Der Schattenpapst brüskiert die Juden

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch hat einen Text des Alt-Papstes Benedikt XVI. veröffentlicht, der mit alten Stereotypien Juden herabsetzt.

Benedikt XVI. an der Klagemauer, dem Heiligtum der Juden. Foto: Keystone

Benedikt XVI. an der Klagemauer, dem Heiligtum der Juden. Foto: Keystone

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Ausgerechnet der emeritierte deutsche Papst! Sein Aufsatz in der deutschsprachigen Zeitschrift «Communio» über das Verhältnis von Juden- und Christentum kann dieses nur verschlechtern. Christliche wie jüdische Gelehrte sprechen von Rückschritt und Regression. Als «anschlussfähig für religiösen Antijudaismus» bezeichnet Papstberater Gregor Maria Hoff den Text. Für Walter Homolka, Rektor des Rabbinerseminars an der Universität Potsdam, öffnet er gar «das Gruselkabinett christlichen Hochmuts» und baut mit am «Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage».

Am Wochenende hat sich die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland an den Schweizer Kardinal Kurt Koch gewandt. Er ist im Vatikan zuständig für die Beziehungen zum Judentum und hat den Ratzinger-Text veröffentlicht. Dieser stellt laut den Rabbinern die vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) bewirkten, «fast revolutionären theologischen Veränderungen» gegenüber den Juden in der katholischen Kirche infrage.

In seinem höchst anspruchsvollen Aufsatz rehabilitiert Benedikt im Prinzip die von der Kirche über Jahrhunderte vertretene, durch das Konzil aber überwundene Substitutionstheorie, wonach die Kirche an die Stelle des alttestamentlichen Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel getreten ist. Eine Theorie, welche die Wurzel des kirchlichen Antijudaismus ausmacht und wesentlich zur Verfolgung der Juden beigetragen hat.

«Man hätte nicht erwartet, von einem deutschen Theologen nach Auschwitz noch einmal so etwas lesen zu müssen.»Michael Böhnke, Theologe

Für Benedikt kann der Heilsweg der erlösungsbedürftigen Juden nicht an Christus vorbeiführen. Darum versteht er die zionistische Staatsgründung Israels rein säkular, nicht aber theologisch – obwohl viele Juden im modernen Staat Israel das in der Bibel verheissene Land sehen. Die Zerstreuung des jüdischen Volks interpretiert Benedikt demgegenüber theologisch. Der Schweizer Jesuiten-Obere Christian Rutishauser hält es in der NZZ für problematisch, das Exil der Juden trotz der Schoah positiv zu deuten.

Tatsächlich hätte man «nicht erwartet, von einem deutschen Theologen nach Auschwitz noch einmal so etwas lesen zu müssen», wie der Theologe Michael Böhnke sagt. Das dürfe sich auch ein Papst im Ruhestand nicht leisten. Warum tut er es trotzdem? Wohl um sein Pontifikat posthum zu rechtfertigen, ganz besonders seine Entscheidungen, die zum Skandal gerieten.

Entspannungspolitik gefährdet

Mit der Aufhebung der Exkommunikation der antisemitischen Pius-Brüder hatte Benedikt 2009 sogar Holocaust-Leugner Richard Williamson in die Kirche zurückgeholt. Ein Jahr zuvor hatte er diesen zuliebe die Karfreitagsfürbitte wieder in die lateinische Liturgie aufgenommen. Seither darf man wieder offiziell für die Erleuchtung der Juden beten, dass sie Jesus Christus als Retter aller Menschen anerkennen. Damals schon hatte Kurt Koch, noch Bischof von Basel, Benedikt verteidigt: In der Endzeit werde Christus als Retter auch der Juden auftreten. 2010 dann machte Benedikt Koch zum Vorsitzenden der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Seit fünf Jahren jedoch dient Koch einem anderen Papst, Franziskus, der das Verhältnis zu den Juden entspannt hat. Dass nun ausgerechnet sein für das Judentum zuständiger Kardinal an ihm vorbei die Entspannungspolitik gefährdet, könnte Konsequenzen haben – für Koch zumal. Denn der Konflikt wird sich noch verschärfen, wenn in den nächsten Tagen Ratzingers Essay auch auf Englisch und Italienisch vorliegen wird. Schon jetzt steht fest, dass es Schattenpapst Benedikt misslungen ist, seine Judentheologie zu rehabilitieren.

Erstellt: 08.08.2018, 08:19 Uhr

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