Der Preis gesellschaftlichen Wandels

Junge Erwachsene sind willens, in der Familie neue Rollenmodelle zu leben. Aber das ist anstrengender, als sie denken.

Anstrengend, aber notwendig: Wenn der Papi nicht nur zahlt, sondern wirklich Papi ist. Foto: iStock

Anstrengend, aber notwendig: Wenn der Papi nicht nur zahlt, sondern wirklich Papi ist. Foto: iStock

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Eigentlich ist es eine gute Nachricht: Der Wille, Familie gleichberechtigt zu leben und sich von traditionellen Rollenbildern zu verabschieden, ist bei jungen Schweizerinnen und Schweizern so gross wie nie. Zumindest solange noch keine Kinder da sind. Dies ist das Resultat einer neuen, vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Studie unter der Leitung der Basler Gender-Forscherin Andrea Maihofer.

Kinderlose Erwachsene sind heute laut der Studie gewillt, familiäre Aufgaben nicht mehr gemäss traditioneller Rollen zu verteilen. Männer wollen nicht länger nur der Zahlpapi sein, sondern Zeit mit ihren Kindern verbringen und Verantwortung für sie übernehmen. Frauen äussern häufiger den Wunsch, zwar hauptsächlich für die Kinder da zu sein, aber auch einen Fuss im Berufsleben zu behalten. Sowohl für Männer wie auch für Frauen sind also nicht mehr allein die Familie oder allein der Beruf identitätsstiftend, sondern beides.

Damit kommen wir zur schlechten Nachricht. Sie ergibt sich als direkte Folge aus der guten: Der Wille zur Aufteilung bringt nicht in erster Linie Erleichterung, sondern mehr Stress. Wenn die Kinder einmal da sind, stellen sich die modernen Ansichten von Gleichberechtigung oft als zusätzlich belastendes Element heraus. Denn die Idee von Gleichberechtigung in der Familie ist in der Praxis schwierig umzusetzen.

Viele glauben insgeheim immer noch, Vollzeit arbeiten zu müssen, um als Mann für voll genommen zu werden.

Väter müssen feststellen, dass die Reduktion des Arbeitspensums nicht so einfach ist – und einen Preis hat: finanziell, aber auch sozial, denn viele glauben insgeheim immer noch, Vollzeit arbeiten zu müssen, um als Mann für voll genommen zu werden. Die Frauen derweil stellen fest, auf wie vielen Ebenen das Leben als berufstätige Mutter stresst: In der Partnerbeziehung, gegenüber dem Kind und finanziell, denn Krippen sind teuer. Nicht zuletzt lässt auch die Erfüllung im Beruf zu wünschen übrig, wenn man nur noch in einem kleinen Pensum arbeiten kann.

So werden die Geschlechterrollen ein bisschen aufgebrochen, aber nicht wirklich. Dazu kommen noch andauernde Diskussionen darüber, wer jetzt genau was und wie viel davon machen muss. Das ist der Preis des individualistischen Ansatzes.

Wer also mit der Gleichberechtigung in der Familie ernst machen will, kommt um individuelle Lösungen nicht herum.

Unter dem Druck der Umstände kehren also viele junge Eltern wieder zu den alten Rollen zurück. Weil er ja ohnehin mehr verdient als sie, weil sie ja ohnehin mehr bei den Kindern sein möchte. Sie ist für Kinder und Haushalt zuständig – und arbeitet vielleicht zwei Nachmittage im Büro. Forscherin Maihofer kritisiert in ihrer Studie, junge Erwachsene glaubten, das sei nur ihr individuelles Problem. Es fehle ihnen die Einsicht, dass es auch Aufgabe von Staat und Gesellschaft sei, hier eine Lösung zu finden.

Das ist richtig. Aber wenn junge Eltern darauf warten, dass ihnen Staat und Gesellschaft Lösungen präsentieren (zu nennen wäre zum Beispiel ein anständiger Vaterschaftsurlaub oder ein Modell Elternzeit), dann wären ihre Babys längst Teenager, bis sich tatsächlich etwas verändert. Wer also mit der Gleichberechtigung in der Familie ernst machen will, kommt um individuelle Lösungen nicht herum. Sie sind auch deshalb wichtig, weil jede Familie, die andere als traditionelle Modelle lebt, wieder zum Vorbild für andere werden kann. Ohne strukturelle Veränderung wird es nie zu einem umfassenden gesellschaftlichen Wandel kommen. Und dazu braucht es Vorbilder. Sie sind bereit.

Erstellt: 28.01.2019, 10:10 Uhr

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