Der Strand ist stark überschätzt

Die Sonne sticht, die Liegebetten sind unbequem: Wer entspannen will, sollte im Sommer daheim bleiben.

Was soll an Badeferien toll sein? Am Flughafen steht man sich die Beine in den Bauch, am Meer sind die besten Plätze schon belegt. Foto: Getty

Was soll an Badeferien toll sein? Am Flughafen steht man sich die Beine in den Bauch, am Meer sind die besten Plätze schon belegt. Foto: Getty

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Da kann er noch lange missbilligend dreinschauen, der junge Mensch mit seinem ökologischen Gewissen, jetzt wird gerade wieder kollektiv verreist. Die Flugscham währt jeweils nur kurz, dann obsiegt die Romantik und damit die Sehnsucht nach den Traum­ferien mit dem weissen Sandstrand und dem kristallklaren Wasser und den einsamen Buchten und nach sonnengeküsster Haut, die nach Salz und Meer riecht. Klimaerwärmung hin oder her, es gilt: Im Sommer fährt man weg.

Ein grandioser Irrtum. Reisen mag einmal glamourös gewesen sein, damals, als alles glamourös war, die Stars und die Mode und die Autos. Heute ist es eine Qual, mühsam und kräftezehrend und daher unbedingt zu vermeiden, im Sommer erst recht.

  • Die Packerei

Der souveräne Tourist reist leicht. Also studiert man Anleitungen, die «Todschick nur mit Handgepäck» versprechen oder «Die 10-teilige Garderobe für jede Destination», denn diese Reduktion auf das Wesentliche vermittelt ja auch so etwas Fortgeschrittenes, in sich Ruhendes und Zen-artig Genügsames, im Sinne von: Ich benötige nur wenige Dinge im Leben.

Bloss läuft das verlässlich aus dem Ruder. Das raffinierte Packen bedingt wochenlange Vorbereitungen, das Studieren und Analysieren des am Reiseziel herrschenden modischen Flairs sowie der meteorologischen Bedingungen und des medizinisch-pharmazeutischen Angebots, das Abfüllen von Fläschli und Tübli und Tiegelchen und die mit chirurgischer Präzision vorgenommene Anordnung derselben in einem schicken, winzigen Köfferchen. Man ist schon da komplett erschöpft.

  • Am Flughafen

Die Erschöpfung wird gleich noch grösser: Die Kolonne vor der Sicherheitskontrolle ist lang. Und wie immer reiht man sich dort ein, wo sich eine Ballung jener Mitreisender befindet, die erst dann im Rucksack zu kramen beginnen, wenn er oder sie diese bunte Plastikwanne in die Hand gedrückt bekommen hat. Und natürlich müssen die zuerst das iPad auspacken. Aus dem Rucksack und aus der iPad-Hülle. Und dann den Laptop. Und natürlich vergessen sie die Wasserflasche. Und das Haargel. Und das Münz im Hosensack. Aber das ist ja noch gar nichts, so von der Verspannung her. Die überkommt einen erst richtig am Gate.

Wer mit dem Flugzeug in die Ferien reist, braucht Geduld. Foto: EPA

Da erstellt man innerlich eine Liste, neben wem man nicht sitzen möchte. Sie ist meist sehr lang, diese Liste. Darauf steht zum Beispiel die wirklich wahnsinnig dicke Frau. Wie überhaupt alle Personen, die zur Korpulenz neigen. Der ideale Sitznachbar im Flugzeug ist klein und untergewichtig und geruchlos und schläft, aber es gibt nur sehr wenige davon. Stattdessen gibt es immer noch die Weltenbummler mit dem Peace-Zeichen-T-Shirt, die die Hygiene für eine Erfindung des die armen ­Länder ausbeutenden, dekadenten Westens halten, den sie genauso wie die Körperpflege radikal ablehnen. Das jedenfalls manifestiert sich in einer für Pazifisten ver­blüffenden Aggressivität, jetzt so olfaktorisch gesehen.

  • Im Flieger

Man sitzt schliesslich neben einer jungen Frau, die erfreulich dünn ist. Das deutet zwar auf eine Essproblematik hin, kann einen jetzt aber nicht kümmern. Denn dahinter hat ein Paar mit Kind Platz ­genommen, es heisst Leah-Lou. Leah-Lou hat einen reizbaren Charakter. Wenn sie nicht weinerlich gutturale Laute ausstösst, haut sie mit ihren Fäustlein an die Kopfstütze des Vordersitzes. Ihre Eltern finden das gut, sie loben Leah-Lou für ihr rhythmisches Flair. Der kurze Flug erscheint einem wegen dieses pädagogischen Konzepts sehr, sehr lang. Auch, weil die Ohrstöpsel dem minimalistischen Packprinzip zum Opfer gefallen sind.

  • Am Strand

Selbstverständlich tritt am Ziel keine Besserung ein. Die Strandliegen sind alle belegt, das deutsche Reservationssystem hat sich international durchgesetzt: Badetücher symbolisieren Besitzanspruch. Es hat bereits frühmorgens nur noch Platz in der hintersten Reihe. Da liegt man dann und versucht, sich endlich zu entspannen. Aber das geht nicht auf Strandliegen. Es wird sofort unbequem. Die Sonne blendet. Man muss nachcremen. Man hat Durst. Es ist heiss. Der Nachbar redet so laut. Das Buch ist langweilig. Von irgendwoher klingt aus Boxen mzmzmzmz. Die Rückenlehne ist zu steil. Oder zu flach. Das Kissen rutscht. Überall ist Sand. Er klebt. Und die Sonne blendet schon wieder.

Am Strand ist man nie allein. Und die guten Plätze sind immer besetzt. Foto: Getty

  • Im Hotel

Das Zimmer ist sehr schön, Design total. Das heisst, dass die Klimaanlage wie das Licht und die Rollläden und überhaupt alles Elektrische über eine Kommandozentrale mit Touchscreen gesteuert wird. Wenn man auf die Pfeile drückt, die nach oben zeigen, bläst es da aber nicht wärmere Luft rein. Sondern der Ventilator an der Decke fängt an, sich zu drehen. Dabei macht er ein pfeifendes Geräusch. Sobald man ihn abstellt, strömt arktischer Wind ins Zimmer. Also die Fenster auf.

Die Aussicht ist hinreissend, wirklich, aber es wird sofort brüllend heiss, und kaum bricht die Dämmerung an, fallen die ersten Mücken ein. Man verstösst in der Folge gegen sämtliche Prinzipien, die einem heilig sind, und macht mit einem Frotteetuch Jagd auf Tiere, ja, gerät dabei nachgerade in einen Blutrausch, und wenn man, erschöpft vom Massaker, irgendwann zurücksinkt in die Kissen, die ohnehin zu hart sind, ist es fünf Uhr morgens, und die Sonne blendet schon wieder – weil man ja die Läden nicht schliessen kann, da ansonsten wahlweise der Erstickungs- oder der Erfrierungstod droht.

Man gesteht sich ein erstes Mal, wenn auch nur heimlich, ein, dass es eventuell besser gewesen wäre, daheim zu bleiben. Das liegt auch am Badezimmer. Es ist ebenfalls Design total, deshalb besteht die Duschkabine aus einem transparenten Kubus, der so ausgerichtet ist, dass man vom Bett aus reinschauen kann. Und einen direkten Blick auf die Toilette hat man auch, denn die Milchglas-Schiebetüren davor lassen sich nicht komplett schliessen, es klafft da ein mehrere Zentimeter breiter Spalt in der Mitte. Man sitzt deshalb nur mit Schlagseite auf dem WC. Das geht in den Rücken.

  • Vor dem Spiegel

Sowieso ist man längst nicht nur psychisch angeschlagen. Die neuen Sandalen, die dank der filigranen Bänder einen schmalen Fuss machen und perfekt in die Szenerie vor Ort passen, schneiden ein. Wird das Ganze gelockert, meint man, sie zu verlieren, weshalb man muskulär dagegenhält und das Wädli zu krampfen beginnt. Die Eleganz des Schuhs kommt dergestalt überhaupt nicht zur Geltung, man selbst auch nicht. Denn da sind nicht nur die Mücken­stiche. Da ist ja auch der Sonnenbrand. Obschon man die Prävention, die dermatologische, sehr ernst nimmt, liess man sich, weil der Bräunungsprozess mit Sonnenschutzfaktor 50 nur schleppend voranging, dazu hinreissen, auf Faktor 15 umzustellen – noch dazu mit einem Fabrikat zweifelhafter Herkunft, gekauft bei einem fliegenden Händler. Die Haut roch danach krass nach Kokosnuss und nahm in kürzester Zeit stupende Schattierungen in Rot an, was ein weiteres Verbleiben an der Sonne für den Rest der Ferien unmöglich macht.

Wer die sonne nicht gewohnt ist, verbrennt sich leicht die Haut. Foto: laif

  • Im Souvenirshop

Weil man Pflaster an den Füssen hat und zerstochen und verbrannt und der totalen Transparenz in der Nasszelle ausgesetzt ist, braucht man Trost und geht shoppen. Man ersteht dabei trotzig artisanale Produkte, die man gar nicht mag und es auch bei Globus gibt. Zwecks Unterstützung des örtlichen Kleingewerbes investiert man zudem in ein Klöppelkleid und in Türkis-­Silber-Schmuck und findet, dass einem das endlich das ersehnte ­Ferien-Flair verleihe und sich die Reise allein dafür gelohnt habe.

  • Wieder daheim

Selbstverständlich ist diese Freude von kurzer Dauer. Zu Hause nämlich verströmen das Klöppelkleid und der Türkis-Schmuck so gar nicht diesen Charme von Romy Schneider in «La Piscine». Sondern denjenigen einer Motto-Party. Thema: Sommerferien am Strand.



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Erstellt: 27.07.2019, 17:13 Uhr

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