Mann, bist du einsam

Der Mann ohne Freundschaften wird nicht so geboren, er wird dazu gemacht. Es ginge auch anders.

Lieber squashen als über Gefühle reden: Echte Männerfreundschaften sind offenbar ein rares Gut. Foto: Getty Images

Lieber squashen als über Gefühle reden: Echte Männerfreundschaften sind offenbar ein rares Gut. Foto: Getty Images

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Man muss sich den modernen Mann als recht einsames Wesen vorstellen. Zumindest, wenn man mal darauf achtet, wie oft Frauen untereinander eine Variante der folgenden Aussage machen: «Er redet mit niemandem ausser mir über seine Probleme.» – «Er trifft sich nie mit Kumpeln!» – «Eigentlich kamen alle unsere Freunde über mich.»

Auch wenn uns Filme und Bücher etwas anderes vermitteln: Echte Männerfreundschaften sind offenbar ein rares Gut. Der deutsche Psychologe Wolfgang Krüger, der das Buch «Freundschaft beginnen, verbessern, gestalten» geschrieben hat, schätzt: «Zwei Drittel aller Männer haben keine freundschaftliche Beziehung, in der sie frei über persönliche Angelegenheiten, über Ängste, Wünsche oder Sorgen reden können.» Das ist ein Haufen Männer, die alles mit sich selbst ausmachen müssen – oder eben mit ihren Partnerinnen.

Bis ins 19. Jahrhundert galten Männer als das sensible Geschlecht. Die intensive Freundschaft unter ihnen wurde als die vornehmste aller Beziehungen gefeiert. Später wurde das evolutionsbiologische Bild vom männlichen Wesen als einsame Kämpfernatur populär. Seitdem wird der Mann testosterongetrieben, gefühlsarm und eher oberflächlich gesehen.

Heute existiert für die schwärmerische platonische Zuneigung zweier Kerle zueinander der amerikanische Begriff «Bromance» (eine Wortschöpfung aus «Brother» und «Romance»). Im Deutschen ist das Wort «Männerfreundschaft» eine Chiffre für das maulfaule, maskuline Beieinander, dessen Hauptzweck die Abschottung vor dem anderen Geschlecht zu sein scheint. Überhaupt dominiert bei der Vorstellung von männlichen Beziehungen immer das Wettbewerbshafte, das Laute, das ständige Gewitzel.

Superhelden brauchen keinen Gefühlstalk

Das geht früh los: Generationen von Pädagogen behaupten, dass Väter vor allem dazu da seien, damit Kinder sich an ihnen messen und Risiken wagen könnten. Als könnten Väter nicht auch trösten und Mütter nicht auch herausfordern. Aber das Sozial- und Beziehungsverhalten der Väter und damit auch ihrer Söhne wird als irgendwie vernachlässigbar behandelt. Ein typischer Satz an Eltern von Söhnen: «Und, ist er ein richtig wilder Bub?» Buben gelten als die Sorte Kind, für das man am besten sorgt, indem man es toben, Lärm machen, ergo ein etwas oberflächliches Miteinander pflegen lässt. Kleine Buben bekommen, wenn sie weinen – auch heute noch –, zu hören, dass jetzt Schluss sei, sie seien doch keine Mädchen.

Männerfreundschaften mögen oft kompetitiv und ziemlich wortlos geführt werden. Umso gefühlvoller werden sie aber besungen! Hier ist eine Playlist mit herausragenden Songs, die von solchen Freundschaften handeln.

Freunden sich zwei Achtjährige an, wird ihr Verhalten penibel auf Konkurrenzkampf und Kräftemessen beobachtet; freunden sich zwei Mädchen dieses Alters an, behandelt man sie wie ein reizendes Liebespärchen. Die beste Freundin eines Mädchens gehört zum festen Bestandteil der Kindheitsfolklore. In Büchern oder Serien wird sie manchmal auch durch ein Pferd oder eine Zwillingsschwester ersetzt, immer aber ist sie eine Figur der geistigen und auch körperlichen Nähe und Vertrautheit. Buben wiederum brauchen «elf Freunde», um gemeinsam Erfolg zu haben, werden Anführer, Superhelden oder vielleicht auch mal beste Freunde – aber garantiert ohne Gefühlstalk oder Zärtlichkeit.

So weit die Vorstellungen, die viel mit alten Klischees zu tun haben. Dabei gibt es auch zärtliche und liebevolle Schulbuben. Manche Eltern sehen ihre Söhne jahrelang Händchen mit ihren Freunden halten und hören sie in Kinderzimmern stundenlang quasseln. Man muss nur kleine Buben beobachten, die sich unbeobachtet fühlen – zum Beispiel am Rand eines Fussballfeldes: die Frequenz, mit der hier Gesichter aneinandergerieben werden und füreinander geschwärmt wird. Ganz ähnlich wie die erwachsenen Fussballer, wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt werden.

Und warum auch sollte ein Mann weniger Bedarf nach emotionaler Nähe haben? Jede Frau, die sich einmal länger mit einem unterhalten hat, weiss, dass die meisten Männer liebend gern viel von sich erzählen, sobald sie dazu ermuntert werden. Die Frage ist also, wann sie vergessen, dass auch andere Männer zum Zuhören geeignet sind. Und warum lässt unsere Gesellschaft sie das vergessen?

Der Mann ohne Freundschaften wird nicht so geboren, er wird dazu gemacht.

Die amerikanische Sozialpsychologin Niobe Way hat vor Jahren in einer vielfach zitierten Studie gezeigt, wie wichtig in Bubenfreundschaften Nähe, Geheimnisaustausch und emotionale Unterstützung sind. Doch mit der Pubertät beginne der grosse Verlust. Auf einmal hörten die jungen Männer auf, miteinander zu reden. Schwulenfeindliche Redensarten wie «No Homo» zögen in den Diskurs ein, Nähe werde feminisiert, Abgrenzung und Coolness würden zu Männlichkeitsmarkern.

Way spricht von einer «Krise der Verbindung». Viele Eltern fördern ihren Erkenntnissen zufolge die Freundschaftsfähigkeiten ihrer Töchter, ermutigen sie, sich um andere zu kümmern und über Gefühle zu reden. Bei ihren jugendlichen Söhnen dagegen legen sie Wert auf emotionale Eigenständigkeit. Wohl auch, weil sie glauben, dass das für deren gesellschaftlichen Erfolg wichtiger sei.

Die Frau als emotionale Auffangstation

So werden bindungsfreudige, gefühlvolle Kinder durch Rollenerwartungen in den Kontaktverlust gedrängt. Und wer keine Schwäche zeigen kann, entwickelt naturgemäss auch Schwierigkeiten, sich für die Schwächen anderer zu interessieren. «Gerade unter etwas älteren Männern herrscht eine Kultur des oberflächlichen Statusgebarens, die es geradezu gefährlich macht, etwas Persönliches zu erzählen. Mit der Zeit verlernen viele Männer, ehrliche Aussagen über sich zu treffen», sagt der Psychologe Wolfgang Krüger.

Das hat praktische Konsequenzen. Krüger berichtet, dass in seine Praxis immer wieder Frauen kämen, die von der Verantwortung für den Gefühlshaushalt ihres Partners überfordert seien. Und so muss man sich die moderne Frau in einer heterosexuellen Beziehung als emotionale Auffangstation vorstellen. Dass Frauen in ihrem Umfeld in der Regel viel Zeit und Energie für Fürsorge aufwenden, ist bekannt. Meistens stellt man sich dabei Kinder, Freundinnen und Eltern vor, doch in der Realität ist vor allem der Partner auf die ständige Zuwendung angewiesen.

Der Mann ohne Freundschaften wird nicht so geboren, er wird dazu gemacht. Das Gute ist: Daran lässt sich etwas ändern. Eine Verabredung mit einem alten Bekannten, der schon lange mal wieder ausgehen will, kann ein Anfang sein. Das tut den Männern gut. Den Frauen auch.

Erstellt: 11.11.2019, 21:55 Uhr

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