«Der Horizont der Hoffnung hat sich verengt»

Judith Butler kämpft gegen all das, was Donald Trump vertritt. Im Interview analysiert Amerikas wichtigste Intellektuelle die Angst und die Wut, die zur Wahl des neuen Präsidenten führten.

Die Linke brauche eine neue ökonomische Vision, sagt Judith Butler. Foto: Urban Zintel (Laif)

Die Linke brauche eine neue ökonomische Vision, sagt Judith Butler. Foto: Urban Zintel (Laif)

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In Ihren ersten Stellungnahmen nach der Wahl von Donald Trump wirkten Sie völlig schockiert.
Selbstverständlich war es niederschmetternd, mitzuerleben, dass jemand gewählt wird, der androht, Millionen von Menschen zu deportieren. Jemand, der ganz offen sexuelle Gewalt befürwortet und dessen rassistische Ansichten deutlich sind. Überraschend war das nicht so sehr, weil wir gedacht hatten, das amerikanische Volk sei «besser» als das, was nun geschehen ist. Sondern weil die Umfragen einen klaren Sieg Clintons vorausgesagt hatten.

Deshalb dieser Schock.
Es war auf jeden Fall eine Zeit der Verwirrung, in der wir nicht wussten, wer «diese Leute» sind, die eine solch reaktionäre Wahl ermöglicht haben. Mittlerweile wissen wir, dass die Mehrheit Hillary Clinton den Vorzug gegeben hat: Sie erhielt 2,8 Millionen Stimmen mehr als Trump. Aber unser überholtes und anti-demokratisches Wahlsystem hat es trotzdem erlaubt, dass ein Demagoge an der Macht sein wird. Auch wenn er nur von 25 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird. Letztlich ging ja lediglich die Hälfte aller Wahlberechtigten zur Urne.

Müsste man das US-Wahlsystem überdenken?
Ich bin klar für die Abschaffung des Elektorensystems. Wir müssen uns auch damit beschäftigen, dass die Hälfte aller Wahlberechtigten nicht daran dachte, dass es der Mühe wert ist, wählen zu gehen. Diese Desillusionierung in Sachen Politik ist tiefgreifender als der Rechtspopulismus, auch wenn in diesem Fall beides Hand in Hand gearbeitet hat.

Was repräsentiert Trump? Ist er das Symptom einer strukturellen Krise?
Möglicherweise ist es weniger wichtig, sich auf diese eine politische Figur zu konzentrieren, als sich zu fragen, was er entfesselt hat. Klar, Trumps Reden haben eine neue Welle von Hass ausgelöst. Weisse Suprematisten, die sich offensichtlich mit der Nazi-Ideologie identifizieren, marschieren nun ohne Scham durch die Strassen. Es scheint mir denn auch wichtiger, die Serie von politischen Ereignissen zu analysieren, die zur Wahl führten, als Trumps Person.

Eine Verkettung von Ereignissen hat zu Trumps Wahl geführt?
Ja, und diese Wahl wird zu weiteren Serien von Ereignissen führen: Wir können beobachten, wie die Umweltschutzbehörde der USA zu einem Instrument wird, mit dem die Umwelt weiter zerstört werden kann. Wir können auch sehen, wie eine radikale Deregulierung der Wirtschaft eine Expansion von US-Unternehmen erlaubt – ermöglicht von Schutzzöllen, die für ausländische Marktteilnehmer Geschäfte erschwert. Dieser Wahnsinn eines vermeintlich freien Marktes geht einher mit eskalierter Fremdenfeindlichkeit. Was ein Widerspruch ist, da es Arbeiter ohne Papiere sind, die es den Industriebetrieben in Kalifornien und Arizona erlauben, Profit zu machen.

In Ihrem jüngsten Buch schreiben Sie von prekären Verhältnissen, die zu einer «Eskalation der Wut» führen können. Ist Trumps Wahl ein Resultat dieser Eskalation?
Ich denke, dass sehr viele Angst haben, ihren Job zu verlieren. Und wütend sind, dass Produktionsstandorte in den USA verschwinden, der Schutz vor Entlassungen verloren geht, dass Arbeitsplätze ausgelagert und Renten gekürzt werden. Auch Gewerkschaften wurden vom Aufstieg des neuen Kapitalismus vernichtet. Die Verbreitung von flexibilisierten Arbeitsverhältnissen unter Bedingungen des Neoliberalismus kann geradezu als ein Rezept für diese Angst und Wut angesehen werden. Trump war in der Lage, diese Affekte direkt gegen das «Establishment» zu richten und Clinton mit Regierungsstrategien in Verbindung zu bringen, die diese ökonomische Situation verursacht haben.

War es falsch, dass Hillary Clinton diese Wut Trump überliess?
Ja, Clinton hat die Möglichkeit verpasst, die Sorgen und die Wut der Leute um die ökonomische Enteignung aus einer Perspektive der politischen Linken zur Sprache zu bringen. Vielleicht dachte sie, dass «Bernie» sich darum kümmert. Stattdessen schaffte sie Raum für eine Wut, die von den Rechten ganz leicht für ihre Zwecke genutzt werden konnte.

Clinton war nicht in der Lage, diese Angst und Wut direkt anzusprechen.
Ihr Diskurs der «Liebe» appelliert an ein Ideal des Zusammenlebens über Unterschiede hinweg. Und das ist gut. Aber er wendet sich nicht gegen die beschleunigten und verschärften ökonomischen Ungleichheiten, welche die USA heimsuchen. Und den Verlust der Hoffnung vieler, die nicht erwartet haben, dass sie ihre Häuser, Wohnungen und Jobs verlieren würden. Der Horizont der Hoffnung hat sich verengt.

Kann er wieder geöffnet werden?
Nur durch eine neue ökonomische Vision der Linken. Die gab es eine Weile mit Bernie Sanders, aber er traf nur diesen einen Punkt. Es wird die Aufgabe einer linksliberalen Koalition sein, verfassungsmässiges Recht zu verteidigen und Vorschläge zu machen, wie die verheerenden ökonomischen Ungleichheiten überwunden werden können. Und Wege zu finden, wie Gewerkschaften und Arbeiterrechte gestärkt werden können.

Also Identitätspolitik und Klassenkampf zu verbinden?
Selbstverständlich wäre es toll, wenn das, was Klassenkampf genannt wird, wieder zentral würde. Und wenn die Linke wieder eine plausible und vielversprechende Option für so viele werden könnte, die unter den jetzigen ökonomischen Bedingungen leiden. Dafür muss die Kategorie der «Klasse» im Licht der neoliberalen Verheerungen überdacht werden. Wie etwa fordern das Outsourcing und die Flexibilisierung unsere Vorstellungen dessen heraus, was unter «Klasse» verstanden wird? Es ist ja oft so, dass die Arbeiterklasse gar nicht mehr arbeitet.

Weil es für sie keine Jobs mehr gibt.
Oder nur noch für sehr kurze Zeiten. Die Art und die Dauer der Arbeit haben sich verändert.

Es scheint, als könnte Trump schalten und walten, wie es ihm gefällt. Gibt es überhaupt Möglichkeiten des Widerstands?
Mein Gefühl ist, dass Trumps Präsidentschaft geprägt sein wird von Blockaden, Rechtsstreitigkeiten, Bemühungen um Amtsenthebungsklagen und Aufrufen zur «Nichterfüllung» seiner Politik. Ich wäre nicht überrascht, wenn der Kongress umgehend eine Untersuchung von Trumps Finanzstreitigkeiten einleiten würde. Oder Klagen wegen sexueller ­Belästigung erhoben würden. Das politische Klima wird rau bleiben, und es wird sich starker Widerstand mobilisieren gegen Rassismus, gegen Abschiebungspläne, die Verwüstung der Umwelt und militärische Eskalationen. Die politischen Koalitionen können sich auch ändern. Aber die Besorgnis über die Wahrung der verfassungsmässigen Rechte wird über das ganze politische Spektrum hinweg geteilt.

Einige sagen, Fake-News und Big Data hätten Trump zum Präsidenten gemacht. Sie aber fokussieren in Ihrem Buch auf öffentliche Versammlungen als Form des Politischen. Warum?
Bei Versammlungen denken wir möglicherweise an Strassenproteste, ausserparlamentarische Formen der Selbstregierung, Zeltlager oder an Formen von politischen Gemeinschaften unter Zensur und Besatzung. Diese Menschengruppen sind heute aber bereits vom Internet, per SMS oder von Medienbildern mobilisiert.

Der digitale Raum und die Strassen sind miteinander verlinkt.
Genau, diese Formen von körperlich-realen und virtuellen Beziehungen sind nun wesentlich für öffentliche Versammlungen. Aber wenn eine Gruppe beschliesst, dass eine Regierung sie nicht legitim repräsentiert, und sich Menschen deshalb versammeln, um diese Haltung zum Ausdruck zu bringen, dann beginnen sie bereits ein alternatives Gemeinwesen zu leben.

Im Protest kann die politische Alternative bereits gelebt werden.
So ist es. Wenn wir zusammenkommen, gibt es manchmal eine flüchtige und experimentelle Form, eine neue Sicht auf politische Beratungen und Versammlungen zu entwickeln.

Ihr Buch endet mit einer Reflexion über den Adorno-Satz, dass es «kein richtiges Leben im falschen» gibt. Er scheint wenig Hoffnung zu geben.
Adornos starker Punkt ist, dass es in einer «schlechten Welt» schwierig ist, ein «richtiges Leben» zu führen. Adorno geht also davon aus, dass die Führung eines richtigen Lebens eine Frage der Moral ist. Und dass das Leben in einer schlechten Welt eine politische Bedingung ist. Die Aufgabe ist es demnach, Handlungen solidarisch mit anderen zu entwickeln, die – wenn auch nur im Kleinen – eine bessere Welt ermöglichen.

Weil sie die politischen Bedingungen verändern können.
Genau, ich selbst hoffe, mich einer Bewegung gegen Deportationen anschliessen zu können. Und weiterhin die Rechte der Meinungsfreiheit und der Gesellschaft verteidigen zu können. Ich will im Beirat das New Yorker Zentrum für Verfassungsrechte unterstützen, das bereits eine Strafanzeige gegen Donald Rumsfeld sowie eine Anklage wegen Amtsvergehen gegen George W. Bush angestrebt hatte. Ausserdem will ich länderübergreifende Allianzen gegen Formen von Autoritarismus und Faschismus stärken. Ich will auch ein Buch über Kafka und Theorien des Rechts schreiben, das mit unserer Zeit zu tun hat. Anders gesagt, ich will umtriebig bleiben.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Erstellt: 29.12.2016, 17:44 Uhr

Judith Butler

Amerikas grosse Intellektuelle

Die Philosophin und Philologin Judith Butler gehört zu den wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. Mit «Gender Trouble» (auf Deutsch: «Das Unbehagen der Geschlechter»), das erstmals 1990 erschien, begründete sie ein Denken, das sich den starren Kategorien von Mann und Frau entzieht. In «Hass spricht» von 1997 zeigt Butler Möglichkeiten auf, wie man sich verletzender Sprache widersetzen kann. Für ihre Leistungen erhielt die heute 60-Jährige zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2012 den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt – als erste Frau überhaupt. In ihrem jüngsten Buch beschäftigt sich Butler mit Versammlungen auf öffentlichen Plätzen, wie sie am Tahrir-Platz in Ägypten, am Gezi-Park in Istanbul, aber auch bei den Aufmärschen von Pegida beobachtet werden konnten. In einer produktiven Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Buch «Vita activa» und mit Rückgriff auf zentrale Begriffe ihrer eigenen Ethik wie «Anerkennung» und «Verwundbarkeit» fragt Butler, welche Formen der Versammlung tatsächlich der Verwirklichung von Demokratie dienen können. Butler, die im kalifornischen Berkeley lehrt, begibt sich damit auch in Opposition zur «neoliberalen Moralvorstellung», dass «jeder nur für sich selbst und nicht für andere verantwortlich ist». (atob)

Judith Butler: Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung. Aus dem Amerikanischen von Frank Born. Suhrkamp, Berlin 2016. 312 S., ca. 37 Fr.

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