Der Nachwuchs fliegt nicht mehr mit

Die Jugend erzieht ihre Eltern zu mehr ökologischem Bewusstsein. So offenbart sich ein neuer Generationenkonflikt.

Verzascatal statt Tel Aviv: So weit kann es kommen, wenn die eigenen Kinder bei der Ferienplanung mitbestimmen. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

Verzascatal statt Tel Aviv: So weit kann es kommen, wenn die eigenen Kinder bei der Ferienplanung mitbestimmen. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

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Bei uns fing es früh an. Die Tochter ermahnte schon als Achtjährige jeden im Haus, die Lichter auszumachen, wenn man sie nicht braucht. Wer den Lift in den dritten Stock nahm, musste sich wegen des Energieverbrauchs rechtfertigen. Keine Sekunde zu viel durfte der Wasserhahn laufen, wegen der Verschwendung. Jetzt ist sie bald 18 und demonstriert jeden Samstag. Fürs Klima, für die Frauen, gegen Nazis. Als ich dieses Jahr mit den Kindern die Sommerferien besprach und Tel Aviv vorschlug, legte sie die Gabel auf den Tellerrand und fragte: «Muss man da fliegen? Dann komme ich nicht mit.» Der 15-jährige Bruder ergänzte: «Wenn sie nicht mitkommt, dann ich auch nicht.»

Wenn Erziehung ein organisiertes Abwehrgefecht gegen die Jugend ist, dann hat die Generation der Ü-40 gründlich versagt. Sie feierte sich an Raves und Partys durch ihre unpolitische Jugend. Dann tauschte sie das neonfarbene Tanktop und die Buffalo-Schuhe gegen eine bürgerliche Existenz mit Beruf, Familie und dem Bemühen, das Richtige zu tun. Und sieht sich nun mit Nachwuchs konfrontiert, der alles politisch sieht: Was geht mit dem Klima? Warum tut man nichts? Wie können wir das verantworten? Und wir wissen nichts darauf zu entgegnen.

Elfjährige gegen Papas Landrover

Manchmal landen die Vorwürfe der Kinder wie eine moralische Faust im Gesicht. So wie bei Pablo, vierzig, drei Töchter, Mitbesitzer einer Werbefirma, zwei Autos – einen Landrover Discovery und einen Jaguar. Eines Nachmittags im Frühjahr fuhr er mit dem Landrover durch die Stadt und musste plötzlich bremsen – ein Demonstrationszug der Fridays for Future blockierte die Strasse. Pablo studierte die Transparente, als ihm plötzlich eines auffiel. Darauf war ein grünes Auto zu sehen, das verdächtig einem Landrover ähnelte. Sein Landrover, fett durchgestrichen. Daneben in grossen Lettern: «Es geht um unsere Zukunft.» Und unter dem Transparent seine elfjährige Tochter. An vorderster Front.

Natürlich wissen die Eltern um die Probleme des Planeten nicht erst seit gestern. Natürlich versuchen sie sich ökologisch zu verhalten, aber allzu schnell verliert man sich in den komplexen Anforderungen des täglichen Lebens. Und haben wir nicht alle mal ein bisschen Ferien verdient? Und damit auch eine Auszeit von solchen Sorgen? Die Klimajugend sieht das anders. Sie hat ihre Zukunft noch vor sich und keine Geduld. Und sie kennt die wunden Punkte ihrer Eltern.

Den Konsum überdenken

Getrieben vom Ideal heutiger Erziehung, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, hören die Eltern ihren Kindern zu und nicken schuldbewusst. Der aktuelle Generationenkonflikt kommt deshalb als Erziehungsmassnahme daher, eine erfolgreiche Erziehungsmassnahme von unten. Pablo verkaufte wenig später seinen Landrover und legte sich einen Tesla zu. Wenn auch schweren Herzens. «Mein politisches FDP-Mandat kollidiert öfter am Familientisch», sagt Pablo. «Wir führen sehr intensive Diskussionen, und wir sind nicht immer einer Meinung.» Denn die Sachlage ist komplex, ein Überblick zu gewinnen schwierig. Wo will man anfangen? Beim Essen, Fliegen und Shoppen ist es noch einfach. Wenn es um Mobilität und heizen geht, schon schwieriger. Und was ist mit dem Smartphone? Viele Eltern setzen deshalb auch hier an: bei den grösseren Zusammenhängen, den unvermeidlichen Ambivalenzen.

So hat Pablo seine Töchter angehalten, den eigenen Konsum zu überdenken und etwa weniger Kleider von Billiglinien zu kaufen. «Wichtig ist es, sich zu fragen, was man tun kann. Sich Ziele zu setzen», sagt er. Pablos Familie isst seither weniger Rindfleisch, fliegt weniger, er kompensiert die Geschäftsflüge. Auch die Töchter haben ihr Verhalten angepasst, zum Beispiel beim Kleiderkauf.

Die Schule spornt die Kinder an

Zur Dringlichkeit tragen auch die Schulen bei. Etliche Lehrpersonen haben das Klima gross auf ihre Agenda gesetzt, und seit der Klimanotstand ausgerufen wurde, hat die Sache etwas Existenzielles angenommen. Das erzeugt auch sozialen Druck. Gleichzeitig ist ökologisches Verhalten auch eine Frage der Kaufkraft. Bei knapper Kasse entscheidet man sich für den günstigen Flug und nicht für den teuren Zug.

Für jene, die ihr Verhalten anpassen, heisst es jetzt, da die Sommerferien anstehen: Fliegt ihr noch, oder reist ihr schon? So etwa bei Sven, Mitte vierzig, zwei Söhne, eine Tochter. Niemand fliege gern in seiner Familie, aber es sei halt günstiger und praktischer gewesen. Die Klimadiskussion hat besonders die elfjährige Tochter politisiert. Sie isst seither kein Fleisch mehr, nur regionale Früchte und tadelt ihre Eltern wegen unökologischen Verhaltens. «Wir versuchen ihr zu erklären, wie schwierig es ist, sich absolut konsequent zu verhalten. Dass sie auch ihr Verhalten bezüglich Konsum hinterfragen muss», sagt Sven. «Ich finde es wichtig, ihr auch die grösseren Zusammenhänge zu zeigen.» Seine Familie reist mittlerweile lieber mit dem Wohnmobil oder dem Zug. «Das ist teurer und mühsamer, aber auch eine Herausforderung. Du planst die Reise anders, machst Zwischenhalte, siehst mehr. Mittlerweile geniesse ich das auch. Zu sehen, wie gross Europa eigentlich ist.»

Zur Dringlichkeit tragen auch die Schulen bei. Viele Lehrpersonen haben das Klima gross auf ihre Agenda gesetzt.

Für Helene und ihren Mann begann es schon vor Greta. Ihr heute 23-jähriger Sohn rechnete bereits vor Jahren seinen ökologischen Fussabdruck aus. Als er nach der Matur einige Monate in Berlin lebte, wollten ihn die Eltern besuchen. Mit dem Flieger. Das verbat er sich, nicht den Besuch, sondern den Flieger. Auch zu Konzerten oder Theatervorführungen stiegen sie früher gern mal ins Flugzeug. Bis sie der Sohn mit ihrem Reiseverhalten konfrontierte. «Das kam mit grossem Nachdruck», sagt Helene. Also begannen sie für Reisen innerhalb Europas, wenn immer möglich, den Zug zu nehmen. «Das heisst dann Tagesfahrten im ICE, die oft teurer sind als ein Flug und uns diverseste Abenteuer mit ausgefallenen Zügen, nicht funktionierenden Reservationen und Umwegen bescherten.» Dennoch hätten sie dieses Verhalten verinnerlicht, machten öfter mal noch einen Zwischenhalt oder zelebrierten die Zugreise, indem sie ein grosses Picknick mitnähmen.

Was meine eigene Familie angeht, bleiben wir diesen Sommer in der Schweiz, wandern in den Alpen, sonnenbaden an Seen und Flüssen. Vielleicht werden wir auch den Hof besuchen, wo der Grossvater seine letzten Jahre verbracht hat. Er war ein Aussteiger, schon in den Neunzigerjahren, zahlte weder Steuern noch Krankenkasse, lebte vom Flohmarkt-Verkauf und fuhr nur Velo. Seine letzten Jahre verbrachte er gut gelaunt und radikalökologisch im Glarnerland als Selbstversorger.

Ich finde es gut, wissen meine Kinder, wie ein solches Leben aussehen kann – dass es Optionen gibt. Auch wenn Grossvaters Aussteigerleben weder ihn noch die Welt zu retten vermochte.

Erstellt: 08.07.2019, 19:29 Uhr

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Die Zahl der Reisenden ab Flughafen Zürich ist zuletzt im April und Mai zwar leicht zurück­gegangen. Wegen einer Zunahme der Umsteigepassagiere sind jedoch auch in diesen beiden Monaten im Vergleich zum Vorjahr insgesamt mehr Passagiere über Zürich geflogen. (mcb)

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