Der Männerversteher

Mit 15 dachte er, Erektionen seien frauenfeindlich. Seit 10 Jahren lobbyiert er für die Männer. Er habe eine Mission, sagt Markus Theunert. Ja, finden andere: seine eigene.

Supertheunert: Der Männerlobbyist beim Bundeshaus. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Supertheunert: Der Männerlobbyist beim Bundeshaus. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Wenn bei Männern nichts mehr geht, kommt Supertheunert angeflogen. Junge Männer wollen weniger Sex, was ist mit denen los? Sollen Väter mehr mit ihren Kindern spielen oder weniger? Ist Sex ohne Orgasmus nicht viel rücksichtsvoller, also lieb, also gut? Sind Männer nicht das schwächere Geschlecht, weil so viel Stress und dann der Alkohol und überhaupt der Herzinfarkt? Muss die Freiheit des selbstbestimmten Urinierens eingeschränkt werden? Sollen Männer Frauen Komplimente machen dürfen? Warum scheitern so viele Väter nach der Scheidung an der Geschiedenen? Was raten Sie, Herr Theunert?

Und Markus Theunert rät. Er sagt aus, redet mit, tritt auf, trägt vor, setzt nach, teilt aus. Je nach Anlass spricht oder doziert er, beides ausführlich, nicht immer gleich verständlich. «Die meisten Männer stehen schon den ganzen Tag lang unter enormem Leistungsdruck und haben das Gefühl, Sex sei eine zusätzliche Leistung, die sie am Abend noch erbringen müssen», antwortet er «20 Minuten». Und weil Akademiker Texte für oberflächlich halten, die verständlich und attraktiv zu lesen sind, klingt der universitäre Theunert so: «Differenzen zwischen Männern benennen Diversitäten und Intersektionalitäten.» So geht das seitenlang. Noch mehr als die Beachtung liebt Markus Theunert die Belehrung.

Krippe, Zug, Büro

Dabei ist er ein gewinnender Typ. Beim Wiedersehen findet man ihn genauso sympathisch wie beim Erstkontakt vor zehn Jahren. Damals hatte er Männer.ch lanciert, seine «Lobbygruppe für Geschlechterdemokratie», wie er sie nannte. Jetzt gibt er das Präsidium ab, wenn auch nicht seine Mitarbeit und schon gar nicht das Thema: die Gleichbehandlung von Männern als Väter, Partner, Geschiedene, Teilzeitarbeiter, Söhne, Kranke und Übergangene. Das Engagement für Vaterschaftswochen und Teilzeitmänner, gegen Knabenbeschneidung und männliche Gewalt.

Man hat auf dem Bundesplatz abgemacht, symbolische Unterlage für Theunerts Lobbyarbeit. Er ist um sechs Uhr in Zürich aufgestanden, hat Tochter Lou in die dreisprachige Krippe gebracht, hat knapp den Zug nach Freiburg geschafft, wo es um sein neues Projekt ging. Theunert wird ab Februar Men Care ins Land bringen, eine internationale Kampagne für Väter, die in der Schweiz von vier Stiftungen finanziert wird. Er fuhr für weitere Gespräche nach Bern, jetzt kommt die Heimfahrt nach Zürich, wo er Lou wieder abholen wird, sie wird ihn freudig erwarten mit blonden Haaren und ausgestreckten Armen. Er wird noch in der Krippe ihre Windeln wechseln und nachher heimfahren quer durch die Stadt. Theunert und seine Partnerin Shannon arbeiten 80 Prozent, jeder schaut einen Tag zu Lou, drei Tage geht sie in die Krippe.

Supertheunert der Psychologe, Politberater, Paarberater, Einzelberater, Sozialdemokrat, laut «SonntagsBlick» der bekannteste Männeraktivist der Schweiz: Er sieht mit seinen 42 Jahren immer noch rassig aus. Der helle Blick, das Bubenlachen, die sorgfältige Locke im Gesicht. Modellhaft posiert er für den Fotografen. Sein Baseldeutsch klingt weicher als früher, man hört ihm die Jahre in Bern und Zürich an.

Der Weg führt durch die betongraue Unterführung, man wartet auf dem kalten Perron. Theunert trinkt Kartonkaffee. Immer wenn er etwas sagen will, kreischt ein Güterzug vorbei, eine S-Bahn bremst. «Schon eine spezielle Location», sagt er und wirft die Zigarette aufs Gleis. Der Männerlobbyist mit Anschluss an die internationale Kongresswelt liebt Anglizismen und Fremdwörter. Er redet vom «Groove, der bis ins Wording mitschwingt», und braucht geniesserisch Begriffe wie «Persönlichkeitskonstitution», «Geschlechterarrangement», «Profilierungsmoment» oder «vertikale Schichtung». Am meisten liebt er das Wort «spannend», gefolgt vom Wort «Diskurs». Es wird ein spannender Diskurs zwischen Bern und Zürich.

Das Klumpenrisiko Markus

Warum gibt er die Leitung seiner Lobbygruppe ab, wenn auch nicht die Mitarbeit? Zwei Gründe, sagt er. Als Vater wolle er mehr Zeit haben, darum wechsle er vom Ehrenamt ins Professionelle. Und als Lobbyist sei er zum «Klumpenrisiko Markus» geworden, das gefalle seinen Mitstreitern nicht, «und sie müssen sich von mir emanzipieren». Das Zugabteil ist voll. Theunert redet so, dass viele ihn mehr hören, als sie wollen. Einige schauen zu ihm herüber. Er ignoriert es oder übersieht sie.

Dass er zum Klumpenrisiko Markus geworden ist, liegt weniger an der mangelnden Emanzipation seiner Kollegen als an seiner systematischen Selbstvermarktung. Markus Theunert machte sich das Anliegen dermassen zu eigen, dass das Thema in ihm aufging, er mit ihm verschmolz. Es gibt mehrere Gruppen, die sich für männliche und väterliche Gleichberechtigung einsetzen, es gibt viele Frauenorganisationen, die sich für die weibliche einsetzen, aber man redet am häufigsten über ihn: Theunert.ch, eine Männerbewegung in Personalunion. Ob er sich zutraue, seinem Nachfolger nicht dreinzureden? «Das wird schwierig», gibt er zu, «denn ich habe eine Mission.»

Der Männermissionar bekommt Lob von beiden Geschlechtern. «Er unterstützt die Anliegen der Männer, ohne die der Frauen abzuwerten», sagt Alec von Graffenried, der ehemalige grüne Nationalrat. «Er kämpft hartnäckig für seine Sache, und die Auseinandersetzungen mit ihm sind oft herausfordernd», sagt Etiennette Verrey, Präsidentin der eidgenössischen Frauenkommission – «aber auch wenn unsere Meinungen sich sehr unterscheiden, bleibt er immer sachlich.»

Selbst Helena Trachsel vom Zürcher Gleich­stellungsbüro würde ihn sofort wieder anstellen, «er ist fachlich sehr kompetent». Dabei war Theunert, den Trachsel vor drei Jahren als Zürcher Männerbeauftragten eingestellt hatte, schon nach drei Wochen wieder gegangen. Er war nicht bereit gewesen, seine Arbeit für Männer.ch aufzugeben. Aber das war nicht der einzige Konflikt. «Markus suchte die Medienöffentlichkeit mit einer Hartnäckigkeit, die unsere Arbeit stark erschwerte», sagt seine kurzzeitige Chefin Trachsel. «Es kollidierten zwei gleich grosse Egos», kontert Theunert im ­Intercity.

Mit Kritik kann er umgehen, offen bleibt, was er davon umsetzt. Er verfügt über Selbstironie und sogar Selbsteinsicht, wenn auch nur auf Nachfrage. Zudem hat er Humor, was man seinen Texten nicht anmerkt. Wenigstens hat er den Bekennerschwulst überwunden, der seine frühen Beiträge in der «Männerzeitung» so klebrig machte, diese übersensiblen Selbstbekenntnisse. Theunert hat sie vor 15 Jahren gegründet – «das war mein Outing als bewegter Mann», sagt er im Jargon der emanzipatorischen Korrektheit. Der Zug rast durch Olten.

Sachlich, kompetent, selbstbezogen

Dass er sich in jedes Zentrum stellt, sagen viele. Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung geht noch weiter. Er arbeite gut mit Theunert zusammen, sagt er, aber wie er seit dem Parlamentsentscheid über das Sorgerecht so getan habe, als habe nur sein Engagement zum Erfolg geführt, habe ihn schon sehr irritiert. «Unsere Organisationen kümmern sich teilweise seit über 25 Jahren um dieses Thema, und Markus kam erst spät auf unsere Einladung hin dazu. Es war eine von uns lancierte Zusammenarbeit und sollte auch so bezeichnet werden.» Sonst verschwinde die Sache, wie so oft, hinter seiner Person.

Auch Hunziker ist aufgefallen, wie erfolgreich Theunert seine Anliegen an die Öffentlichkeit bringt. Die Probleme der Männer öffentlich zu machen, das ist ihm gelungen wie keinem anderen. Am besten geriet ihm mit seinen Kollegen vor drei Jahren die Kampagne zum Teilzeitmann, vom eidgenössischen Gleichstellungsbüro mit knapp 350 000 Franken finanziert. Das Anliegen überzeugte, die Kampagne wirkte, das Thema wurde lang und breit debattiert. Trotzdem ist der Initiant überzeugt, dass die Teilzeitarbeit für Männer ein Tabu bleibt, in den Banken zum Beispiel. «Dort sagt kaum einer, er arbeite nur 80 Prozent. Er redet von Weiterbildungskursen.»

Der feministische Streber

Die Nacht fällt auf das Mittelland, bleiche Lärmschutzwände zischen vorbei. Im Abteil schlafen ein paar, Markus Theunert redet weiter. Dass die grössten Erfolge seiner Lobby nicht juristisch waren oder politisch, sondern symbolisch und medial: Er sieht das als Beleg für die Schwierigkeit, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass es auch Männern schlechtgehen kann. «Wir sind willkommen zu Gesprächen», sagt er, «aber nicht zum Verhandeln.»

Zwischen Aarau und Lenzburg stellt man die Frage, deren Antwort am meisten interessiert: Woher kommt sein Furor? Was hat ihn als Mann so traumatisiert, dass er jetzt so heftig für sein Geschlecht kämpft? Theunert kann sich an keinen Schaden erinnern und auch an keine Erleuchtung. Eher sieht er eine Entwicklung von der Schüchternheit zum Selbstbewusstsein. «Mit 15 war ich ein feministischer Streber», sagt er, «ich dachte, eine Erektion sei frauenfeindlich.» Heute findet er die Gesellschaft in manchem männerfeindlich. Die Weinerlichkeit von Streichelmännern geht ihm auf die Nerven, die Opferprosa mancher Feministinnen aber auch, er findet sie kontraproduktiv. Gleichberechtigung heisst für ihn nicht ausgleichende Ungerechtigkeit zulasten der Männer, sondern «Gleichbehandlung auf Augenhöhe». Kurz vor Zürich kommt man auf das Private, kein ungehöriges Thema für einen, der so oft über private Themen redet. Wie wirkt sich sein Männerlobbyieren auf die Beziehung aus? Monitoriert er Konflikte mit Flussdiagrammen? Kann man einen solchen Mann als Frau überhaupt ertragen? Er hat seine Partnerin übers Internet kennen gelernt. Sie will nicht über ihn reden, er mag wenig über sie sagen. Wie er denn beim Streiten in der Beziehung sei, fragt man ihn. «Schweigsam», sagt er.

Viel Streit werden die beiden nicht bekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2015, 22:27 Uhr

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