Der Kinderflüchtling, der zum Unternehmer wurde

Rami Sandrasegaram floh als 14-Jähriger allein aus Sri Lanka. Heute beschäftigt er zwei Dutzend Angestellte.

«Eine dunkle Hautfarbe ist für viele ein vermeintlicher Hinweis darauf, dass man nichts weiss und nichts kann»: Rami Sandrasegaram in seiner Metalo AG in Dulliken.

«Eine dunkle Hautfarbe ist für viele ein vermeintlicher Hinweis darauf, dass man nichts weiss und nichts kann»: Rami Sandrasegaram in seiner Metalo AG in Dulliken. Bild: Herbert Zimmermann

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Fast täglich denkt Rami Sandrasegaram heute an jenen Tag im August 1991 zurück – wenn er in der Zeitung liest, dass Kinderflüchtlinge die Schweiz viel kosten oder dass so viele kommen. Dann ist er in Gedanken wieder in Colombo, wo er als 14-Jähriger zusammen mit Unbekannten das Flugzeug nach Rom besteigt: eine kleine Pilgergruppe christlicher Tamilen, die die berühmten Marien-Wallfahrtsorte in Kroatien besuchen will. So steht es in ihrem Visumsantrag. In Rom aber, in der Transitzone des Flughafens, öffnet sich eine Seitentür für sie, und als ihr Flugzeug nach Kroatien auf die Landebahn rollt, sind sie bereits auf dem Weg in die Schweiz.

Heute ist Rami Sandrasegaram 40 Jahre alt und führt im Kanton Solothurn eine Metallbaufirma mit zwei Dutzend Angestellten. Aus dem einstigen Kinderflüchtling ist ein Unternehmer geworden. Er sitzt zwischen zwei Geschäftsterminen am Tisch, vor sich zwei Mobiltelefone. Hierhin, in diesen Imbiss mit Plastiktischen und überkolorierten Fotos von Currys an den Wänden, kommt er, wenn er in Zürich zu tun hat und wieder einmal tamilisch essen will.

Als Tellerwäscher gestartet

Gerade hat er auf Tamilisch bestellt und sagt nun in behäbigem Schweizerdeutsch:

«Dass ich heute Unternehmer bin, ist im Grunde ein Systemfehler.» Rami Sandrasegaram

Es sei nicht vorgesehen, dass ein Flüchtling einmal ein Unternehmen führe, wie seine Geschichte zeige: Nach knapp einem Jahr im Flüchtlingsheim, allein und von Heimweh geplagt, war er zu einer Pfarrersfamilie gekommen. Sie setzte sich dafür ein, dass er eine Lehrstelle bekam. Nur durfte er sie nicht antreten – «um den Ausgang des Asylverfahrens nicht zu präjudizieren», wie die Aargauer Fremdenpolizei dem Pflegevater schrieb. Dabei hatten vorläufig aufgenommene Flüchtlinge schon damals Zugang zum Arbeitsmarkt, wie das Staatssekretariat für Migration heute auf Anfrage schreibt.

Während er erzählt, hebt Sandrasegaram die Hand zum Gruss. Ein dunkelhäutiger Mann betritt den tamilischen Imbiss gegenüber. Hier im Kreis 5, wo Josefstrasse und Motorenstrasse aufeinandertreffen, haben die meisten Zürcherinnen und Zürcher dunkle Haut; sie laden Wassermelonen aus dem tamilischen Lebensmittelladen in ihre Autos, schieben Kleiderstangen mit bunten Gewändern vor ihre Geschäfte oder gleiten in klimatisierten Limousinen vorbei. Man kennt sich aus Sri Lanka; der Tamile, den Sandrasegaram grüsste, ist der Mann seines früheren Kindermädchens.

Hat in Zürich eine klassische Tellerwäscherkarriere hingelegt: Rami Sandrasegaram. (Foto: Herbert Zimmermann)

Unter Tamilen ist Sandrasegaram ein geachteter Mann. Steht er aber mit Angestellten zusammen, hält ihn keiner für den Chef. «Eine dunkle Hautfarbe ist für viele ein vermeintlicher Hinweis darauf, dass man nichts weiss und nichts kann», sagt er. So ist er noch heute darauf gefasst, dass ihm jemand sagt: «Geh in die Küche putzen.»

Schliesslich ist Sandrasegaram so ins Berufsleben eingestiegen wie die meisten seiner Landsleute: als Tellerwäscher. Obwohl er in kürzester Zeit Deutsch gelernt und dafür einen Fünfeinhalber im Zeugnis bekommen hatte, wusch er in einem Restaurant Geschirr. Nicht lange: Als im Service jemand fehlte, sprang er ein; als der Koch davonlief, stellte er sich an den Herd; als die Chefin immer seltener im Lokal auftauchte, gab er Bestellungen auf und machte Dienstpläne. Stets hiess es: «Der Rami macht das schon.» Nach ein paar Jahren war er Geschäftsführer.

Mit 23 fragte ihn ein Gast – er hatte einst dessen Computer repariert –, ob er für ihn arbeiten wolle: Blech zuschneiden am Computer. «Keine anspruchsvolle Arbeit, unterste Stufe», bemerkt Sandrasegaram trocken. Hier kam es zum Systemfehler: Er überlegte sich, wie man es besser machen könnte, schneller auch und begann Skizzen für die Spezialanfertigungen zu erstellen. So wurde die Frau des Chefs auf ihn aufmerksam. Sie beharrte darauf, dass er, mittlerweile 25, eine Lehre als Konstrukteur machte. Anfang dieses Jahres hat er das Unternehmen übernommen.

Der Granatsplitter im Bein

Wäre er in seinem Hemiatort Jaffna geblieben, läge er jetzt im Grab. Das sagte ihm sein Vater, als er ihn dort nach 23 Jahren erstmals wieder sah. Als Rami 10 war, schlug eine Splittergranate in sein Schulhaus ein, ein Splitter traf ihn im Oberschenkel; tamilische Separatisten und Regierungstruppen bekämpften sich zu jener Zeit erbittert. Ramis Eltern schickten ihn daraufhin zu einem Onkel in die Hauptstadt Colombo, dann – weil die Behörden einen jungen Tamilen mit Granatsplitter im Bein nach jedem Anschlag verdächtigten – sollte er über die Schweiz zu einem Onkel nach Kanada reisen. 12'000 Franken kostete die Reise. Inklusive Bestechungsgeld für den Beamten am Römer Flughafen.

Sandrasegaram stammt aus einer wohlhabenden Familie; sie besass Plantagen und beschäftigte mehrere Bedienstete. Die vier Kinder bekamen alles, was sie wollten, mussten dafür aber etwas leisten: Sie wurden vor und nach der Schule privat unterrichtet, und wenn sie im Zeugnis nur 597 von 600 Punkten erzielten, hatten sie tagelang Diskussionen mit dem Vater.

Heute ist Sandrasegaram Schweizer. Einer, der gerne grilliert, den man über jede Abstimmungsvorlage befragen kann und der nicht den Chef heraushängt. Er ist der Chef. Wäre er es auch, wenn er hier geboren wäre? Vielleicht nicht, meint er. Wohl nur, weil er von Anfang an alles selber machen musste, hiess es später: «Der Rami macht das schon.» Kam er abends hungrig heim, stand kein Essen auf dem Tisch. Hatte er Fieber, war keine umsorgende Mutter da.

Vor ein paar Wochen hat er Kinderflüchtlinge in einem Heim der Caritas besucht. Die Hilfsorganisation drehte Kurzfilme mit jetzigen und früheren Kinderflüchtlingen. Für Sandrasegaram war es eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Er unterhielt sich lange mit den Flüchtlingen, die heute aus Eritrea, Mali oder Afghanistan kommen. Sie träumen davon, dass sie eine Lehre machen, Geld verdienen, ein Haus bauen, eine Familie gründen können. Und beherrschen zum Teil weder Lesen noch Schreiben. «Wie soll das gehen?», fragt Sandrasegaram. Wie können sie je eine Lehre machen, wenn selbst manche seiner Lehrlinge, gute Schüler einst, Mühe haben?

Als Schweizer und Steuerzahler sieht er die Kosten, die Flüchtlinge verursachen. Wo führt das hin, wenn es nicht gelingt, sie zu integrieren?, fragt er sich. Als einstiger Flüchtling weiss er aber auch, wie viel es braucht, um sich gegen alle Widerstände durchzusetzen. «Statt Geschäftsleiter könnte ich heute auch ein Sozialfall sein», meint er.

Was war entscheidend? Dass ihn seine tamilischen Eltern so kompromisslos gelehrt haben, etwas zu leisten, das hat ihm geholfen; Leistung wird in der Schweiz honoriert. «Das, was ich heute bin», sagt er und fährt in feierlichem Ton fort, «das habe ich aber den Leuten in der Schweiz zu verdanken, die es gut mit mir meinten.» Seiner Freundin und allen, die ihm eine Familie waren. Erst hätten sie dafür gesorgt, dass er keinen Blödsinn mache und abstürze, und später, dass er nicht abhebe.

Erstellt: 05.08.2017, 16:24 Uhr

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