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Der Hipster ist der wahre Wutbürger

Wer sich engagiert oder für etwas begeistert, gilt nicht als cool. Für solche Leute hat der moderne Städter nur noch Spott übrig. Aber irgendwann bekommt er von so viel Coolness eine finstere Seele.

Die Zeiten, in denen Coolness ein Begriff für echten Charakter war, sind längst vorbei: Das können auch Frisur und Bart nicht ändern. Foto: Gallery Stock
Die Zeiten, in denen Coolness ein Begriff für echten Charakter war, sind längst vorbei: Das können auch Frisur und Bart nicht ändern. Foto: Gallery Stock

Arme Coolness. Sie ist wie ein schlecht gealterter, zur Unkenntlichkeit schönheitsoperierter Hollywoodstar: Keiner weiss mehr so recht, wer sie einst war. Und doch terrorisiert sie bis heute die Gemüter. Jeder will irgendwie cool sein. Coolness, so viel ahnt man trotz der Vagheit des Begriffs doch, verspricht die beste Form von sozialem Prestige. Bekommt man von seinen Mitmenschen den Titel «cool» verliehen, qualifiziert einen das nicht nur als in Ordnung, sondern auch als mutig, interessant, aufregend. Aber warum noch mal?

Die Zeiten, in denen Coolness noch ein Begriff für echten Charakter war, sind längst vorbei: «Keep cool» lautete im frühen 20. Jahrhundert die Devise wütender Nachfahren afroamerikanischer Sklaven. Coolsein war ihre Strategie mit der täglichen Diskriminierung fertigzuwerden. Die Coolness als defensive Lebenshaltung aller Aussenseiter und Unterdrückten: Cool war, wer cool bleiben musste, um den Schmerz aus­zuhalten und sich jenseits des Schmerzes weiterzuentwickeln. Coolsein, um Würde zu bewahren. Doch spätestens seit Hollywood und die Werbeindustrie das Coolsein entdeckten und ihm die rebellische Seele austrieben, wurde aus der ehemals würdevollen Coolness die sinnleere Lifestyle-Pose eines jungen Mainstreams, dessen Hauptproblem sein wählerisches Konsumverhalten ist.

Panischer Tanz auf dünnem Eis

In einem Aufsatz der «Zeitschrift für Ideengeschichte» schreibt der Philosoph Andreas Urs Sommer, das Coole unserer Tage sei umso cooler, je mehr es sich der völligen Ideologie- und Überzeugungsabstinenz annähere. Aus dem Veränderungswillen und den Idealen früherer Generationen seien spöttische Ironie und distanzierte, pseudoüber­legene Gleichgültigkeit geworden. Die reine Pose des Distanziertseins erwecke immerhin noch den Anschein, sie habe eine innere Glut im Zaum zu halten. In Wahrheit fehle sie dem Coolen ebenso wie seinen «lauen Bewunderern».

Dazu passt gut, dass noch immer eine Sache ganz und gar nicht als cool gilt, sondern vom coolen Mainstream als irgendwas zwischen «todlangweilig» und «verstrahlt» belächelt wird: politisches Engagement. Immer wieder, wenn dieser Tage sich jemand laut und deutlich zu einem Vorhaben jenseits des Sneakerkaufs bekennt – zum Beispiel zum feministischen Aktivismus oder zum Vorhaben, sich politisch zu engagieren –, wird hinter vorgehaltener Hand gespottet, gewitzelt, hämisch gelacht. Naiv! Idealistisch! Lächerlich! Hysterisch! Und vor allem: wie uncool. Coolsein also als Pose, die man echtem Engagement und echter Involviertheit nur allzu gern vorzieht. Weil sie die Illusion vermittelt, ein schönes Leben sei billig zu haben, während draussen alles beim Alten bleiben kann.

Aber auch jenseits des politischen Engagements ist der Anspruch, cool zu sein, zum panischem Tanz auf sehr dünnem Eis verkommen: der Post-Hipster, sowieso schwer identitätsbeschädigt, da er ja schon als Hipster nicht sein wollte, wer er war, lebt nach der selbstverachtenden Devise, dass im Grunde alles menschliche Handeln unerträglich peinlich ist. Seine Coolness besteht in der ewig krittelnden, ewig spöttelnden Arroganz, die sich über alles, was ihm gefährlich nah kommt, witzelnd drüberstellt. Diese Art der Coolness ist eine Angst vor der Leidenschaft, die einen, wenn man nicht aufpasst, innerlich schnell zum frustrierten Wutbürger macht. Mit einem unübertroffenen Geiz an Begeisterungsfähigkeit kann der Coole nichts mehr geniessen, sondern muss alles verspotten. Zeichnete man eine Karikatur seiner Seele, sässe sie allein im abgedunkelten Raum: Ihre Welt ist klein, und ihre Jalousien bleiben geschlossen. Rausgehen? Uncool!

Will sagen: Der Coolste von allen kann eigentlich nichts mehr ehrlich gut finden. Sei es Nordic Walking oder Yoga, sei es zu McDonald’s gehen oder selbst gekochtes Essen fotografieren, irgendwie ist ihm alles unangenehm. Er hasst das Silicon Valley so sehr, wie er verblendete Aussteiger hasst – was er aufrichtig liebt, weiss er nicht, ist da überhaupt was? Er traut sich schon kaum mehr nachzuspüren. Er könnte ja dafür verlacht werden.

Eigentlich ist es ganz einfach

Leandra Medine, eine der sympathischsten Modebloggerinnen der englischsprachigen Blogosphäre, verkündete neulich das Ende ihrer persönlichen Suche nach Coolness. Ihre gesamten 20er, schrieb sie, habe sie sich darüber den Kopf zerbrochen, wie sie möglichst cool werden könnte. Aber: «Is cool the best we’ve got?», fragte sie jetzt und gestand sich ein, dass sie einfach nie cool sein würde. Sie sei nun einmal das Gegenteil: verkrampft, neurotisch, hypochondrisch, ausserdem begeisterte Anhängerin knalliger Farben und alberner Aufzüge (daher der Name ihres Blogs «Man repeller» – Medine hat die Angewohnheit, sich so zu kleiden, dass Männer es selten cool oder sexy finden). Natürlich bleibt auch dieses Sinnieren über Coolness zum Grossteil an der modischen Oberfläche und macht sich vorrangig an Konsumentscheidungen fest. Und doch spricht Medine dabei Wahres aus: Es bringt nichts, einem irgendwo aufgeschnappten Ideal von Cool hinterherzurennen, wenn es einem nicht mal entspricht.

Eigentlich ist es also ganz einfach mit der Coolness. Es gibt ihrer genau zwei Arten. Die erste ist die kalkulierte Coolness, die darauf abzielt, von anderen cool gefunden zu werden. Ihre Anwärter müssen aufpassen, was sie tun, was sie anziehen, wie sie sprechen, wohin sie in den Urlaub fahren. Sie dürfen dabei nie einen angestrengten oder ungelenken Eindruck machen. Eine relativ hohle Abgrenzungsattitüde, die einem das Leben zur Hölle machen kann. Wer sie anstrebt, macht nie unbekümmert das, was er grad einfach gern mal täte. Leider entlarvt ihn niemand in seinem Kampf, denn seine Attitüde glänzt blendend und findet viele Claqueure. So wähnt sich der Anhänger dieser Form der Coolness permanent auf der richtigen Seite. Und verzweifelt gleichzeitig daran, dass es ihm innerlich doch kein echtes Selbstbewusstsein beschert. Seine Coolness hat ihn gelehrt, nur dann glücklich sein, wenn andere ihm applaudieren. Tun sie es nicht, stürzt er in die Depression.

Die zweite Art von Coolness ist die leisere, aber dafür die echte, ein später, bescheidener Nachfahre der Ursprungscoolness. Man sieht diese Coolness selten auf der Strasse, sie geht nicht auf jede Party, dafür gern in die Badewanne. Sie hält sich im Hintergrund. Sie lässt sich von den Urteilen der anderen nicht aus der Ruhe bringen. Sie zuckt mit den Achseln, hat Spass, sie lässt sich begeistern, ergiesst sich in romantischer Poesie, steigert sich in idealistische Thesen, glaubt an etwas, grübelt nicht alles tot. Sie geht das Risiko ein, dass jemand sie peinlich findet, naiv oder idealistisch oder spiessig. Es ist ihr egal. Sie steht drüber. Sie weiss, ihre Coolness dient am Ende bloss einer Sache: Würde zu bewahren. Die Würde, die der Post-Hipster noch immer mit Selbstverachtung verwechselt.

Nur leider wird die echte Coolness viel zu selten erkannt neben ihrem Rampensau-Zwilling. Aber so ist das eben mit Rampensäuen. Sie drängen sich immer in den Vordergrund.

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