Der Sturz der Kardinäle

Gleich mehrere der engsten Papst-Berater haben Missbrauchs- und Korruptionsvorwürfe zu gewärtigen. Papst Franziskus’ Personalpolitik wirkt zunehmend zweifelhaft.

Zeichen der Macht und des Missbrauchs: Die Kardinalsmütze. Foto: Michael Kappeler (EPA, Keystone)

Zeichen der Macht und des Missbrauchs: Die Kardinalsmütze. Foto: Michael Kappeler (EPA, Keystone)

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Es galt als sein ambitiösestes Projekt: die Kurienreform. Kaum im Amt, hatte der argentinische Papst Franziskus im April 2013 den Kardinalsrat mit neun Kardinälen aus allen Kontinenten ins Leben gerufen. Seither beraten sie ihn bei der Reform im Vatikan und bei den wichtigsten weltkirchlichen Entscheiden. Das Echo war, anfangs zumindest, enthusiastisch. Das K9 genannte Gremium schien den Reformkurs des Pontifex zu bestätigen, auch dessen Willen, mit den von Benedikt hinterlassenen chaotischen Zuständen im Kirchenstaat aufzuräumen.

Doch jetzt sind einige dieser engsten päpstlichen Berater unter Druck geraten und ­drohen im Strudel der Missbrauchsskandale unterzugehen. Rückblickend hatte Franziskus keine glückliche Hand mit seiner Kardinalspolitik. Und trotz seiner Nulltoleranzdevise gegenüber pädophilen Klerikern scheint er seine Leute selber nach altem Muster zu schonen.

Der Papst wusste Bescheid

Letzte Woche hat ein Amtsgericht in Melbourne entschieden, dass Kardinal George Pell angeklagt und vor Gericht gestellt wird. Zuerst wurde dem Finanzchef des Vatikans vorgeworfen, als Erzbischof von Sydney zu wenig gegen Missbrauchspriester unternommen zu haben. Dann wurde er beschuldigt, sich selbst einst an Jungen vergangen zu haben. Pell, der bis heute seine Unschuld beteuert, war bereits letzten Sommer nach Australien gereist und hatte seinen Vatikanpass abgegeben, wohl für immer. Was zu denken gibt: Der frisch gekürte Papst hatte die Vorwürfe gegen Pell gekannt. Trotzdem berief er ihn in den K9-Rat und machte ihn zum Finanzminister.

Unter Verdacht geraten ist gerade auch der frühere Erzbischof von Santiago de Chile, der 84-jährige Kardinal Francisco Errazuriz, als Vertrauter des Papstes ebenfalls im K9-Rat. Drei chilenische Missbrauchsopfer haben Errazuriz beschuldigt, er habe Papst Franziskus über die Verantwortlichen des Missbrauchsskandals falsch informiert und die Strafverfolgung des notorischen Knabenschänders Fernando Karadima jahrelang unterbunden. Die drei Männer waren als Minderjährige von Priesterausbildner Karadima missbraucht worden.

Bei seinem Besuch in Chile wurde der Papst seinerseits heftig kritisiert, weil er die Verantwortlichen verteidigte. Inzwischen hat sich Franziskus entschuldigt, die Missbrauchsopfer in den Vatikan eingeladen und versprochen, Mitte Mai mit allen chilenischen Bischöfen in Rom zu reden.

Der stellvertretende Polizeichef von Victoria erläuterte gegenüber den Medien die Anklage gegen Kardinal George Pell. (Video: Tamedia/AFP)

Dennoch hat man den Eindruck, der Papst sei nur teils einsichtig. Denn auch bei den Machenschaften eines weiteren Kardinals, von Oscar Rodriguez Maradiaga, scheint er nicht gross an Aufklärung interessiert. Der honduranische Kardinal und Vorsitzende des K9-Rates war Medien zufolge in undurchsichtige Finanzgeschäfte verstrickt und soll sich von der katholischen Universität Tegucigalpa monatlich 35'000 Euro ausbezahlen lassen. Maradiagas Weihbischof Juan José Pineda soll noch ungehemmter mit Geld umgegangen sein, es für einen Geliebten ausgegeben haben. Ehemalige Seminaristen werfen Pineda vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Schon vor Monaten hatte Franziskus einen päpstlichen Ermittler nach Tegucigalpa geschickt. Längst liegt dem Papst dessen Bericht vor. Doch weshalb ergreift er keine Sanktionen? Weil er seinen Freund Maradiaga schonen will? An Prostatakrebs erkrankt, lässt sich dieser in US-Kliniken therapieren und in Tegucigalpa von Pineda vertreten.

Umstrittene Vorlieben des Papstes

Schaden all die fehlbaren Kardinäle der Kurienreform? Und der Glaubwürdigkeit von Franziskus? Zahlt sich die Globalisierung des Papstwahlgremiums nicht aus? Sind einige Drittwelt-Kardinäle korrumpierbar? Mit diesen Fragen blickt man auch auf die für Mitte Mai erwarteten neuen Kardinalsernennungen.

Franziskus’ Vorliebe für Kardinäle der Peripherie ist nicht unbestritten. Man fragt sich, ob er die Purpurträger aus Sibirien, den Seychellen, von Tonga oder Xai-Xai überhaupt kennt. Auch bei der Personal- und Kardinalspolitik wird man den Eindruck nicht los, dass dieser Papst mehr aus einem Bauchgefühl heraus entscheidet und zu wenig überlegt handelt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2018, 20:06 Uhr

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