Die 68er sind schuld, meint der ehemalige Papst

Joseph Ratzinger ortet die Ursache des kirchlichen Missbrauchsskandals in der Protestbewegung von 1968. Schuldbewusstsein? Fehlanzeige.

Woodstock 1969: Sexuelle Haltlosigkeit gehört für Benedikt zur «Physiognomie der 68er-Revolution». Foto: Ralph Ackerman (Getty)

Woodstock 1969: Sexuelle Haltlosigkeit gehört für Benedikt zur «Physiognomie der 68er-Revolution». Foto: Ralph Ackerman (Getty)

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Als Papst Benedikt XVI. vor sechs Jahren sein Amt abgab, gelobte er, fortan schweigend und betend ein zurückgezogenes Leben zu führen. Der Selbstverpflichtung zum Trotz meldet sich der Papa emeritus immer wieder zu Wort – stets, um sein Pontifikat zu rechtfertigen. Mal beleidigt er die Juden, mal die Theologen und jetzt alle Bürger. Sein gerade im «Bayerischen Klerusblatt» veröffentlichter Aufsatz «Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs» ist von skandalöser Selbstgerechtigkeit. Statt Asche aufs eigene Haupt zu streuen, macht er die Gesellschaft für das systemische Versagen der Kirche verantwortlich.

Einmal mehr ist für Joseph Ratzinger die 68er-Revolution das Einfallstor des Bösen, schuld am epidemischen Missbrauch in der Kirche. In den 60er-Jahren sei ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen, «wie es ihn in dieser Grössenordnung in der Geschichte wohl kaum je gegeben hat». Man könne sagen, «dass in den 20 Jahren von 1960 bis 1980 die bisher geltenden Massstäbe in Fragen der Sexualität» vollkommen weggebrochen seien. Die staatliche Sexualaufklärung in Form von Sexkoffern und bebilderten Broschüren habe zu einer völligen sexuellen Freiheit geführt, die keine Normen mehr zulasse.

«Zu der Physiognomie der 68er-Revolution gehörte, dass nun auch die Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.» Der Grund dazu liege «in der Abwesenheit Gottes». Dem Schöpfergott stehe der Teufel gegenüber, der die ganze Schöpfung schlechtrede. Auch «die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist ein Vorschlag des Teufels».

«Ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie»

Also keine Erneuerung der Kirche und schon gar nicht der römischen Moral. Im Gegenteil: Ratzinger fordert eine Verschärfung der traditionellen Sexualmoral, so wie er das zusammen mit Papst Johannes Paul II. in Katechismus und Lehrschreiben vorangetrieben habe.

Denn mit dem Auflösungsprozess der moralischen Lehrautorität der Kirche in den Sechzigern habe sich «ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie» ereignet, der «die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte». In Priesterseminaren hatten sich «homosexuelle Clubs» gebildet, eine laxe Moral habe um sich gegriffen. Und seine eigenen Bücher, so der Papa emeritus, «wurden wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen».

Der einst so gewandte Theologe neigt als Greis zu tumben Verkürzungen.

Die Unbussfertigkeit des 92-Jährigen ist kaum zu überbieten. Er, der als Glaubenspräfekt und Papst systematisch linke Kirchenleute und Befreiungstheologen abstrafte, liess gegenüber den schlimmsten Kinderschändern der Kirche Milde walten. Man denke an den Wiener Kardinal Hans Hermann Groer oder den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel. Erst auf gewaltigen Druck von aussen hin fing Benedikt XVI. an, Missbrauchspriester aus dem Klerikerstand zu entlassen.

Der einst so gewandte Theologe neigt als Greis zu tumben Verkürzungen. So ist für ihn der «seelische Zusammenbruch» in der Aufbruchszeit von 1968 eng mit Gewaltbereitschaft verbunden. In Flugzeugen, schreibt er, würden keine Sexfilme mehr zugelassen, «weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausgebrochen ist». Ratzinger schadet seiner Reputation und jener der Kirche. Sie sollte ihn vor sich selber schützen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.04.2019, 21:01 Uhr

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