Der nette Faschist von nebenan

Die extreme US-Rechte verleiht sich mit einem neuen Dresscode ein harmloses Erscheinungsbild.

Gepflegt und massentauglich: Fackelzug von US-amerikanischen Rechtsextremen auf dem Campus der Universität Virginia in Charlottesville am 11. August 201.

Gepflegt und massentauglich: Fackelzug von US-amerikanischen Rechtsextremen auf dem Campus der Universität Virginia in Charlottesville am 11. August 201. Bild: Getty Images

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In Männermodemagazinen nennen sie es Freizeitlook. Der Freizeitlook besteht aus Chinos, also dieser etwas vornehmeren Variante der Jeans, kombiniert mit einem Poloshirt. Oder einem Hemd. Dazu Mokassins oder Turnschuhen, aber bitte sauber, und keine Converse, die wären zu subversiv, zu sehr Kurt Cobain und damit zu wenig proper.

Denn die Botschaft des Freizeitlooks lautet unmissverständlich: Ein anständiger Mann trägt auch dann, wenn er nicht im Dienst ist, anständige Kleidung und eben nicht eine lausige Trainerhose und ein noch lausigeres T-Shirt, geschweige den Schlappen. Dieses Tenü ist für das Prekariat reserviert. Der Freizeitlook hingegen ist das Tenü des seriösen, rechtschaffenen Mitbürgers, der zwar ein bisschen spiessig ist, aber eben verlässlich. So sah Barack Obama aus, wenn er in den Ferien weilte.

Chinos statt Glatzen

Und so sieht jetzt die amerikanische extreme Rechte aus. Als die unlängst in Charlottesville aufmarschierte, waren da zwar Nazi- und Konföderierten-Fahnen zu sehen, aber die, die sie schwangen, hatten nichts mit dem gemein, was man sich bis anhin unter Rechtsextremen vorstellte. Da waren kaum Glatzen auszumachen, keine mit Hakenkreuzen tätowierten Arme, und vor allem fehlten die klassischen Erkennungsmerkmale der Neofaschisten: keine Springerstiefel, keine Bomberjacken, keine hochgekrempelten Jeans.

Die sahen nicht aus wie Schläger, nicht wie Gestalten, wegen derer man die Strassenseite wechselt. Ganz im Gegenteil: Viele Teilnehmer kamen in ihren Chinos und in ihren Polos daher wie der etwas biedere «all american dad», der einen Familien-Van fährt, immer freundlich winkt und am Wochenende den Rasen vor seinem Häuschen mäht. Sie sahen wie aus viele. Sie sahen harmlos aus.

Ku-Klux-Klan begann mit Kleidervorschriften

Diese Harmlosigkeit ist kein Zufall. Sondern Absicht. Und möglicherweise gar Vorschrift. Als der Ku-Klux-Klan vor ein paar Jahren zu einer grossen Zusammenkunft aufrief, wurde im Vorfeld nicht nur ein kleines Verhaltensregelwerk erlassen, das unter anderem riet, man solle ein Notizbuch sowie Insektenspray mitbringen und bitte die Zigarettenstummel ordnungsgemäss entsorgen, da fand sich zudem ein Dresscode.

Konkret wurde unter Punkt 3 festgehalten, es sei anständige Kleidung erwünscht, nämlich solche, die man auch in die Kirche oder an einem «casual day» im Büro tragen würde. Unerwünscht hingegen sei Camouflage (das Military-Vierfrucht-Muster) oder gar der Biker-Look (Leder). «Look sharp!» hiess es, «Sehen Sie gepflegt aus!».

Gesinnung nicht sichtbar

Das bedeutete: Man wollte explizit keine Teilnehmer, denen ihre Gesinnung anzusehen war. Anstatt Dumpfheit zu verströmen und Angst und Schrecken zu verbreiten – wie das beim KKK mit seinen Kapuzenaufzügen lange ein entscheidender Faktor gewesen war – oder allein wegen des Äusseren auf Ablehnung und Ekel zu stossen, setzte man auf Manierlichkeit, auf ein angenehmes, unverfängliches Erscheinungsbild.

Das ist gefährlich, weil es klug ist. Die Alt-Right-Bewegung scheint um die nonverbale Botschaft von Kleidern zu wissen und macht sich diese geschickt zunutze. Während man in der Schweiz Mode immer noch als oberflächlichen Tand abtut, haben Politikerinnen und Politiker in den USA längst begriffen, wie manipulativ sich das Textile einsetzen lässt.

Bei öffentlichen Auftritten wird jede Kleinigkeit miteinbezogen und nichts dem Zufall überlassen: die Absatzhöhe der Pumps, die Farbe der Krawatte, ob Einstecktuch oder nicht – alles ist wichtig, weil aus diesen winzigen, scheinbar nebensächlichen Details Nuancen sprechen, die vom Publikum unbewusst wahrgenommen werden.

Moderner Haarschnitt, reaktionäres Gedankengut

Dasselbe Prinzip machen sich mittlerweile auch die Vertreter der Freikirchen zunutze, die sich mit Sonnenbrille und Rockstarkluft locker und leger geben, während sie gleichzeitig Homosexualität und Abtreibung verdammen und ganz generell ein reaktionäres Gedankengut predigen.

Nur wirkt es eben anders. Wenn da einer, der total cool daherkommt, den Lebenswandel von Schwulen und Lesben als verwerflich geisselt, dann kann das doch irgendwie nicht so schlimm sein, oder? Weil er wirkt ja so gar nicht konservativ, gar nicht vorgestrig, sondern modern mit seinem kecken Haarschnitt und seinem Männerschmuck. Und mit einem Mal hören auch jene zu, die bei einem grauhaarigen Prediger im schlecht sitzenden Anzug sofort wegzappen würden.

Hass mit massentauglichem Antlitz

Bezogen auf die extreme Rechte bedeutet deren Kurswechsel in Sachen Tenü dasselbe: dass deren Aussagen durch ihr bewusst harmlos gehaltenes Erscheinungsbild gemildert werden. Wenn da einer redet am Fernsehen, aus dessen Mund Unsägliches kommt, der aber doch so nett und adrett aussieht, nämlich wie ein grosser Teil des Publikums daheim vor dem Fernseher, dann verliert das Gesagte seinen Schrecken.

Dann hat der Hass auf Nicht-Weisse, Frauen, Homosexuelle und Juden plötzlich ein freundliches, massentaugliches Antlitz. Und der Inhalt wird salonfähiger, weil der, der spricht, so gar nichts zu tun haben scheint mit einer irren Randgruppe und deshalb wohl so irr nicht sein kann. Das neue Motto «blend in», also in der Masse aufgehen, ist so subversiv wie bedrohlich. Und ein Boykott von Chinos wird nicht helfen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 08:53 Uhr

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