Armut ist eine unbequeme Wahrheit: Obdachloser am Barfüsserplatz in Basel. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann sass mit seinem Sohn im Tram und sprach mit einem älteren Paar, vielleicht waren es seine Nachbarn. Er war gutaussehend, die Locken angegraut, er würde bestimmt einer jener Männer sein, die auch mit 60 noch Converse-Turnschuhe tragen können. Der Mann diskutierte mit dem älteren Paar über das Schulsystem und das Glück, das Kinder hätten, wenn sie in der Schweiz geboren werden. Er erklärte, wie die Schule Kinder über Mittag betreut und was das kostet. Dann sagte er, die sozial Schwachen, die müssten weniger bezahlen, schön sei das. Überhaupt, sagte er, die Stadt tue so viel für die sozial Schwachen, richtig toll sei das. Ich dachte über den Satz nach. Irgendetwas störte.

Da war ein Vater, vermutlich mit allen Privilegien des Schweizer Mittelstand-Daseins gesegnet, und er fand es gut, wenn sich der Staat um jene kümmert, die dieses Glück nicht haben. Daran kann nichts schlecht sein. Doch die Art, wie er das sagte, irritierte. Sozial Schwache. Der Mann verwendete diesen sterilen Begriff, der nach Sozialarbeiter-Protokoll klingt und nicht nach Müttern, die ihre Kinder alleine durchbringen müssen, nach verpassten Skilagern, weil das Geld fehlt, nach Zwölf-Stunden-Tagen, die zum Leben nicht reichen. Von sozial Schwachen anstatt von armen Menschen zu sprechen, das klingt erst mal politisch sehr korrekt. Erst beim zweiten Hinhören fällt auf, dass der Begriff etwas Gönnerhaftes verströmt. Du da unten, ich hier oben. Wer ihn verwendet, schafft eine Distanz, als spräche man von einem exotischen Volk und nicht von jenen, die in derselben Migros einkaufen, in der Schule neben dem eigenen Kind sitzen. Das Unbehagen darüber, dass Armut auch neben unserer Haustür existiert, wird hübsch verpackt in eine wohlmeinende Formulierung. Was harmlos klingt, ist leichter zu ertragen.

Kommt hinzu, dass der Begriff sprachlich falsch ist: Wer kein Geld hat, ist deswegen nicht weniger fähig, sich in eine Gesellschaft einzufügen. Ein tiefer Kontostand bedeutet ökonomische Schwäche, nicht soziale Schwäche. In Deutschland gilt der Begriff deshalb schon wieder als politisch inkorrekt, die nationale Armutskonferenz erklärte ihn 2013 zum Unwort. Im «Spiegel» sagte die deutsche Linguistin Elisabeth Wehling vor einigen Monaten, die Sprache, in der wir unsere öffentlichen Debatten führen, verrate ideologische Denkmuster, «etwa wenn Begriffe wie ‹sozial schwach› genutzt werden, um finanziell schlecht gestellte Menschen zu beschreiben, obwohl es im Grunde eine Person beschreibt, die nicht auf andere achtet – etwa jemand, der seiner Steuerverantwortung nicht gerecht wird.»

Sprache bildet das Fenster, durch das wir die Welt sehen. Der Mann und sein Sohn im Tram hatten mich immerhin dazu gebracht, ein neues Fenster zu öffnen. Das hätte ich ihm gern gesagt. Aber da war er schon weg.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.01.2019, 17:38 Uhr

Artikel zum Thema

Sind die Armen faul?

SonntagsZeitung Der Kolumnist über Armut und Arbeit, Sebastian Kurz und Karl Marx. Mehr...

Wie man die Armut am besten bekämpft

Die Sozialhilfe setze keine Anreize zur Arbeit, sagt eine neue Studie. Sie empfiehlt ein Mittel, das viel besser wirkt. Mehr...

«Der Linken reicht die Armut nicht»

Der junge US-Journalist Bhaskar Sunkara hat das linksradikale Magazin «Jacobin» gegründet. Er sagt, 2020 kehre Bernie Sanders zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...