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Den Französinnen reicht es

Sie rebellierten gegen #MeToo. Nach dem Enthüllungsbuch über den Schriftsteller Gabriel Matzneff wächst aber ihr Zorn über sexuelle Männermacht.

Der Schriftsteller und bekennende Pädophile wurde jahrelang protegiert: Gabriel Matzneff im Jahr 2015. Foto: Getty Images
Der Schriftsteller und bekennende Pädophile wurde jahrelang protegiert: Gabriel Matzneff im Jahr 2015. Foto: Getty Images

Der Schuldspruch wegen Vergewaltigung gegen Harvey Weinstein vom Dienstag kommt zu einer Zeit, da Frankreich seit Monaten von einem Skandal geschüttelt wird, dessen Ausmass darin besteht, dass er ­während Jahrzehnten nicht als solcher wahrgenommen wurde.

Man muss sich fragen, was schlimmer ist: dass ein heute 83 Jahre alter Schriftsteller in aller Ausführlichkeit über die sexuellen Wonnen berichtete, die ihn im Umgang mit 14-jährigen Mädchen und thailändischen Buben durchbebten, oder dass sich kaum jemand in Frankreich daran zu stören schien.

Jetzt erst, nach dem Enthüllungsbuch der Verlegerin Vanessa Springora, die als 14-Jährige von Gabriel Matzneff über ein Jahr lang missbraucht ­worden war, debattiert das Land über seine Indifferenz gegenüber sexueller Männermacht; ein Land, in dem Intellektuelle wie Matzneff die ­Pädophilie ausgerechnet als Ausdruck der sexuellen Befreiung vom Katholizismus gefeiert hatten.

«Feministische Puritanerinnen»

Mit seinen Prahlereien schien der Schriftsteller zu bestätigen, was die #MeToo-Bewegung und überhaupt viele Feministinnen Frankreich ­vorwerfen: den sexuellen Missbrauch unter dem Vorwand erotischer ­Toleranz zu bagatellisieren. Tatsächlich reicht die Liste zudringlicher Franzosen weit zurück: vom Marquis de Sade über André Gide, Georges Bataille, Serge Gainsbourg bis zu Michel Foucault. Dieser hatte im Ernst empfohlen, die Kinder selber entscheiden zu lassen, ob sie mit Erwachsenen Sex haben wollten.

Den ersten Anlass zur Empörung hatte den #MeToo-Frauen aber nicht ein lüsterner Schriftsteller gegeben. Sondern der offene Brief von 100 französischen Schauspielerinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen, den diese vor zwei Jahren unter der Führung der Schauspielerin Catherine Deneuve in «Le Monde» veröffentlicht hatten.

«Eine Vergewaltigung bleibt ein Verbrechen, aufdringliches Flirten nicht», machten sie eingangs klar. Dann kritisierten sie die extremen Vertreterinnen der #MeToo-Bewegung, deren Pauschalisierungen sie als puritanische Vereinnahmung zurückwiesen. Die Männer als Ganzes zu diffamieren, bezeichneten die Französinnen als «Fieber» und ­schrieben, diese Haltung diene «den Feinden der sexuellen Freiheit, den religiösen Extremisten und schlimmsten Reaktionären». Die französische Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco ging noch weiter und sprach von «neoliberalen, feministischen Puritanerinnen».

Polizei verweigert Hilfe

Das gab weltweit zu reden. Feministinnen waren ausser sich, empfanden die Kritik als Desavouierung. Die Debatte der letzten beiden Monate in Frankreich lässt sich dahingehend lesen, dass sexueller Missbrauch nicht mehr als Variante der erotischen Freiheit akzeptiert wird. Zumal sich weitere Belege dafür finden, wie schwer sich Frankreich mit sexueller Männergewalt tut. Immer noch, ­immer wieder.

Das zeigt schon das Verhalten von Polizei, Justiz und Politik. Allein im letzten Jahr kamen 100 Frauen in Frankreich durch häusliche Gewalt zu Tode. Wiederholt hatte sich die ­Polizei geweigert, bedrängten Frauen zu Hilfe zu kommen. Auch erinnern die Medien in diesen Wochen an einen französischen Justizentscheid vor drei Jahren. Er sprach einen 22-Jährigen vom Vorwurf der Vergewaltigung frei, weil das damals 11-jährige Mädchen dem Akt zugestimmt hatte. Ein Jahr später entschied die Assemblée Nationale, Sex mit Minderjährigen nicht unter Strafe zu stellen, obwohl sie das Schutzalter 15 zum Gesetz machte.

Überfällige Konfrontation

Dass einer wie Gabriel Matzneff seine pädosexuellen Attacken jahrzehntelang feiern durfte, werten konser­vative Kritiker als eine perverse Folge von 1968. Unabhängig davon kommt einem die damalige Zustimmung geradezu bizarr vor. Und schockierend, dass dieses so lange als normal galt. Als rechtfertige das Schaffen von Kultur eine Sexualität der Gewalt.

Dass sich Frankreich dieser Verdrängungsleistung stellt, ist überfällig. Und es lässt sich auch als Leistung der #MeToo-Bewegung lesen, diese ­Konfrontation beschleunigt zu haben.

Dass dieselbe Bewegung die 100 Frauen dafür kritisiert hat, ein Recht auf Sinnlichkeit einzufordern, zeigt ihre andere Seite: die autoritäre, doktrinäre. So sind sonst die Männer.

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