Die Digital-Detox-Spiesser machen es sich zu einfach

Wer aus Enttäuschung und Überforderung auf den Medienkonsum verzichtet, handelt egoistisch.

Erdrückende Masse an Informationen: Eine Frau liest die mobile Ausgabe der NZZ. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Erdrückende Masse an Informationen: Eine Frau liest die mobile Ausgabe der NZZ. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Heute, da ein Donald Trump mit einem einzigen Tweet die Weltgemeinschaft in Aufruhr versetzt, wird immer lauter geklagt über das Medienspektakel der Sinnlosigkeit, das einem die Stimmung im eigenen Behaglichkeitskosmos vermiest. Der Schriftsteller Botho Strauss ekelt sich erkennbar vor der Penetranz des Populären und verherrlicht «den Unverbundenen» und den «Ungerührten», den einsamen Protagonisten einer ästhetisch gebildeten Elite.

Andere, wie der Schweizer Publizist Rolf Dobelli, verkünden stolz, dass sie gar keine Nachrichten mehr konsumierten. Seit fast zehn Jahren, so behauptet Dobelli, greife er schon nicht mehr zu Zeitungen, schaue kein Fernsehen mehr, höre kein Radio, nutze keine Onlineportale. Sein Buch ist ein Bestseller.

Man sieht schon an diesen Beispielen: Die Egozentriker der neuen Einfachheit unterscheiden sich in der Begründung ihrer Klage, aber nicht in der Stossrichtung der Lösungssuche. Politisch singen sie das Loblied der Vereinzelung, feiern den radikalen Individualismus, die Distanznahme und die Absonderung. Die Gesellschaft kommt allein als Störquelle vor.

Nachrichtenkonsum entlang von Egorezepten

Doch der medienkritische Eskapismus besitzt eine reale Ursache. Da ist zum einen das Problem der Quantität, der schlichten Masse: Pro Jahr kommen zwei Millionen Bücher auf den Markt, werden 30 Milliarden Blogbeiträge und mehr als 180 Milliarden Tweets veröffentlicht. Da ist zum anderen das Problem der Qualität, der immer schwieriger werdenden Einschätzung, was denn nun stimmt, welche Quelle als seriös gelten kann. Und da ist schliesslich das Problem der Handlungsrelevanz von Nachrichten auf den globalen Medienmärkten: Wie lässt sich – im Bemühen um eine engagierte Zeitgenossenschaft – eine kluge Mischung aus Aufnahmebereitschaft und Abgrenzungsvermögen entdecken?

Wer so fragt, erkennt das Dilemma, das sich zwischen zwei Polen abspielt. Auf der einen Seite die engagierte Anteilnahme am Weltgeschehen, die im Extremfall zur permanenten Verstörung missraten kann. Auf der anderen Seite die Auswahl und Dosierung der Informationsaufnahme, die ihrerseits die Gefahr in sich birgt, in Ignoranz und Indifferenz abzustürzen. Die Digital-Detox-Spiesser der Gegenwart und die Philosophen einer asozialen Einsamkeit haben es hier einfach. Sie leugnen, dass es dieses Dilemma gibt, weil sie ihren Nachrichtenkonsum primär entlang von Egorezepten organisieren.

Allen anderen wird es helfen, ihr Bewusstsein für dieses Dilemma mit wachem Gespür für das gerade noch Zumutbare zu schulen und sich – trotz der Beschwernis, die dies bedeutet – zu fragen: Wer ist betroffen? Was kann ich tun? Und welche Bedeutung besitzt ein Ereignis für die Allgemeinheit, die Menschheit oder auch für das Schicksal der Erde?

Erstellt: 28.10.2019, 19:41 Uhr

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