Der Milliarden-Konsumtempel der Mormonen

Mitt Romney steht an der Spitze einer geschäftstüchtigen Mormonen-Generation. In Utah errichtete die Glaubensgemeinschaft in diesem Jahr ein gigantisches Einkaufszentrum – «ihr Gottesreich auf Erden».

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Wer im City Creek Center einkauft, der soll sich von seinen Sünden reinwaschen können: Göttlicher Segen als Dank für den Erwerb einer 535 Dollar teuren Tabak-Pfeife im Porsche-Design? Die Betreiber des Einkaufscenters in Salt Lake City würden dieser These zumindest nicht widersprechen. Sie sind Mormonen und weil ein gewisser Prozentsatz aller Verkäufe in deren Kasse fliesst, dient dies aus Sicht der Investoren automatisch schon einem höheren Zweck.

Das zwei Milliarden teure City Creek Center liegt im Herzen von Salt Lake City, einer Hochburg des Mormonentums. Die Supermall ist Teil eines grösser angelegten Städtebauprojekts im Umfang von fünf Milliarden Dollar, das der Hauptstadt im US-Bundesstaat Utah neues Leben einhauchen soll, wie die Agentur Bloomberg in einer ausführlichen Reportage schreibt. Gemäss Eigenaussage soll das Einkaufszentrum der religiösen Gemeinschaft dazu dienen, ihre Botschaften «besser zu verbreiten», «finanzielle Unabhängigkeit» zu gewährleisten und – nicht zuletzt – «ein Gottesreich auf Erden» zu errichten.

«Eins, zwei, drei - let's go shopping!»

«Alles, was wir hier sehen, ist den Bedürfnissen der Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angepasst» (Anm. d. Red.: Offizielle Selbstbezeichnung der Mormonen), sagte Keith B. McMullin bei der Eröffnung des Zentrums am 22. März 2012. Sein Unternehmen Deseret Management Corporation ist ein wichtiger Investor des Projekts und ebenfalls Teil des Wirtschaftsnetzes der Mormonen, das inzwischen weitgesponnen ist. Tausende Menschen strömten los, als Henry B. Earing, ein anderer bekannter Botschafter der Mormonen, anlässlich der Eröffnung den Startschuss gab: «Eins, zwei, drei - let's go shopping!»

Und was sie die Besucher zu sehen bekamen, dürfte sie kaum enttäuscht haben. Das City Creek Center ist ein Einkaufscenter der Superlative, wie es sie wahrscheinlich nur in den USA geben kann: Auf 8,1 Hektaren verteilt, bieten über 100 Geschäfte ihre Produkte an - von Filialen wie H&M, Macy's über Cheesecake Factory bis hin zu Restaurants diverser Geschmacksrichtungen ist alles mit dabei, was das Konsum-Herz höherschlagen lässt. Bei schönem Wetter lässt sich das Glasdach des Einkaufstempels automatisch öffnen und draussen wie drinnen täuscht ein Geflecht von künstlichen Flüssen, Blumen und Pflanzen die Natur vor.

Inkonsequentes Alkoholverbot

Das einzige Verbot, das in diesem Einkaufstempel als heilig gilt, betrifft den Ausschank von Alkohol. Gemäss «Huffington Post» gilt in sämtlichen Läden ein Verkaufsverbot. Es sei denn, das Prozentige fliesst in den Restaurants, dann drückt der Mormone gerne ein Auge zu.

Dass eine Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder besonders durch ihren sittsamen Kleidungsstil auffallen, über einen derart geschliffenen Geschäftssinn verfügt, hätte man ihr vielleicht nicht zugetraut. Doch wie Bloomberg schreibt, hat bei den Mormonen schon längst eine Modernisierung stattgefunden, deren männliche Speerspitze sich nun gar um die amerikanische Präsidentschaft bemüht. Der US-amerkanische Historiker Michael Quinn erklärt gegenüber Businessweek: Während traditionell christliche oder jüdische Gemeinschaften zwischen Geschäftsalltag und Glauben klar trennen, würden bei den Mormonen diesbezüglich keine Grenzen gezogen.

Freiwillige Entrichtung des Zehnten

Das City Creek Center erscheint als florierende Ausnahme in einer Zeit, in der in den USA mehr Einkaufscenter schliessen, als neue ihre Tore öffnen, schreibt die «Huffington Post». Innert weniger Wochen sei es den Betreibern gelungen, sämtlichen Platz an Ladenbetreiber zu vermieten. Darüber hinaus konnte Taubmann Properties als einflussreicher und kompetenter Berater gewonnen werden: Die Investorenfirma ist der grösste Einkaufscenter-Betreiber in den USA und schoss 76 Millionen Dollar in das Vorhaben ein.

1,5 Milliarden Dollar stammen aus der Kasse der Mormonen, sprich von den Mitgliedern selbst. Ganz nach Abraham, der Melchizedek einen festen Anteil seines Einkommens entrichtete (Genesis 14:17 - 20), treten glaubenstreue Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage traditionell zehn Prozent ihres Einkommens an die Gemeinschaft ab. Die Entrichtung an die Kirche wird denn auch reichlich belohnt. So lieferte McNullin anlässlich der Eröffnung des Centers die Erklärung für das emsige Businesstreiben, das ganz im Sinne des Hauptzweckes der Mormonen erfolge: «Wir machen schlechte zu guten Männern und gute zu noch besseren.»

Erstellt: 11.07.2012, 11:09 Uhr

Video

Meterhohe Fontänen und Stichflammen: Die Eröffnungszeremonie am 22. März 2012. (Video: Youtube.com)

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