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Der Duft, der die Welt verbessert

Die Kanadierin Barb Stegemann kreiert Parfüms mit Ingredienzien aus notleidenden Ländern wie Afghanistan und Ruanda. Ihr Projekt wird auch von Bill Clinton unterstützt.

Eine Frau aus Ruanda mit ihrer Patschuli-Ernte. Aus der Pflanze wird ein Öl für die Parfümindustrie gewonnen. Foto: PD
Eine Frau aus Ruanda mit ihrer Patschuli-Ernte. Aus der Pflanze wird ein Öl für die Parfümindustrie gewonnen. Foto: PD

Sie ist eine Unternehmerin mit dem Idealismus eines Hippies. «Wir alle sind gleich. Mit vereinten Kräften können wir Frieden herstellen», sagt Barb Stegemann. Ihre Mittel: ein Bestseller und Parfüms. Die Kanadierin aus Halifax führte ein «normales Leben» als zwei­fache Mutter und Inhaberin einer PR-Firma. Bis ihr bester Freund, Trevor Greene, am 4. März 2006 in Afghanistan schwer verwundet wurde. Als Soldat war er für den Wiederaufbau tätig und unterhielt sich gerade mit einem Einwohner, als ihm ein Afghane von hinten mit einer Axt auf den Kopf schlug.

Zwei Jahre lag Trevor im Spital, bis er es schliesslich im Rollstuhl verlassen konnte. Stegemann besuchte ihn in dieser Zeit regelmässig: «In mir wuchs der Wunsch, etwas gegen das Elend auf dieser Welt zu tun.» So schrieb sie das Buch «The 7 Virtues of a Philosopher Queen», das in Kanada zum Bestseller wurde. Ein Ratgeber für Frauen, um mit sieben Tugenden die Welt zu verbessern. Zum Beispiel, indem sie mit ihrer Kaufkraft gezielt Krisenländer unterstützen.

Doch das reichte der Macherin nicht: «Ich versprach Trevor, seine Arbeit in Afghanistan in irgendeiner Weise fortzusetzen.» Bei ihren Recherchen stiess sie auf Abdullah Arsala, der Rosen- und Orangenblütenöl herstellt. Vielleicht könnte man seine Gemeinde auch vom illegalen Anbau von Schlafmohn abhalten, aus dem Heroin gewonnen wird – das wiederum eine wichtige Einnahmequelle der Taliban ist? Stegemanns Geschäftsidee war geboren: Sie kaufte Arsala seinen gesamten Vorrat ab, 2000 Dollar pro Becher Orangenblütenöl. Und liess daraus in Kanada ihren ersten Duft kreieren.

Ausweg aus der Armut

Mittlerweile umfasst das Label The 7 Virtues fünf Düfte, hergestellt aus Ingredienzien aus notleidenden Ländern: Afghanistan und Haiti sowie aus einer Kombination israelischer und iranischer Essenzen. Vor wenigen Tagen nun, am 21. September, dem Internationalen Tag des Friedens, lancierte Stegemann ihren jüngsten Coup: Patchouli of Rwanda. 80 Prozent der Bauern, die das Patschuli dafür ernten, sind Witwen oder Waisen des ruandischen Völkermords.

Stegemann glaubt nicht an reine Wohltätigkeit, sondern an fairen Handel. Und daran, dass grosse Veränderungen möglich wären, wenn viele Unternehmer ihrem Geschäftsmodell folgten. «Indem wir mit Krisenländern handeln, schaffen wir Jobs. Arbeit bedeutet Würde und die Möglichkeit, in Bildung zu investieren.» Und diese sei der Ausweg aus der Armut. Sie spricht aus Erfahrung: Stegemann wuchs in einem Wohnwagen auf, ihre Familie war auf ­Sozialhilfe angewiesen. Manchmal lag an Weihnachten ein Essenspaket vor der Tür, von jemandem, der es gut meinte. «Dabei unterstrich dies, dass wir arm waren.» Sie nahm einen Kredit auf, um Soziologie zu studieren, und arbeitete neben ihrem späteren Journalismus­studium in Vollzeit als Flugbegleiterin.

Nachdem sie 2010 The 7 Virtues gegründet hatte, nahm sie an der Fernsehsendung «Dragon’s Den» teil, um Finanzmittel zu erhalten. In der Sendung stellte sie einer Jury von Investoren ihr Konzept vor – und überzeugte sie prompt. So sicherte sie sich 75 000 Dollar für eine Beteiligung von 15 Prozent.

Bis heute zahlt sich die 45-Jährige keinen Lohn aus, damit die Firma weiter wachsen kann. Sie lebt von den Einnahmen ihres Buches und von Vorträgen, die sie hält. Inzwischen wurde sie zum Ehrenoberst der kanadischen Luftstreitkräfte ernannt und erhielt mehrere Preise, darunter den Woman’s Innovator Award des amerikanischen Aussenministeriums.

Ihr Erfolgsrezept? «Wir haben zwar kein Geld für Werbekampagnen, aber wir können unsere Geschichte erzählen.» Und die hat sich weit herumgesprochen: Die Parfüms werden neben Kanada in New York und europäischen Metropolen wie London und Berlin verkauft. Selbst Bill Clinton kam The 7 Virtues zu Ohren; er lud Stegemann ein, das Projekt seiner Stiftung in Haiti zu besuchen. Diese Reise ausgenommen, hat Stegemann nur Ruanda besucht. Sonst setzt sie auf die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort, um einen fairen Handel zu gewährleisten. Kürzlich wurde sie von der Organisation Deutsche Welthungerhilfe angefragt, einen Duft mit Vanilleöl aus dem Kongo zu kreieren.

Ohne Tierversuche

Die Welthungerhilfe unterstützt die Herstellung von Rosenöl in Afghanistan seit 2004, der Schweizer Parfümeur Andy Tauer hat bereits ein Parfüm mit dem Öl kreiert, und der grösste Abnehmer ist die Kosmetikfirma Dr. Hauschka. Einmalig ist Stegemanns Idee also nicht. In der Branche bleibt es aber meist bei einzelnen Düften mit politischem Hintergrund. «Es ist aussergewöhnlich, dass ein ganzes Label so konsequent Krisenländer unterstützt», sagt Karin Wilhelm, Parfümeinkäuferin beim Warenhaus Globus. Ob sie The 7 Virtues in ihr Sortiment aufnehmen würde? «Interessant klingt es schon. Entscheidend ist jedoch die Qualität der Düfte.» Dessen ist sich Barb Stegemann bewusst. Jede neue Ingredienz muss einen Qualitätstest bestehen. Die Parfüms werden ohne Phthalate und Parabene hergestellt; auf Tierversuche verzichtet sie. Der Wermutstropfen: Sie haften nicht allzu lange.

Und wie duften sie? Ein Selbsttest ergab, dass alle fünf einen dezenten Zitrusduft entwickeln. Das neueste Parfüm, Patchouli of Rwanda, ist wundervoll frisch; der Kassenschlager – Middle East Peace – schmeichelnd und süss. Etwas gewöhnlich kommt dagegen das herb-süsse Vetiver of Haiti daher. Alle drei sind Unisexparfüms, der männlichen Testperson ist aber nur das Neueste maskulin genug. Bleiben noch die afghanischen Düfte: Das Orangenblüten-Parfüm riecht etwas arg nach gesunder Kräuterkosmetik; das Rosenparfüm hält, was es verspricht. Ein Duft für Rosenfans. Wem das zu lieblich ist, kann das Parfüm wie auch alle anderen kombinieren und so eigene Düfte kreieren. Ganz nach Barb Stegemanns Motto: «Make perfume, not war.»

Die Parfüms sind ab ca. 83 Franken (50 ml) erhältlich via www.esbjerg.com und www.galerieslafayette.de. Infos unter: www.the7virtues.com.

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