Der eitle Putin, der gestörte Trump

Die Probleme der Herrschenden sind ein Dauerthema. Doch weiss eigentlich jemand, was Narzissmus genau ist?

Psychologen sind sich einig: Wladimir Putin ist ein Narzisst. Foto: Reuters

Psychologen sind sich einig: Wladimir Putin ist ein Narzisst. Foto: Reuters

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Wenn ich aktuell die Zeitung aufschlage, springt mir etwas entgegen, was ich nicht begreife. Neben den News und Fussballresultaten werden da auch ständig Interviews mit Psychologinnen und Psychologen abgedruckt, die mir erklären, was die Probleme der Welt mit den Problemen der Herrschenden zu tun haben.

So wird mal über die Eitelkeit Putins sinniert, mal über den Machthunger Erdogans und häufig über die generelle Gestörtheit Trumps. Doch egal, um welches Staatsoberhaupt es sich handelt, das Fazit ist immer das gleiche: Dieser Mann ist ein Narzisst – und daher eine Gefahr für die Welt. Okay, ich verstehe ja, dass man die irrsinnigen Vorgänge der letzten Jahre einordnen will. Eine Frage habe ich dennoch: Weiss eigentlich jemand, was Narzissmus genau ist?

Wenn einzelne selbstverliebte Herrscher unsere Welt korrumpieren, braucht es ja lediglich Neuwahlen.

Interessant ist, dass sich offenbar selbst die Fachwelt lang schwertat, Narzissmus zu definieren. Jedenfalls haben sich Expertinnen und Experten seit 1914 (also seit Freud seinen Quark dazugab) immer wieder gestritten, wo die Grenze zwischen «alltäglichem Narzissmus» und echter «narzisstischer Persönlichkeitsstörung» liege – und ob sich Narzissten nun dadurch auszeichnen, dass sie unabhängig sind von der Meinung anderer (weil sie sich für so grossartig halten) oder eben genau davon abhängig sind (weil sie einen schweren Minderwertigkeitskomplex kaschieren müssen).

Der Streit spitzte sich zu Beginn der Nullerjahre sogar derart zu, dass die American Psychological Association vorschlug, die Narcissistic Personality Disorder ganz aufzugeben, da «die Eindeutigkeit des Krankheitsbilds nicht gedeckt» sei. Dafür, dass die Diagnose also derart kontrovers ist, scheint es unverantwortlich, wie häufig sie derzeit gestellt wird und als Erklärung für das Politchaos herhalten muss.

Wichtige Fragen anzugehen, ist viel anstrengender, als andere für krank zu erklären.

Ich glaube aber, wir mögen solche Narzissmus-Storys, weil sie die Illusion bieten, dass es eine einfache Lösung für ein komplexes Problem gibt. Denn: Wenn einzelne selbstverliebte Herrscher unsere Welt korrumpieren, braucht es lediglich Neuwahlen – und fertig ist.

Sicher ist nicht von der Hand zu weisen, dass gewisse Politiker Narzissmussymptome aufweisen (grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit, Fantasien grenzenlosen Erfolgs, mangelnde Empathie) – aber diese Ferndiagnosen lenken doch nur vom Wesentlichen ab; und das ist die Frage, wie der Voyeurismus, der Personenkult, die Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien, die Shitstorm-Mentalität des Internets, die kapitalistische Ausbeutungslogik und die koloniale Weltgeschichte a) narzisstisches Verhalten beflügeln und b) die aktuelle Krise prägen. Diese Fragen anzugehen, ist viel anstrengender, als andere für krank zu erklären – aber längerfristig wohl um einiges gesünder.

Literatur: Richard Schuberth, Narzissmus und Konformität. Selbstliebe als Illusion und Befreiung, 2018.

Erstellt: 11.04.2019, 20:40 Uhr

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