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Der Schweizerinmacher

Viktor Giacobbo heiratete einst eine Ausländerin, um ihr den legalen Aufenthalt in der Schweiz zu erleichtern. Wie häufig sind solche Scheinehen? Und wer geht sie ein?

Falschen Schweizern auf der Schliche: Viktor Giacobbo im Multi-Kulti Schwank «Achtung Schwiiz!» als überkorrekter Prüfer.
Falschen Schweizern auf der Schliche: Viktor Giacobbo im Multi-Kulti Schwank «Achtung Schwiiz!» als überkorrekter Prüfer.

Sich als Schweizer ausgeben, sodass einem der Rauswurf aus der Multi-Kulti-WG erspart bleibt: Davon handelt «Achtung Schwiiz!», ein Schwank mit Viktor Giacobbo in der Rolle eines bünzligen Funktionärs einer Wohnbaugenossenschaft. Premiere feierte das Stück im Casinotheater im Herbst 2014. Im selben Jahr war die Masseneinwanderungsinitiative angenommen worden.

Ein politisches Statement, das nicht ätzend, sondern amüsant daherkam – typisch Giacobbo. Nun macht er öffentlich, dass er bei seinem politischen Engagement schon sehr viel weiter gegangen ist: Der Satiriker liess sich einst auf eine Scheinehe ein. Im Podcast «Wahrheit, Wein und Eisenring» spricht er erstmals darüber.

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«Ich habe eine Ausländerin geheiratet, damit sie in der Schweiz bleiben konnte», sagt Giacobbo: «Sie war mit einer Frau zusammen. Weil die beiden nicht heiraten durften, musste sie immer wieder ausreisen.» Wie er weiter erzählt, kannte er das lesbische Paar gut. Dieses sei auch heute, «20–30 Jahre» nach der falschen Heirat, noch zusammen. «Die Sache ist längst verjährt», sagt Giacobbo.

Tatsächlich sind Scheinehen – also Fassadengemeinschaften, bei denen es einzig um den legalen Aufenthaltsstatus geht – nach acht Jahren strafrechtlich nicht mehr relevant. Fliegt eine solche aber vorher auf, wird sie mit bis zu fünf Jahren Gefängnis für den Schweizer Ehepartner geahndet – abhängig davon, ob Geld geflossen ist. Der Zürcher Milieu-Anwalt Valentin Landmann spricht von Fällen, in denen Heiratswillige zwischen 5000 und 20’000 Franken für eine Scheinehe bezahlen.

Giacobbo, der ohne Gegenleistung aufs Standesamt gegangen war, wäre wohl mit einer Geldstrafe davongekommen. Rückblickend sagt er, der mit seiner «Gattin» nie eine Wohnung teilte: «Wäre ein Beamter vorbeigekommen, hätte ich ihm gesagt, dass es ihn nichts angehe, mit wem ich zusammen bin – hau doch ab!»

«Schleppen Sie alle eingeweihten Freunde und Eltern mit aufs Standesamt.»

Damit greift er eine gängige Argumentation aus der linken Szene auf. Demnach ist es ein politischer oder humanitärer Akt, mit einem Menschen auf das Standesamt zu gehen, um ihm in einer Notsituation zu helfen. Aktivisten sprechen von «Schutzehen», der Begriff geht auf die Nazi-Zeit zurück, als sich manche Jüdinnen über eine Heirat ins Ausland absetzen konnten.

Die linke Zeitung WOZ veröffentlichte einst gar einen «praktischen Ratgeber, wie man den Behörden gegenüber den Schein wahrt». Punkt Nr. 10: «Schleppen Sie alle eingeweihten Freunde und Eltern mit aufs Standesamt.» Standesbeamte haben nämlich das Recht, bei Verdacht auf Schein­ehe die Eheschliessung zu verweigern. Viktor Giacobbo erzählt im Podcast, dass er damals die Trauung mit Freunden gefeiert habe, die alle wussten, was Sache war. Als Hochzeitsgeschenk habe er von ihnen eine Fritteuse erhalten.

So abenteuerlich das klingt – dabei geht gern vergessen, dass ein Trauschein weit mehr als das berühmte Stück Papier ist. Wer jemanden zum Schein heiratet, lädt sich eine grosse finanzielle Verantwortung auf. «Ich rate auf jeden Fall davon ab, eine Ehe aus reiner Nächstenliebe einzugehen», sagt Esther Hubacher. Sie leitet die Beratungsstelle Frabina für binationale Paare in Bern.

«Viele wissen nicht, dass Ehepartner für Unterhalt und Integration verantwortlich sind. Sie müssen etwa für Krankenkasse und Deutschkurse aufkommen, wenn der andere dies nicht vermag.» Auch erbrechtlich ergeben sich Ansprüche, und bei einer Scheidung wird das Guthaben der Pensionskasse geteilt.

Für Behörden fast unmöglich, Scheinehen zu belegen

Viktor Giacobbo hat eine Liebe ermöglicht. Wer lässt sich sonst auf eine Scheinehe ein? Und wie viele davon fliegen auf? Natürlich gibt es die offensichtlichen Fälle: den heiratswilligen Mann, der den Vornamen seiner Ehefrau nicht buchstabieren kann. Die Frau, die einen Tag vor Ablauf der Aufenthaltsbewilligung aufs Standesamt kommt und sich nicht erinnert, wie sie ihren Zukünftigen kennen gelernt hat. Doch meistens ist die Sache komplizierter – eine Scheinehe zu belegen, ist für die Behörden oft fast unmöglich. Wie soll man beweisen, dass zwei sich nicht lieben?

135 Straftaten gab es 2018 im Zusammenhang mit Scheinehen – bei zwei Dritteln davon floss Geld. Allerdings existiert eine beträchtliche Dunkelziffer. Amtliche Schätzungen gehen von 1000 Scheinehen pro Jahr aus. Allein in Bern gab es dieses Jahr 50 Verdachtsfälle, wie Alexander Ott sagt, der Vorsteher der Stadtberner Fremdenpolizei.

Ott spricht von einer steigenden Tendenz, besonders unter männlichen Asylsuchenden aus der Türkei, Syrien oder Nordafrika. Er erwähnt auch «ältere, verliebte Schweizerinnen», die ein paar Jahre nach der Hochzeit beim Migrationsamt vorstellig würden mit der Bitte, man solle den Ehemann wieder zurückführen, weil die Liebe nur vorgetäuscht gewesen sei. Personen aus dem Rotlichtmilieu seien bei Scheinehen heute nur noch marginal vertreten.

Das Bild des Versorgers

Seit 2011 haben die Zivilstandsämter den Auftrag, Scheinheiraten selbst zu erkennen und zu melden. «Die Behörden schauen heute genauer hin», sagt Esther Hubacher. Sie berät binationale Paare, die unter Scheinehe-Verdacht stehen. Etwa, weil ein grosser Altersunterschied die Heiratswilligen trennt oder eine gemeinsame Sprache fehlt. In solchen Fällen müssen sie viele Fragen beantworten: Wie haben sie sich kennen gelernt? Gibt es Fotos von gemeinsamen Ferien? Flugbillette? Telefonprotokolle oder E-Mails?

Auch unangekündigte Besuche zu Hause können die Behörden abstatten. «Sie achten etwa darauf, ob Kleider von beiden Partnern da sind», sagt Hubacher. Sie begrüsst die Kontrollen der Behörden, weil dadurch Zwangsehen erschwert würden – empfindet sie aber manchmal als vorurteilshaft: «Je nach Konstellation läuft bei ihnen ein Film im Kopf ab.» Die Behörden seien zum Beispiel eher misstrauisch, wenn eine Schweizerin einen 20 Jahre jüngeren Marokkaner heirate. Komme hingegen ein Rentner mit einer jungen Thai aufs Standesamt, gehe man eher davon aus, dass er das grosse Los gezogen habe und nicht, dass er ausgenutzt werde – weil er als Mann dem Bild des Versorgers entspreche.

Bei den Giacobbos schöpfte niemand Verdacht. Nach sieben Jahren war die Scheinehe passé, die Eheleute liessen sich trennen. In ihrem Fall kein Grund zur Trauer, im Gegenteil, «es gab ein Scheidungsfest», sagt Giacobbo: «Und nochmals eine Fritteuse.»

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