Der oberste Protestant hat die Kurve noch gekriegt

Spät hat Gottfried Locher erkannt, dass sich die Reformierten mit einem Nein zur Ehe für alle von der Gesellschaft verabschieden würden.

Ehe für alle in Brasilien: 38 gleichgeschlechtliche Paare liessen sich 2018 in São Paulo gleichzeitig trauen. Foto: Fernando Bizerra (EPA)

Ehe für alle in Brasilien: 38 gleichgeschlechtliche Paare liessen sich 2018 in São Paulo gleichzeitig trauen. Foto: Fernando Bizerra (EPA)

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Es ist ein starkes Wort von Gottfried Locher: Ja zur Ehe für alle und Ja zur Trauung für gleichgeschlechtliche Paare. Auch seine Begründung ist für einen Kirchenoberen ungewohnt: Die Landeskirche tue gut daran, den neuen gesellschaftlichen Konsens in Ehesachen ernst zu nehmen.

Die Kirchen können es sich schlicht nicht leisten, sich über den gesellschaftlich-demokratischen Konsens hinwegzusetzen. Sagt eine Kirche Nein zur Homo-Ehe, gerät sie ins gesellschaftliche Abseits. Das weiss der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes genau. Das wissen im Prinzip auch die Evangelikalen, die Angst haben, sich zu äussern, weil sie sonst abgehängt würden. Das wissen auch die katholischen Schweizer Bischöfe, die sich mit dem Argument, sie seien nur für die sakramentale Eheschliessung und nicht für die Zivilehe zuständig, um eine Stellungnahme drücken – sie, die sonst gerne vor einem Rückzug in die Sakristei warnen.

Kirchenbund ist noch positionslos

Muss denn der oberste Reformierte des Landes nicht zuerst mit Gott und dessen Willen argumentieren? Locher ist ein aufgeklärter Zeitgenosse; er weiss, dass auch Kirchenobere nicht wissen, wo Gott hockt. Das wissen nur die Frommen, oder besser: meinen es zu wissen. Was sie für Gottes Willen halten, ist einfach das patriarchale Gottesbild der heiligen Schriften. Beruft man sich auf dieses, darf es auch keine Pfarrerinnen oder Priesterinnen geben, keine Gleichberechtigung von Mann und Frau. Überall dort, wo die Religionsgemeinschaften patriarchal bleiben wollen – wie im Katholizismus, in der christlichen Orthodoxie oder im Islam – haben die Frauen nichts zu sagen und die Homosexuellen keine Rechte.

Sagt eine Kirche Nein zur Homo-Ehe, gerät sie ins gesellschaftliche Abseits.

Darum ist Lochers liberale Haltung entscheidend. Freilich äussert er sie jetzt unter Druck der Gegner in den eigenen Reihen, unter überraschend grossem Widerstand der ­evangelikalen und pietistischen Christen. Ihretwegen steht der Kirchenbund bei der Ehe für alle noch positionslos da und musste die Vernehmlassungsfrist verlängern. Doch Lochers Position dürfte Signalwirkung haben und im Kirchenbund letztlich mehrheitsfähig sein. Immerhin sind seine 26 Mitgliedkirchen fast alle öffentlich-rechtlich anerkannt und dem Staat loyal verbunden.

Ehe ist keine Glaubensfrage

Locher macht sich ein vor zwei Jahren bereits vom Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland eingebrachtes Argument zu eigen: Mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare werde die Bedeutung der Ehe zwischen Mann und Frau und der Familie keineswegs geschmälert.

Damit dürfte er die irrationalen Ängste der Evangelikalen im Visier haben. Sie sehen in der Homosexualität eine heilbare, aber auch in hohem Masse ansteckende Krankheit: Wenn man gleichgeschlechtliche Liebe zulässt und sie gar rechtlich legitimiert, kommt es zu einer Homosexualisierung der Schule, der Jugend, der Gesellschaft. Mit der Anerkennung kippt die unheimliche Latenz ins manifest Epidemische. Womit die Evangelikalen nur verraten, dass sie bei der Beurteilung der Homosexualität tatsächlich nicht gesellschaftsfähig sind.

Entlastend darum auch, dass Locher die Ehe nicht in den Rang einer Bekenntnis- und Glaubensfrage rückt. Die Kirchen sollen in der Ehe sehen, was sie wirklich ist: ein brüchig-labiles, oft zum Scheitern verurteiltes Institut, um das Zusammenleben zweier Menschen zu regeln.

Erstellt: 18.08.2019, 21:19 Uhr

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