«Der Kühlschrank ist der Hotspot für Bakterien»

Wo tummeln sich die meisten Bakterien? Wie viel Sauberkeit ist sinnvoll? Experten geben eine Anleitung in sieben Schritten.

Zehn Millionen Bakterien pro Quadratzentimeter: ein schmutziger Kühlschrank. Foto: Getty

Zehn Millionen Bakterien pro Quadratzentimeter: ein schmutziger Kühlschrank. Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gewissheiten zu den schmutzigen Fragen des Alltags fehlen oft. Wann muss der Küchenschwamm weg? Wie oft und wie gründlich sollte man den Kühlschrank reinigen? Darauf hat jeder seine eigene Antwort.

Sauberkeit ist Definitionssache: Was der eine als blitzblank empfindet, ruft beim anderen Ekel hervor. Wie man putzt, übernimmt man in der Regel einfach von zu Hause, ohne die Gewohnheiten der Eltern zu hinterfragen. Doch wo man früher noch mit Essigreiniger scheuerte, kann man heute den Boden «swiffern». Und wo früher nur die Sauberkeit zählte, macht man sich heute auch Gedanken über die Umweltverträglichkeit.

Zwei Experten, die alle Fragen zum Frühjahrsputz auf dem neuesten Stand der Wissenschaft beantworten können, sind Markus Egert, Mikrobiologe und Haushaltshygieniker, und Elke Wie­c­zorek, Präsidentin des deutschen Berufsverbands der Haushaltsführenden. Vom Frühjahrsputz rät die Expertin übrigens ab, weil man dann erst mal die Schnauze voll habe vom Putzen. Besser sei es, man schrubbe nicht die gesamte Wohnung auf einmal, sondern nur einen Raum pro Tag – den aber «richtig gründlich».

Wie oft soll man die Bettwäsche wechseln?
Schmutz-Level: eine Million Bakterien pro Quadratzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Schmutzige Bettwäsche ist kein gesund­heitliches Problem, nur ein ästhetisches. Auch wenn man verschwitzt ins Bett geht, dort isst, die Bettwäsche vier Monate drauflässt – alles kein Problem aus mikrobiologischer Sicht. Zumindest für Nichtallergiker. Ein schmuddeliges Bett macht nicht krank. Wenn es Infektionen oder Läuse gibt, muss man die Bettwäsche natürlich wechseln und heiss waschen. Bei mir wird das Bett alle zwei Wochen bezogen.»

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Es kommt auf etliche Faktoren an: Wie viele Personen schlafen im Bett, schläft man im Schlafanzug oder nackt, schwitzt man grundsätzlich viel oder wenig, ist Sommer oder Winter, geht man frisch geduscht ins Bett? Das Gemeine ist ja, dass die Bettwäsche vordergründig immer sauber aussieht. Schweiss und Hautschüppchen sieht man kaum. Mein Tipp: Man sollte die Bettwäsche einmal die Woche wechseln. Länger als zwei Wochen würde ich sie aber auf keinen Fall drauflassen. Am besten riecht man direkt nach dem Duschen am Bettzeug, weil man dann fast keinen Eigengeruch hat und so am ehesten beurteilen kann, ob ein neues Set nötig ist.»

Den Küchenschwamm wegwerfen oder reinigen?
Schmutz-Level: zehn Milliarden Bakterien pro Kubikzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Wir haben eine Studie zu Schwämmen durchgeführt. In ihnen findet man gigantische Mengen an Mikroben. Einen ‹reifen› Schwamm kann man bei 60, besser noch bei 90 Grad waschen. Wichtig ist, Vollwaschmittel in Pulverform zu verwenden, weil das Bleiche enthält. Am besten wäscht man Schwämme in der Waschmaschine, aber der Geschirrspüler geht auch. Den dreckigen Küchenschwamm in die Mikrowelle zu legen, wie manchmal empfohlen wird, bringt nicht viel, weil er darin nicht heiss genug wird. Beim Waschen überleben allerdings Mikroben, die nachwachsen. Die Mikrobengemeinschaften, die so überleben, sind gefährlicher als normale. Daher würde ich alle ein bis zwei Wochen einen neuen Küchenschwamm verwenden. Man kann die ausgemusterten Schwämme für Dinge gebrauchen, die nicht so sauber werden müssen wie Geschirr.»

In Küchenschwämmen finden sich gigantische Mengen an Mikroben: Wenn überhaupt, sollte man sie bei 60, besser noch bei 90 Grad waschen. Foto: Getty

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Ich verwende so gut wie keine Schwämme, weil sie durch die grosse Oberfläche sehr schnell verkeimen. Nur zum Scheuern von Pfannen setze ich gezielt Schwämme ein. Ansonsten eignen sich Spültücher besser, die ich bei 60 Grad mit Vollwaschmittelpulver wasche. Die Bleiche darin wirkt keimtötend und ist in flüssigen und Colorwaschmitteln nicht enthalten.»

Wie oft muss man den Kühlschrank putzen?
Schmutz-Level: zehn Millionen Bakterien pro Quadratzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Der Kühlschrank ist der Hotspot Nummer eins für Bakterien, deutlich gefährlicher als die Toilette. Er ist ein Einfallstor für Keime. Das ist besonders heikel, weil darin Lebensmittel lagern. Anders als viele annehmen, sterben Mikroben im Kühlschrank nicht, ihr Wachstum verlangsamt sich nur. Ideal ist es, die Lebensmittel verpackt einzuräumen (bis auf Obst). Die Temperatur sollte bei vier bis sieben Grad liegen. Ein- bis zweimal im Monat sollte man den Kühlschrank sauber machen, mit Abwaschmittel, Zitronen- oder Essigreiniger.»

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Essigreiniger ist zu aggressiv und hat einen strengen Geruch. Besser wischt man mit Wasser und einem Tropfen Abwaschmittel. Die Dichtungen und den Griff nicht vergessen! Wenn die Lebensmittel in Schalen oder auf Tellern sind, braucht man nicht so oft zu reinigen, dann reicht auch einmal im Monat.»

Wie viele Schneidebrettchen braucht man?
Schmutz-Level: 10'000 Bakterien pro Quadratzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Ein No-go ist, einen Salat auf dem Brett zu schneiden, auf dem zuvor ein aufgetautes Poulet lag. Ansonsten reicht ein einziges Brett, wenn man es ordentlich säubert. Es gibt Argumente für und gegen Plastikbretter – man kann sie bei 60 Grad in den Geschirrspüler geben, sie bekommen allerdings Risse. Holz wirkt antimikrobiell, quillt aber auf. Glasbretter haben den Nachteil, dass sie einem schnell aus der Hand gleiten können. Ich muss zugeben, dass ich Holzbrettchen verwende und sie entgegen allen Ratschlägen in den Geschirrspüler gebe.»

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Für Fisch, Fleisch und Geflügel kann man ein Brett verwenden, man braucht nicht für jede Lebensmittelkategorie ein eigenes. Das Brettchen nach Gebrauch sofort mit heissem Wasser und Abwaschmittel reinigen – oder noch besser im Geschirrspüler. Keinesfalls darf man auf dem ungereinigten Brett Salate oder andere Lebensmittel schneiden, die roh verzehrt werden.»

Ist es sinnvoll, Wäsche bei nur 15 oder 30 Grad zu waschen?
Schmutz-Level: eine Million Bakterien pro Quadratzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Es ist umso hygienischer, je heisser man wäscht und je aggressiver das Waschmittel ist. Kleidung mit direktem Hautkontakt sollte man auf jeden Fall heiss waschen. Wenn jemand krank war oder eine Infektion wie Fusspilz hatte, muss man bei mindestens 60 Grad mit Vollwaschmittelpulver waschen. Damit die Maschine nicht zu müffeln beginnt, sollte man sie ab und an leer bei 90 Grad durchlaufen lassen. Ich empfehle, die Wäsche draussen aufzuhängen, Sonnenlicht wirkt antimikrobiell.»

Zwischendurch braucht die Waschmaschine einen heissen Spülgang, um Bakterien abzutöten. Foto: Getty

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Permanent bei 15 Grad zu waschen, ist nicht gut. Einmal im Monat sollte man die Maschine bei 60 Grad mit Vollwaschmittelpulver durchlaufen lassen – das desinfiziert und verhindert, dass sie zu müffeln beginnt. Die Bleiche im Waschmittel macht die Maschine keimfrei. Nach jedem Waschgang sollte man die Einspülkammer herausziehen und die Türe offen lassen, damit beides trocknen kann. Leicht verschwitzte Kleidung kann man kalt waschen, aber die kritischen Textilien – Unter- und Küchenwäsche – sollte man schon bei 60 Grad waschen. Es ist wichtig, das Waschmittel genau zu dosieren. Dazu sollte man den Härtegrad des Wassers recherchieren. Viele Menschen schütten wahllos Waschmittel hinein.»

Wie reinigt man die Toilette?
Schmutz-Level: 100 Bakterien pro Quadratzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Der Mensch hat einen angeborenen Ekel vor Fäkalien. Daher wird die Toilette in der Regel sehr gut geputzt. Sie ist nur der gefühlte Keime-Hotspot. Desinfizieren muss man im Normalfall nicht. Wichtig ist, dass beim Spülen immer der Deckel drauf ist, damit es keine Gischt aus der WC-Schüssel gibt und sich eine Mikrobenschar im Raum verteilen kann.»

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Die Schüssel wird innen mit der Toilettenbürste gereinigt. Bei leichter Verschmutzung genügt etwas Allzweckreiniger, bei starker Verschmutzung nimmt man einen WC-Reiniger. Aussen wird mit einer Allzweckreinigerlösung gereinigt, der Sitz ebenfalls.»

Kann man eine Wohnung auch zu sauber putzen?
Schmutz-Level: gefühlte null Bakterien pro Kubikzentimeter.

Der Mikrobiologe: «Es gibt noch keine wissenschaftliche Studie darüber, ob Desinfektionsmittel die Volksgesundheit verbessern. Aus meiner Erfahrung liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Geldmacherei handelt. Wasser, Lappen, Spülmittel reichen. Essig- und Zitronenreiniger sind zu empfehlen. Eine Wohnung muss nur dann antimikrobiell gereinigt werden, wenn jemand krank oder immungeschwächt ist. Kinder sollte man vielfältigen Mikroben aussetzen. Am besten sind sie viel draussen und kommen mit Tieren in Kontakt. Es ist erwiesen, dass das der Gesundheit zuträglich ist.»

Die Hauswirtschaftsmeisterin: «Ohne eine Erkrankung in der Familie, etwa ein Norovirus, muss man nicht desinfizieren. Ein guter Hygienestandard reicht vollends.»

Erstellt: 17.04.2019, 18:08 Uhr

Artikel zum Thema

Mit diesen Zügeltipps bleiben die Kosten niedrig

Ende März ist offizieller Zügeltermin. Was tun, damit der Umzug nicht in Stress ausartet? Und wo lässt sich überall sparen? Die Empfehlungen der Fachleute. Mehr...

«Mental Load», darüber streiten Paare

Einkauf, Elternabend, Thek packen: Frauen leisten viel mehr unsichtbare Denk- und Delegierarbeit, so eine Studie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...