«Das war ich nicht!»

Kinder stellen Unfug an: Ihr Gefühl für richtig und falsch ist vage. Eine Anleitung, wie die Kleinen lernen, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

Wenn Kinder kreativ werden: Für die eigenen Handlungen geradestehen muss gelernt werden. Foto: Getty Images

Wenn Kinder kreativ werden: Für die eigenen Handlungen geradestehen muss gelernt werden. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendjemand hat in meiner Schreibtischschublade gewühlt und alles auf dem Fussboden verteilt. «Wer war das?», rufe ich aus meinem Arbeitszimmer. «Ich wars nicht», empört sich Leonie. «Ich auch nicht», kräht ihr knapp dreijähriger Bruder fröhlich. Soso. Dann wars vermutlich wieder mal der Klabautermann. Der wühlt nicht nur in fremden Schubladen. Neulich hat er eine frisch geweisselte Wand bemalt – mit meinem Lippenstift!

Ruben kichert. Es wäre schön, wenn mein kleiner Klabautermann für seine Handlungen geradestehen würde, aber das tut er nicht, jedenfalls nicht so ohne weiteres. Selbst dann nicht, wenn er allenfalls ein «Lass das!» zu befürchten hat. Ich erwähne das nur, weil ja gern behauptet wird, Kinder schwindelten bloss deshalb, weil ihre Eltern überstreng sind. Die Sache ist komplizierter.

Bis weit ins Teenageralter tun sich Kinder schwer mit einer realistischen Selbsteinschätzung.

Mit drei weiss Ruben noch gar nicht, was Wahrheit oder Lüge ist. In diesem Alter begreifen Kinder zwar schon einfache Kausalzusammenhänge, etwa «Mama mag nicht, dass ich in ihrer Schublade wühle», aber sie agieren noch sehr impulsiv und können nicht sicher zwischen richtig und falsch entscheiden. Sie haben auch nur eine sehr vage Vorstellung von weiter reichenden Konsequenzen und können deshalb keine vorausschauenden Entscheidungen treffen.

Selbstgefühl stärken

Erst am Ende des vierten Lebensjahres bildet sich nach und nach heraus, was Psychologen als Selbst- und Fremdwahrnehmung bezeichnen: eine Vorstellung davon, wie es um die eigenen Gefühle und Fähigkeiten und das eigene Verhalten bestellt ist und wie diese von anderen aufgenommen werden. Dies manifestiert sich erst am Ende der Pubertät. Bis weit ins Teenageralter tun sich Kinder schwer mit einer realistischen Selbsteinschätzung und erst recht mit der Einschätzung von anderen. So über- oder unterschätzen sie beispielsweise ihre Fähigkeiten und bewerten die Handlungen von anderen strenger als ihre. Damit das nicht so bleibt, braucht es eine Umgebung, die von Anfang an zum Selbsttun anregt. Denn Selbsttun stärkt das Selbstgefühl, und darum geht es beim Thema Verantwortung.

 Am besten fragt man: «Was ist passiert?», nicht: «Warum hast du das gemacht?».

Mit zwei, drei kann man einem Kind kleine Aufgaben übertragen: Teller aus der Spülmaschine räumen, Blumen giessen, Kuchenteig kneten. Die Kleinen lieben es, wenn man ihnen etwas zutraut! Gleichzeitig heisst es, auch noch für ein paar andere gute Gewohnheitenzu sorgen: Zähne putzen, Hände waschen, Kleidung für den nächsten Tag herauslegen, Kindergartentasche packen. Ja, man muss noch oft erinnern und manches hinterhertragen, aber wenn man dranbleibt, entwickeln Kinder allmählich ein Gefühl für Eigenverantwortung.

Ernst nehmen

Apropos hinterhertragen: Das ist bei Kindergartenkindern okay, bei Schulkindern allerdings nur noch ausnahmsweise erlaubt. Für die Folgen von Vergesslichkeit, Schlamperei und Faulheit müssen sie selbst geradestehen. Ich weiss, wie schwer es ist, sich rauszuhalten, wenn ein Kind beispielsweise dauernd seine Schularbeiten vergisst und sich womöglich in Schwierigkeiten bringt. Aber ich weiss auch, dass diese Schwierigkeiten abstrakt bleiben, wenn Eltern immer und immer alle Probleme ausbügeln. Verantwortung übernehmen, das eigene Tun ernst nehmen kann nur, wer ernst genommen wird.

Das gilt insbesondere, wenn ein Kind etwas Unüberlegtes oder Dummes angestellt hat. Über solche «Misslichkeiten» muss man zunächst ins Gespräch kommen. Am besten fragt man: «Was ist passiert?», nicht: «Warum hast du das gemacht?», und hört dann gut zu. Wenn man etwas dazu sagt, dann vielleicht: «Ich weiss, dass du das wieder in Ordnung bringen kannst. Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da.» Eine klare, liebevolle Haltung ohne Vorwürfe ist die beste Unterstützung in Sachen Verantwortung.

Xenia Frenkel, 62, ist vierfache Mutter und Grossmutter von sechs Enkelkindern. Sie schreibt seit vielen Jahren über Familie und Erziehung.

Erstellt: 07.09.2019, 19:21 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Wo digitale Nomaden der Einsamkeit entkommen

Geldblog PK-Vorbezug: Bedenken Sie die Folgen!

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...