Anstatt das Mädchen ins Bett zu bringen, ging er in die Küche

Aus Angst vor dem Verdacht sexueller Motive reagieren Männer auf Kinder oft mit Zurückhaltung. Dabei geht das Thema auch Frauen etwas an.

Wie können sich Männer im Umgang mit Kindern vor Fehlinterpretationen und Vorwürfen schützen? Foto: Jekaterina Nikitina (Getty Images)

Wie können sich Männer im Umgang mit Kindern vor Fehlinterpretationen und Vorwürfen schützen? Foto: Jekaterina Nikitina (Getty Images)

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Es gibt diese Situationen im Familienleben, in denen der Mann neben einem plötzlich sehr zurückhaltend wird. Zum Beispiel, wenn eine Freundin der vierjährigen Tochter über Nacht zu Besuch ist. Sobald es ans Abend­ritual geht, ans Umziehen und Kuscheln vor dem Lichterlöschen, verschwindet er plötzlich lange in der Küche. Und kommt nicht mehr heraus, bis die Kinder schlafen. «Weisst du, ich wollte nicht, dass irgendein falscher Eindruck entsteht. Das Mädchen könnte ja daheim etwas erzählen, das seine Eltern stutzig macht», sagt er später. 

Es fällt immer wieder auf, dass Männer bestimmte Situationen möglichst meiden. Da ist zum Beispiel der geschiedene Vater, der sich kaum traut, seine Tochter in seinem Bett schlafen zu lassen, wenn sie das Wochenende bei ihm verbringt. Oder jener, der einem fremden Kind neben ihm auf dem Spielplatz bewusst nicht hilft, auf die Schaukel zu klettern.

Die Zurückhaltung überrascht nicht, wenn man hört, wie manche Mütter auf solche Hilfsaktionen reagieren. Auf dem Spielplatz erzählt ein Mann, wie er als Jugendlicher einmal zufällig beobachtete, wie ein Mädchen stolperte. Er wollte dem Kind auf die Beine helfen. Da eilte die Mutter auf ihn zu und fauchte ihn an: «Lassen Sie gefälligst mein Kind in Ruhe!» Sein Fazit: «Seither halte ich mich schön raus, egal was ist.» Kein Wunder, entschuldigen sich manche Männer sogar schon präventiv. Etwa, wenn man sein Kleinkind einem befreundeten Paar zum Hüten bringt. Ist die Frau gerade nicht zu Hause, erklären Männer oft wortreich und unter offensichtlichem Unwohlsein, dass die Partnerin jeden Moment zurückkommen müsse und dann hauptsächlich für die Babybetreuung zuständig sei.

Das Thema geht beide Geschlechter etwas an

Frauen können in solchen Momenten gelassen bleiben. Sie müssen keine Sekunde überlegen, ob es jetzt opportun sei, einem Kind – auch einem fremden – körperlich nahezukommen. Männern dagegen werden schnell einmal sexuelle Absichten unterstellt. Oder sie glauben zumindest, dass sie ihnen unterstellt werden könnten.

Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass ungefähr 90 Prozent aller sexuellen Übergriffe an Kindern von Männern, in der Regel von einem Bekannten, begangen werden. Sensibilisierung sei zwar wichtig, sagt dazu Lu Decurtins vom Verband Männer.ch: «Aber diese Aufmerksamkeit sollte allgemein dem Thema Nähe und Distanz gelten und sich auf beide Geschlechter beziehen.» Das Kind zu respektieren, hat für Frauen ebenso selbstverständlich zu sein wie für Männer, denn Übergriffe müssen nicht zwangsläufig sexueller Natur sein.

Lu Decurtins setzt sich mit dem durch den Bund unterstützten Projekt Maki dafür ein, dass mehr Männer in der Kinderbetreuung arbeiten. Denn die wenigen, die heute täglich fremde Mädchen und Buben hüten, sind besonders exponiert. Sie müssen mit dem Zwiespalt umgehen, dass Kinder Zärtlichkeit brauchen, aber auf eine Art, die nicht verdächtig erscheint. Wie sie das tun, erfährt man beispielsweise in der Kindertagesstätte Bubenberg in Biel. Dort ist das Geschlechterverhältnis unter den Betreuern ausgeglichen.

Zu den Angestellten gehört der 29-jährige Reto Brunner. Gerade ist Znünipause. Der Fachmann Betreuung hält einem Mädchen einen Teller mit Rüebli und Dip hin. «Willst du noch eins? Hier, bitte!» Dem zweifachen Vater liegen die Kinder am Herzen, das spürt man sofort. Vorurteilen begegnet er selten.

Aber es gibt sie. «Manche Eltern erklären beim Eintrittsgespräch, dass sie nicht wollen, dass ihr Kind von einem der Betreuer gewickelt wird.» Die Kita-Leitung reagiert auf solche Einwände konsequent: Es gibt keine Ausnahmen. Jeder wickelt. Mit dieser klaren Haltung signalisiert sie nicht nur den Eltern, sondern auch den angestellten Männern: Wir behandeln alle gleich. Es gibt keinen Generalverdacht gegenüber einem bestimmten Geschlecht.

«Ich stand vor dem Ruedi füdliblutt in der Dusche»

Gleichzeitig halten sich die meisten Kitas an bestimmte Vorsichtsmassnahmen. In Biel fällt etwa auf, dass Wickeltische jeweils in der Mitte der Zimmer und für alle gut sichtbar platziert sind. Hier kann kaum etwas im Verborgenen passieren.

Die Fachmänner Betreuung lernen zudem in ihrer Ausbildung, wie wichtig eine offene Kommunikation ist. Wenn etwa ein Kind sich beim Spielen draussen schmutzig macht und deshalb unter die Dusche muss, erzählen die Betreuer dies sofort der Kita-Leitung. Diese informiert dann am Abend beim Abholen die Eltern. So vermeiden die Verantwortlichen langwierige Erklärungen, wenn das Kind vielleicht zwei Wochen später dem Vater erzählt: «Ich stand vor dem Ruedi von der Kita füdliblutt in der Dusche.»

Transparente Kommunikation findet auch Dany Elsener entscheidend. Er gehört zu einer weiteren Berufsgruppe, die damit leben muss, jederzeit unter Verdacht geraten zu können: Er ist Sportlehrer an der Kantonsschule Zug und unterrichtet auch Mädchen.

«Wenn ich auf dem Trampolin mit den Schülern den Salto üben will, dann sage ich vorher, wie ich sie sichere und dass wir beim Versuch eventuell beide zusammen aufs Trampolin knallen», erzählt der Sprecher des Schweizerischen Verbands für Sport in der Schule. «Wenn ein Mädchen dies nicht möchte, darf es vorher jederzeit Nein sagen.» Beim Geräteturnen kann Dany Elsener heiklen Situationen ganz ausweichen: Er zeigt die Übung und das Sichern zuerst vor und lässt dann die Mädchen sich gegenseitig helfen. 

Es sind unzählige kleine Vorsichtsmassnahmen, mit denen sich Männer im Umgang mit Kindern vor Fehlinterpretationen und Vorwürfen schützen. Doch weil sich die Diskussion auf sie konzentriert, geht etwas oft vergessen: dass das Thema Übergriffe auch Frauen etwas angeht. Wenn etwa die Grossmutter ein Küsschen von der Enkelin einfordert, obwohl das Kind dies partout nicht möchte, ist das ebenfalls eine Grenzüberschreitung. Erklärt die Grossmutter dann: «Aber ich habe dich so lieb, da gibt man sich doch ein Müntschi», sendet sie zudem ein falsches Signal. Nämlich: Wenn du jemanden magst, darfst du dich körperlich nicht von dieser Person abgrenzen. Längerfristig kann das fatale Folgen haben.

Es gibt kein Patentrezept

Wie also können sich Väter und Mütter, Betreuerinnen und Betreuer, Göttis und Gottis sicher sein, dass sie beim Kind keine Grenzen überschreiten?

Ein Patentrezept gibt es natürlich nicht. Sicher ist aber: Wenn es allzu verkrampft wird, leiden am Ende alle. Im Zweifelsfall gilt eine einfache Regel, da widerspricht kein Experte: Erwachsene sollten sich die Frage stellen: «Will ich das oder will es das Kind?» Es gibt keinen Grund, weshalb sich Frauen nicht ebenso sehr daran halten sollen, wie dies viele moderne Männer bereits heute tun.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.10.2018, 09:03 Uhr

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