«Facebook hat den Zenit überschritten»

Deutschlands Trendforscher gibt mal wieder Vollgas.

Bestseller-Autor und Unternehmensberater: Soziologe Matthias Horx. Foto: Mara Truog (13 Photo)

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Sie stellten 2001 fest: «Das Internet wird kein Massenmedium.» Das könnte man als Fehlprognose bezeichnen.
Diesen Satz kolportieren meine Neider im Web. Leider berücksichtigen sie dabei so gut wie nie den Kontext. Tatsächlich sagte ich um die Jahrtausendwende, das Internet werde kein Massen­medium. Ich wollte damit allerdings die Differenz zu älteren Massenmedien wie TV und Radio betonen. Das sind Medien mit ­klarer Sender-Empfänger-Struktur. Dagegen ist das Internet ein komplexes Multimedium, in dem Einzelne mit Einzelnen, Gruppen mit Gruppen und sofort kommunizieren können. Als das Internet aufkam, glaubten die Marketing- und Werbeleute, man könnte einfach «Anzeigen im Netz» schalten, wie früher im Fernsehen. Aber das Netz ist in seinem Wesen ein kommunikatives Medium, kein Medium für die Massen.

Sie halten grundsätzlich an der Einschätzung fest?
Sie hat sich sogar noch auf einer anderen Ebene als ziemlich richtig heraus­gestellt. Ungefähr 20 Prozent der Deutschen sind heute immer noch offline, weitere 20 Prozent nur sporadisch im Internet. 99 Prozent der Haushalte haben oder hatten hingegen ein Radio, 95 Prozent einen Fernseher. Das Internet hat eine ganz andere Struktur als alle anderen Medien zuvor. Es spaltet auch die Wahrnehmungsformen. Die einen sind so vernetzt wie nie, die anderen noch mehr draussen.

Wie haben sich Ihre Methoden über die Jahre verändert?
Was wir in meinem Zukunftsinstitut versuchen, ist eine multidimensionale Prognostik, bei der Spieltheorie, Systemtheorie, Evolutionstheorie, Kognitionspsychologie und andere Disziplinen eine Rolle spielen. Denn man scheitert als Zukunftsforscher zwangsläufig, wenn man sich auf ein einziges Denkraster verlässt. Klassische Zukunftsprognosen schreiben zum Beispiel Technologie linear fort, nach dem Motto: Wenn Autos heute 100 km/h fahren, fahren sie morgen 1000 km/h. Aber das ist Unsinn, und nicht alle Techniken setzen sich durch, wie etwa das Scheitern der Google-Brille zeigt. Ebenso Unsinn ist das Gerede von den geilen Technologien, die wir demnächst garantiert haben werden – von der künstlichen Intelligenz bis zu Sex­robotern. Mich erinnert das an die Prophezeiungen, die in meiner Kindheit en vogue waren: Kolonien auf dem Mond, Flüge zum Mars, Krebs wird geheilt. Der einzige grosse technologische Durchbruch der letzten Jahrzehnte war das Internet.

Sie verstehen sich als Universalgelehrter, der den Überblick über verschiedene Wissenschaftsfelder behält und sie untereinander verbindet.
Richtig. Es gab früher Leute, die die Zukunft verblüffend genau vorhersagen konnten, und wir haben deren Denkweisen untersucht. Leider fallen diese Leute und ihre Prognosen allzu häufig der Vergessenheit anheim. Die beste Vorhersage, wie das Leben im Jahr 2000 sein werde, machte 1900 etwa der Kurator eines Haushaltsmuseums, ein gewisser John Elfreth Watkins. Er verfügte über ein Universalwissen, das er mit einem tiefen Verständnis für menschliche Gefühle und Bedürfnisse verband.

In welchen Wissenschaften fühlen Sie sich heimisch?
In Disziplinen wie der Systemtheorie, der Spieltheorie und der Kognitionspsychologie fühle ich mich ziemlich sattelfest. Ansonsten arbeiten in meinem Thinktank Experten aus einer grossen Vielfalt von Disziplinen, von Webspezialisten bis Philosophen.

2005 sagten Sie: «Von Facebook wird in fünf bis sechs Jahren kein Mensch mehr reden.»
Das war in der Tat ein Prognosefehler. Auch Zukunftsforscher machen Fehler. Es war eine Wunschvorstellung. Ich war wütend und sah voraus, wie Facebook das Privatleben und die Debattenkultur zerstören würde durch seine schlechten Algorithmen und fehlenden sozialen ­Regeln. Was ich hingegen unterschätzte, war der Plattformeffekt. Dass man Facebook-Mitglied sein m u s s t e, nachdem das Netzwerk eine gewisse Grösse erreicht hatte. Damals gab es alternative Start-ups, die versuchten, bessere Alternativen zu Facebook zu bieten. Die konnten sich leider nicht durchsetzen. Aber nun scheint sich meine Prognose quasi durch die Hintertür ja doch zu bewahrheiten.

Wie meinen Sie das?
Die Daten zeigen, dass Facebook in gewissen Ländern schrumpft, etwa in den USA. Es hat den Zenit überschritten. Das ist zu begrüssen, denn Facebook ist als Mobbing- und Hassplattform für die soziale Vernichtung so vieler User verantwortlich. Und zumindest teilweise auch für die Wahl Donald Trumps. Gleichzeitig versucht Facebook heute selbst, die Hass- und Shitstorm-Wellen in den Griff zu bekommen. Facebook wird sich in den nächsten Jahren ziemlich verändern, es muss sich selbst zivilisieren. Das neue Facebook wird zumindest nicht mehr das alte sein.

«Wir leben im grössten Wirtschaftsboom aller Zeiten. Er wird bis mindestens Mitte des Jahrhunderts anhalten», schrieben Sie 2013. Bleiben Sie dabei?
Allerdings. Die Medien halten uns, was die Wirtschaftsentwicklung der Welt angeht, einen Zerrspiegel des Schreckens vor. Sie sehen überall nur Krisen und Zusammenbrüche. Dabei sind in den letzten zehn Jahren so viele Menschen der Armut entkommen wie in den vergangenen 100 Jahren zusammen! Eine halbe Milliarde Chinesen gehört mittlerweile zur Mittelschicht! Die Weltwirtschaft wächst im Schnitt um drei Prozent, in den ärmeren Regionen deutlich schneller! Sicher, irgendwann wird dieses Wachstum an seine Grenzen stossen.

Was dann?
Dann wird die Frage nach dem BIP-Wachstum müssig, und wir werden ein neues, nachindustrielles Wirtschaften pflegen müssen. Die Schweiz ist ja bereits auf diesem Weg. Ihre Wirtschaft ist in den letzten dreissig Jahren, was das Bruttosozialprodukt betrifft, nicht mehr stark gewachsen. Aber der allgemeine Wohlstand, die Lebensqualität, hat sich dennoch vermehrt.

Eine weitere Horx-Prognose aus dem Jahr 2013: «Es spricht vieles, wenn nicht alles dafür, dass sich Europa durch seine Krisen weiterentwickelt.»
Das sehe ich weiterhin so. Die EU ist wie eine Ehe, die Krisen erleidet, Krisen übersteht, an Krisen wächst. Wurde 2016 nicht der umfassende Triumph der Rechtspopulisten vorausgesagt? Und wer regiert jetzt in Frankreich? Emmanuel Macron. Nach dem Brexit ist die ­Zustimmung zur EU in fast allen europäischen Ländern gestiegen. Die Leute verstehen, wie kostbar der europäische Zusammenhang ist, gerade weil sich gewisse Leute von ihm abwenden und ihn verleugnen. Diese Wechselwirkung der Krisen und Veränderungen zu erklären, darin sehe ich auch eine Aufgabe des Zukunftsforschers. Auch die Schweizer Demokratie wurde erst durch Krisen zu dem, was sie heute ist. Zukunft entsteht durch Selbstorganisation, die in Krisen getestet wird. Und ein Phänomen wie die Globalisierung ist nicht plötzlich zu Ende, weil sich gewisse Leute von ihm abwenden und es verleugnen.

Auf welche Prognose sind Sie besonders stolz?
Ich bin weniger auf bestimmte Prognosen stolz als darauf, Trends, denen die breite Öffentlichkeit gedankenlos gefolgt ist, kritisch hinterfragt zu haben. Über das Beispiel Facebook haben wir ja schon geredet, auch wenn es nicht als genaues Ergebnis eingetreten ist, haben wir zumindest ein massives Problem vorausgesehen. Ich versuche, die Zukunft als Spiegel zu nutzen, in dem wir uns als Menschen besser erkennen können, auch in unseren «Cognitive Biases», den Wahrnehmungsverzerrungen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 18:48 Uhr

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Matthias Horx

Zur Person

Matthias Horx (*1955) ist Leiter des Frankfurter Zukunftsinstituts, das Unternehmen berät. Zudem hält er Referate und schreibt Bestseller. Horx hat ein gutes Dutzend Bücher über künftige Entwicklungen verfasst, so jüngst «Future Love». Der Soziologe macht den Leser hier mit neuerer, meist psychologischer Liebesforschung bekannt. Horx setzt dabei auf die Knalleffekte der teils durchaus verblüffenden Studien, weniger aber auf eine zusammenhängende Argumentation. Eher überraschend sind diesmal die vielen, mit forcierter Launigkeit vorgetragenen Anekdoten aus dem horxschen Liebes- und Familienleben. Die eigentlichen Prognosen machen ein Sechstel seines Buches aus. Horx spe­kuliert etwa über die Weiterentwicklung der «Teledildonik», der Technologie der Sex­spielzeuge, oder über mögliche DNA-­Abgleiche auf Partnersuchplattformen. «Future Love» ist ein amüsantes, intellektuell nicht allzu brillantes Sammelsurium. (lsch)

Future Love: Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie, DVA, München. 336 S., ca. 30 Fr.

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