«Der neue Moraladel trägt gute Taten aggressiv nach aussen»

Das unablässige Bekennen zu Werten wie Heimat, Vegan oder Toleranz gefährdet den gesellschaftlichen Frieden, sagt Wolfgang Ullrich.

«Ein Wertebekenntnis stellt noch keine moralische Qualifikation dar»: Wolfgang Ullrich. Foto: Martin Jehnichen (Laif)

«Ein Wertebekenntnis stellt noch keine moralische Qualifikation dar»: Wolfgang Ullrich. Foto: Martin Jehnichen (Laif)

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Herr Ullrich, ein Kollege von mir hat sich kürzlich in sein Büro einen veganen Poké-Bowl vom Velokurier liefern lassen. In Ihrem Buch gehen Sie mit solchen Dingen kritisch um. Was haben Sie gegen einen veganen Zmittag, der umweltfreundlich ausgeliefert wird?
Nichts. Das ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen und scheint mir auch durchaus vernünftig. Für dieses Essen mussten keine Tiere gequält werden, und kein Diesel fressender Lastwagen ging auf die Strasse. 

Aber?
Meine Stirn legt sich in Falten, wenn Ihr Kollege seinen Poké-Bowl auf einem Social-Media-Kanal postet und mit einem Hashtag wie #gutesgewissen ergänzt.

Er tut Gutes und verkündet es, um die Welt damit im Kleinen etwas besser zu machen. Was soll daran falsch sein?
Der Hashtag. Die unterschwellige Tonalität seines Posts. In dieser Form führt eine private Angelegenheit zu einem Gewissenshedonismus. Ein veganes Essen wird so mit moralischer Überlegenheit assoziiert. Was löst dieser Post beim Nachbarn aus, der sich dieses sicherlich eher teure Menü nicht leisten kann? 

Vielleicht ein schlechtes Gewissen.
Ja. Dazu kommt, dass hier moralische Qualifikation auch an den Geldbeutel geknüpft wird.

Sie schreiben von einem neuen Moraladel, der sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Ist das nicht etwas überzeichnet?
Ich denke nicht, nein. In unserer Wohlstandsgesellschaft gibt es eine bestimmte Schicht, die mit ihrem materiellen Besitz, immateriellen Reichtum anhäuft. Das ist ja an sich nicht verwerflich. Aber mich stört, wie aggressiv dieser Moraladel gute Taten nach aussen trägt. Dies führt zu einer Segmentierung unserer Gesellschaft, einer immer grösser werdenden moralischen Kluft zwischen Arm und Reich. Da ein gesund ernährter, fair und bio einkaufender Adel, der nach selbst gewählten Werten lebt. Dort eine Unterschicht, die viel geringere materielle und intellektuelle Voraussetzungen hat und daher ihre Werte viel schlechter verwirklichen kann und ständig daran erinnert wird, wie moralisch fragwürdig sie ist. Diese Entwicklung kann nicht gut für uns sein.  

«Ein veganes Essen wird so mit moralischer Überlegenheit assoziiert.»

Aber eine solche Segmentierung gab es doch schon immer.  
Natürlich haben sich gewisse Milieus schon immer über andere erhoben. Aber ich bin der Meinung, dass diese Aufspaltung, die bis zu den moralischen Grundwerten geht, neu ist.

Geht es bei Ihrer Kritik an der Wertegesellschaft nicht eigentlich vor allem um eines: Social Media.
Da will ich Ihnen nicht widersprechen. Instagram oder Facebook verstärken sicherlich diesen Singsang der Selbstgerechtigkeit . . . 

. . . und könnte damit als ein Phänomen der Jugend verstanden werden. Erwarten Sie da nicht etwas viel moralische Integrität von Heranwachsenden?
Ich kann Ihnen versichern, dass die Accounts, die mir auffallen, von über 30-Jährigen stammen. Da sind Frauen, die ihre Mutterschaft zelebrieren, oder Menschen, die einen radikalen rückwärtsgerichteten Begriff von Heimat propagieren. Interessant ist auch, dass die Themen Fitness und Gesundheit sowohl von linken wie von rechten Kreisen inszeniert werden können. 

Werte werden wild zusammenkombiniert. Alles ist heute möglich, ständig im Wandel.
Genau! Man kann Veganer sein, für Fairtrade, aber gegen eine multiethnische Gesellschaft. Und zwei Jahre später hat man andere Werte; nichts schliesst etwas anderes aus.

Diese Entscheidungsfreiheit, diese Beweglichkeit muss doch nicht nur negativ interpretiert werden. Wollen Sie denn wirklich zurück in Zeiten, als ein gesellschaftlicher Imperativ das Leben beschwerte und der Weg jedes Einzelnen vorgespurt war? 
Um Gottes willen, nein! Die Epoche der Erbsünde ist zum Glück vorbei. Aber man muss sich trotzdem über die Auswirkungen einer werteethischen Ordnung Gedanken machen, die alles zulässt und kaum mehr allgemeingültige Standards hat. 

«Stolz und Eitelkeit sind menschlich; problematisch wird es aber, wenn Dünkel dazukommt.»

Sie kritisieren in diesem Zusammenhang auch die Publizistin Caroline Emcke, die in ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagte, dass jeder Einzelne wie auch die Gesellschaft immer wieder neu anfangen können.
Klingt erst mal gut, oder? Aber ich glaube, das ist illusorisch. Handlungen haben meistens irreversible Konsequenzen. Vor dem Supermarktregal mag das nicht so entscheidend sein, in der Politik aber schon. Emcke ermutigt auch, eigene Werte und Überzeugungen ständig zu hinterfragen und das zurückzulassen, was nicht taugt. 

Klingt für mich ebenfalls erst mal gut.
Ja, aber es zeigt eben auch, dass es bei der Wertedebatte mehr um Ambitionen als um Konsequenzen geht. Damit wird es aber auch schnell beliebig. Der Philosoph Martin Heidegger sagte einmal: Für Werte stirbt niemand.

Man könnte also die heutigen Wertebekenntnisse auf Social-Media-Plattformen als bequemen Ablasshandel bezeichnen.
Wenn Sie so wollen, ja. Ich glaube, viele Bekenntnisse zu Werten sind vor allem dazu da, ein gutes Gewissen hervorzurufen und sich von Schuldgefühlen zu befreien. Das ist selbstbezogen und ohne grosse gesellschaftliche Relevanz. Stolz und Eitelkeit sind menschlich; problematisch wird es aber, wenn Dünkel dazukommt.

Was auch auffällt: Werte werden oft auf kreative Weise präsentiert. Die Inszenierung eines bewusst geführten Lebens mit ausgesuchten Produkten und gutem Design ist perfekt.
Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht da von einem Kreativitätsdispositiv. Anders gesagt: Man hat heute kreativ zu sein – auch im Handeln. Ich glaube, dass Moral und Kreativität noch nie so eng verknüpft waren wie heute. Das erzeugt natürlich Druck . . .

. . . und erhöht den Wettbewerb.
Ja, das ist eine Spirale. Je grösser beispielsweise das Engagement, umso ernster nimmt die Community das Wertebekenntnis.

Oder je radikaler eine Kunstaktion, desto moralischer ist sie. In Ihrem Buch lassen Sie kein gutes Haar an politischen Kunstaktivisten. Warum?
Ich sehe einfach viele Parallelen zu Unternehmen, die mit Begriffen wie «Karma» oder «Peace» ihre Produkte vermarkten. Man kann sich das gute Gewissen erkaufen mit der richtigen Wahl beim Eistee. Bei einer politisch motivierten Kunstaktion unter dem Hashtag Humanity oder Tolerance ist das nicht anders. Da reicht eine Teilnahme an einem Flashmob oder an einem Crowdfunding. Der einzige klare Unterschied zu einem Eisteehersteller ist der, dass die Kunst auf eine viel längere Tradition zurückblicken kann und daher als glaubwürdiger gilt, wenn es um Moral geht.

Brunnen rot färben, um auf das Drama der Menstruation hinzuweisen. Grabkreuze vor dem Deutschen Bundestag aufstellen, um auf das Drama der Flüchtlinge hinzuweisen. Werden so nicht zumindest Diskussionen angestossen?
Man muss da wirklich mal ehrlich zu sich sein und sich eingestehen, dass mit solchen Aktionen vor allem die eigene Community bestärkt wird. Und werden durch solche Provokationen wirklich Menschen dazu gebracht umzudenken?

Muss denn ein Neonazi mit einer Kunstaktion bekehrt werden?
Nein. Aber es gibt ja Leute, die vielleicht in einer Sache unentschieden sind oder zumindest offen für eine Diskussion wären. Da sollte es doch eigentlich das Ziel von Kunst sein, Menschen zu erreichen. Das schafft man aber gerade nicht mit möglichst provokanten, wertstolzen Aktionen. Vielmehr wird ein Rebound-Effekt erzeugt.

Sie meinen: Während sie vorher noch unentschieden waren, sind sie jetzt definitiv dagegen.
Ja, das ist möglich. Leider. Denn umso eher fühlen sich ganze Bevölkerungsschichten moralisch disqualifiziert. Sie sind verunsichert, machen die Faust im Sack, irgendwann führt das dann gar zu Protest. Man kann das gut sehen an der Konjunktur des Rechtspopulismus.

Die Opfer des Wertstolzes rächen sich, zum Beispiel mit der Wahl Trumps oder der Unterstützung für die Alternative für Deutschland. Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, um in eine weniger polarisierte Zukunft zu steuern?
Ich glaube, es braucht vor allem eines: Debatte. Wir sollten Charakter und Gefahren einer Werteethik diskutieren. Möglichst viele Menschen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sollten darüber gemeinsam nachdenken. Es sollte auch klargemacht werden, dass ein Wertebekenntnis noch keine moralische Qualifikation darstellt, sondern in erster Linie einfach ein Versuch ist, das eigene Leben ein wenig sinnvoller zu gestalten.

«Ich plädiere einfach für etwas mehr Bescheidenheit.»

Sie nennen das in Ihrem Buch moralisches Abrüsten.
Genau! Es hätte zur Folge, dass es bei den Privilegierten weniger Grund zu Überheblichkeit gäbe, es entspannte jedoch auch die Gemütslage der weniger Privilegierten, die dann zwar nach wie vor Neid, aber nicht mehr unbedingt Minderwertigkeitsgefühle empfänden.

Die deutsche Journalistin Laura Ewert forderte für Social Media gar ein Bilderverbot, um die Unterschicht nicht ständig mit dem Reichtum anderer zu konfrontieren. Das kann ja nicht die Lösung sein.
Nein, damit würden wir genauso aggressiv verfahren wie die Reformatoren, die vor 500 Jahren glaubten, aus den Kirchen müssten jegliche Bilder verbannt werden. Ich plädiere einfach für etwas mehr Bescheidenheit, für einen bewussteren Umgang gerade auch mit dem eigenen digitalen Sendeverhalten. Die Devise sollte lauten: Demut statt Dünkel! Und in Bezug auf Ihren veganen Kollegen . . .

. . . bitte seien Sie jetzt ein bisschen nett zu ihm. Er meint es gut.
(lacht) Ich wollte einfach nochmals an seinem Beispiel klarmachen, wo die Trennlinie ist. Er soll ruhig seinen Poké-Bowl weiter geniessen. Aber allzu viel einbilden soll er sich darauf nicht. Denn bekennen ist nicht handeln. Und ein Wert ist noch lange keine Tugend.

Erstellt: 04.08.2018, 12:51 Uhr

Kulturwissenschafter, der nach links und rechts austeilt

Der 1967 in München geborene Wolfgang Ullrich war von 2006 bis 2015 Professor an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Seither ist er als freier Autor tätig und hat sich mit Publikationen zu Kunstbetrieb und Konsum einen Namen gemacht. Sein 2017 bei Wagenbach erschienenes Buch «Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur» zeigt auf, wie die Bekenntniskultur den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. (cix)

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