«Das wichtigste Wort ist Nein»

Die Entwicklungspsychologin Barbara Zollinger erklärt das Wesen der Kleinkinder. Wie viel Persönlichkeit haben sie bei der Geburt? Und was sind die wichtigsten Entwicklungsschritte?

«Kinder sind gierige Wesen im besten Sinn: Gierig nach Liebe, Wissen, Schokolade», sagt Barbara Zollinger. Im Bild: Bub in Peking.

«Kinder sind gierige Wesen im besten Sinn: Gierig nach Liebe, Wissen, Schokolade», sagt Barbara Zollinger. Im Bild: Bub in Peking. Bild: Keystone

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Das Seltsame bei Neugeborenen ist das Gefühl, nicht irgendwen vor sich zu haben, sondern klar jemanden. Wie viel ist bei der Geburt schon da?
Etwa die Hälfte.

Gab es nicht die Theorie, ein Baby sei ein leeres Blatt Papier?
Seit einiger Zeit spricht man wieder von Charakter. Kinder sind vom ersten Tag an unterschiedlich. Was folgt, ist ein sich verstärkender Prozess. So wie einen das Kind ansieht, sieht man zurück. Und sagt: Du bist ängstlich oder schön oder was auch immer. Die ersten Jahre ist ein Kind gespiegelt durch unseren Blick.

Aber gibt es Augenblicke, in denen ein erschöpfter Säugling nach allen Möglichkeiten der Menschheit aussieht. Dann ziehen Weisheit, Glück oder Verbitterung über das Gesicht wie das Wetter über Irland.
Das ist, was der Säugling empfindet.

Eigentlich treffen nach einer Geburt ja Anfänger auf Anfänger.
Die ersten drei Monate im Leben sind die wichtigsten. Ein Baby schreit. Und weiss nicht, was Hunger ist. Was Bauchweh, was Müdigkeit. Dann geht es um das vielleicht Wichtigste im Leben überhaupt: dass es Menschen gibt, die mit der Zeit die Fähigkeit haben, den Zuständen eine Bedeutung zu geben. Die fragen: Hast du Hunger? Ja, du bist müde, du hast Bauchweh.

Das heisst, ein Baby lebt nicht nur von Milch und Wärme.
Es hungert genauso nach Bedeutung. In einigen rumänischen Waisenhäusern wurden Kinder zwar versorgt, aber es wurde nicht mit ihnen geredet. Das führte zu schwersten Entwicklungsstörungen. Bis hin zum Tod.

Dabei sagte Sartre: Die Hölle sind die anderen.
Für Kinder gilt das Gegenteil: Der Blick der anderen ist die Basis, das Leben.

Aber sind Babys nicht trotzdem auf dem Höhepunkt königlicher Macht? Sie haben zwei Leibdiener, die bei jedem Schrei rennen.
Nicht alle haben solche Eltern.

Aber viele. Wie fühlen sich solche Kinder?
Wie alle Könige: Sie kennen nichts anderes. Tatsächlich gibt es einen Höhepunkt der Ich-Entwicklung mit etwa zwei Jahren, wenn die Kinder mit beiden Beinen im Leben stehen und sagen: «Da bin ich!» Gefolgt wird das meist durch eine erste Frustration, wenn sie merken: «Der Mittelpunkt bin nicht ich.»

Das heisst: Der Gipfel des Lebens ist mit zwei Jahren erreicht. Dann geht es abwärts.
Zumindest ein erster Gipfel.

Ist es nicht ein schrecklicher Fehler, sprechen zu lernen? Zwar kann man dann Befehle geben. Aber sobald man spricht, wird lebenslang zurückgesprochen.
Bei Sprache geht es nicht zuallererst ums Befehlen. Nicht einmal um Kommunikation. Sondern um die ganze Vorstellungswelt. Sobald man an etwas denkt, was nicht vorhanden ist, wird es ohne Sprache schwierig. Wie sollen die anderen wissen, was ich denke?

Was ist eigentlich das wichtigste Wort beim Sprechenlernen? Mama?
Nein. Das bei weitem wichtigste Wort für alle Kinder ist: Nein.

Oh! Das Machtwort an sich.
«Nein» ist das erste Wort, das man miteinander teilt. «Mama», «Papa», «Wauwau» sagen nur, was da ist. Das Nein ist das erste Wort, das zwischen mir und dir steht. Gleichzeitig verbindet es: durch gemeinsame Verhandlung. Das Nein ist genau das, was Sprache ist.

Und wenn das Kind schlicht zufrieden ist?
Das ist zunehmend ein Thema. In den USA nennt man es VIB: Very Important Baby. Ein Baby, bei dem jede kleinste Regung aufgenommen wird, das gehätschelt und gefördert wird, von der Violine bis zum Frühchinesisch. Zum Teil hat das verheerende Folgen. Weil das Kind sich nicht mehr spürt. Es stösst kaum an Grenzen.

Andererseits sind «Nein!» brüllende Kleinkinder auch keine Freude.
Ich will etwas ausholen. Heute sagen halbwüchsige Mädchen oft: «Mama ist meine beste Freundin.» Das kannte man früher kaum, da stritt man sich. Offen gesagt: Mir gefällt diese Freundschaft zwischen den Generationen nicht.

Warum denn nicht?
Eigentlich ist es der grösste Liebesbeweis, wenn Kinder trotzen. Sich auf den Boden werfen und schreien – das kann man nur, wenn man das Vertrauen hat: Der andere bleibt.

Und wie steht es mit der sanften Variante des Trotzens? Sie quäken, bis man ihr Spielzeug holt, aber wenn man sich schnell umdreht, sieht man ein Triumphgrinsen.
Ja, klar.

Sind Kleinkinder perfekte Manipulatoren?
Sie sind nur so gut, wie sie jemand zum Manipulieren haben.

Autsch. Und wie weit sollte man sich manipulieren lassen?
So weit, wie einem dabei wohl ist.

Wie gut weiss ein Kind über die Schwächen der Eltern Bescheid?
Sehr genau. Es beobachtet sie intensiv.

Man holte sich also einen Spion ins Haus?
Es ist allerdings erstaunlich, wie viel ein Kind auch wieder verdrängt. Alles, was es nicht sehen, wissen, wahrhaben will. Von Lügen über Schläge bis zu sexuellen Übergriffen.

Warum geben Kinder ihren Eltern so viel Kredit? Aus Abhängigkeit?
Das ist wie bei den Erwachsenen: Sie nehmen so viel auf, wie sie verarbeiten können. Wobei die Grenzen sehr individuell sind – und auch dadurch bestimmt werden, ob über Unangenehmes geredet oder geschwiegen wird. Etwa über einen Streit der Eltern. Wenn geredet wird, hat die Sache einen Platz, einen Namen.

Das heisst: Ein Kind braucht Milch und Bedeutung.
Ja.

Wie kommen eigentlich Gut und Böse ins Leben? Das passiert im dritten Lebensjahr. Gut und Böse brauchen Vorstellungskraft. Man kann nur etwas gut finden, wenn man es böse denken könnte. So wie ein Glas nur voll ist, wenn man es leer denken könnte.

Das heisst: Alles im Denken trudelt als Paar ein.
Die Pole sind das grosse Thema in diesem Alter. Etwas ist kaputt, im Gegensatz zu ganz. Oder dreckig. Das hat viel mit Standards zu tun. Mit dem ersten Ich. Wenn Kinder anfangen, auch Stolz zu entwickeln.

Kommt Stolz nicht schon früher, wenn ein Kind zum ersten Mal läuft?
Das ist ein Machtrausch, sicher. Aber was ich mit Stolz meine, kommt später. Denn: «Ich habs geschafft!» heisst auch: «Ich habe ein Ziel», unabhängig von den Eltern.

Sind Kinder eigentlich grosszügige oder gierige Wesen?
Definitiv gierige. Aber im besten Sinn. Gierig nach Liebe, Wissen, Schokolade.

Welches Wirtschaftssystem herrscht in Sandkästen, wo Spielzeug nicht immer friedlich den Besitzer wechselt: Kommunismus oder Wildwest-Kapitalismus?
Das hängt sehr vom Alter ab.

Schweigende Kleinkinder sehen oft sehr klug aus. Aber wenn sie dann vor sich hersingen «Osterhas, weisst du was? Ich hab dich gesehen im Gras!», dann fragt man sich, ob sie wirklich so klug sind.
In dem Alter verstellt man sich nicht. Das innere Reden kommt erst später. Also sagt man, was man denkt.

Warum erklären sich dann Kleinkinder so gern für böse?
Das ist die Auseinandersetzung mit dem Thema: Was ist böse? Sie spielen nach, was sie gesehen haben, und sehen, was passiert.

Und die Schwester des Spiels, die Lüge, wie kommt die auf die Welt?
Wenn Kinder zu lügen anfangen, ist das ein riesiger Schritt. Anfangs ist ein Tisch ein Tisch. Man sagt Tisch, wenn der Tisch da ist. Später auch, wenn er nicht da ist. Aber zum Tisch zu sagen: Das ist kein Tisch ...

Dazu hat die Kunstgeschichte 4000 Jahre bis zu René Magritte gebraucht ...
Das braucht viel: zu sagen, was nicht ist.

Haben Kinder schon Humor?
Noch keinen im engeren Sinn. Kinder lachen gern. Und sie finden es grossartig, jemand zum Lachen zu bringen.

Warum eigentlich?
Das menschliche Lachen ist etwas vom Verbindendsten, was es gibt. Kinder machen häufig alles dafür.

Sie schiessen, bis sie treffen?
Ja, und sie kopieren Situationen, in denen andere gelacht haben. Man sieht es, wenn Kinder Witze erzählen. Sie wissen, dass etwas lustig ist, aber nicht was.

Wie steht es mit etwas anderem, das erstaunlich früh zu beobachten ist: der Bürokratie?
Bitte?

Wenn man das Kind zu Bett bringen will, wird es immer kompliziert. Der Teddy muss noch mit – und der Schoppen des Teddys auch.
Das zeigt doch nur, wie viel Fantasie die Kinder haben. Sie wollen einfach nicht ins Bett.

An solchen Abenden geht einem als Elternteil auf, warum alle immer sagen, dass der Mensch so wertvoll ist: weil so viel Arbeit drinsteckt.
(lacht)

Ist es nicht schlecht investierte Zeit? Die Eltern fühlen sich ausgelaugt, und die Kinder erinnern sich später an gar nichts.
Es ist bestinvestierte Zeit.

Aber die Eltern werden aus Büros und Bars in eine Parallelwelt aus Schwimmbädern, Pärken und Gemeindezentren hineingezogen.
Sie lernen etwas Neues kennen. Ausserdem: Wenn das Kind zum ersten Mal «ich» sagt, also mit etwa zweieinhalb Jahren, gewinnen die Eltern ihr Ich zurück.

Wie viel in der menschlichen Entwicklung wird bis zum dritten Geburtstag entschieden?
Ich würde sagen: fast alles.

Fast alles?
Es ist die Basis für alles, was folgt. Ab drei wendet das Kind sich von den Eltern der Welt zu. Das Wie, ob es das mit Selbstsicherheit tut, ist entscheidend.

Das heisst: Ab drei Jahren kann man sich zurücklehnen.
Ein bisschen schon. Mit drei ist das Kind bei den Leuten.

Erstellt: 13.07.2012, 17:26 Uhr

Barbara Zollinger

Die Entwicklungspsychologin und Dozentin arbeitet im Zentrum für kleine Kinder in Winterthur. Ihr Spezialgebiet sind Kinder mit Sprachschwierigkeiten. Im Video ein Ausschnitt eines Referats Zollingers. (Quelle: Youtube)

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