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Die aufreizende Mrs Mayer

Yahoo-CEO Marissa Mayer posiert für die US-«Vogue». Die unvermeidliche Diskussion läuft: Darf sie das? Sie soll sogar!

So sieht die Yahoo-Chefin aus, wenn sie nicht als Model posiert, sondern beruflich unterwegs ist: Marissa Mayer im Mai an einer Tagung in New York.
So sieht die Yahoo-Chefin aus, wenn sie nicht als Model posiert, sondern beruflich unterwegs ist: Marissa Mayer im Mai an einer Tagung in New York.
Keystone
Ist an mehr als bloss an Mode interessiert: «Vogue UK»-Chefin Alexandra Shulman (Mitte) zusammen mit Samantha Cameron, der Frau von Premierminister David Cameron, sowie Burberry-Chefdesigner Christopher Bailey.
Ist an mehr als bloss an Mode interessiert: «Vogue UK»-Chefin Alexandra Shulman (Mitte) zusammen mit Samantha Cameron, der Frau von Premierminister David Cameron, sowie Burberry-Chefdesigner Christopher Bailey.
Reuters
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Es ist bemerkenswert, wie oft im Zusammenhang mit Frauen das Verb «dürfen» fällt. Auch jetzt gerade wieder. Marissa Mayer, CEO von Yahoo, posiert in der aktuellen Ausgabe der amerikanischen «Vogue». Nicht in ihrem Büro und im geschlechtsneutralisierenden Hosenanzug, sondern auf einer glänzend weissen Chaiselongue, in einem blauen Etuikleid und hohen Schuhen, die Haare sorgfältig drapiert und die Lippen blutrot, in der Hand ein iPad, auf dem ihr Gesicht zu sehen ist.

Und natürlich ging umgehend das Geschrei los. Obschon die Pose in erster Linie schrecklich unbequem aussieht, wurde kritisiert, das Bild sei zu sexy, zu einladend, Mayer mache sich damit zum Objekt, es fiel gar der Begriff Lolita, und schon war man mittendrin in einer Debatte, die in der Frage gipfelte, ob sich die Chefin eines der grössten Unternehmen der Welt dergestalt ablichten lassen darf.

Die Furcht, als dumme Tussi zu gelten

Wer fragt, was eine Frau darf, weiss bereits, was sich für eine Frau schickt und was eben nicht, was wiederum nichts anderes heisst, als dass es für das Verhalten weiblicher Wesen klar umrissene Vorstellungen gibt. Man erlaubt Frauen, sich in einem eng gesteckten Rahmen zu bewegen, und diesen Rahmen legen andere für sie fest. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Im Gegenteil: In der April-Ausgabe der britischen «Vogue» schrieb Chefredaktorin Alexandra Shulman über ihre Besorgnis, dass seit geraumer Zeit immer weniger erfolg- und einflussreiche Frauen bereit seien, sich von ihrem Magazin porträtieren zu lassen.

Das ist insofern verwunderlich, als die «Vogue UK» als die intellektuellste und journalistischste «Vogue» gilt, die seit jeher mehrseitige und von renommierten Autorinnen verfasste Artikel über Künstlerinnen, Philosophinnen, Schriftstellerinnen und Politikerinnen veröffentlicht. Shulman, selbst studierte Anthropologin, fragte: Weshalb ist die Furcht, als dumme Tussi dazustehen, bloss weil man sich im Umfeld von schönen Kleidern porträtieren lässt, heute grösser als früher, wo Frauen doch mehr Einfluss haben denn je?

Nicht gefallen zu wollen, befreit ungemein

Der Punkt ist: Frauen können machen, was sie wollen, es ist verkehrt. Erst recht, wenn es um ihr Äusseres geht. Sind sie attraktiv, gelten sie als blöd. Oder, wenn sie es trotzdem an die Spitze geschafft haben, als eine, die den Erfolg ihrem Aussehen verdankt. Sind sie nicht besonders schön, haut man ihnen das sowieso um die Ohren. Tragen sie Stöckelschuhe und schminken sie sich, werden sie Barbie genannt, setzen sie auf Bequemtreter und verzichten auf Lippenstift, wird ihnen ungefragt geraten, mehr aus sich zu machen. Frauen sind immer auf irgendeine Weise falsch, zu schön, zu hässlich, zu laut, zu leise, zu ehrgeizig, zu angepasst, zu männlich, zu weiblich – die Liste ist endlos. Und die Frauen wissen es. Weshalb sie in erster Linie gefallen wollen. Womit man sie just dort hat, wo man sie haben möchte: Dauernd darauf zu schielen, ob einen jetzt auch ganz sicher alle ganz fest lieb haben, macht klein, brav und ungefährlich.

Marissa Mayer macht mit ihrem Bild deutlich, dass sie diesen grössten aller Frauenfehler nicht zu tun gedenkt. Das ist erfrischend und vor allem: dringend nachahmenswert, weil ungemein befreiend.

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