Brutale, aber wirksame Methode gegen den Schick im Quartier

In Los Angeles haben Aktivisten einen neuen Weg entdeckt, um die Mieten in ihrem Quartier tief zu halten.

Protest-Graffito gegen eine Galerie in Boyle Heights. Foto: Liz O. Baylen («LA Times», Getty Images)

Protest-Graffito gegen eine Galerie in Boyle Heights. Foto: Liz O. Baylen («LA Times», Getty Images)

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Viel wird ausprobiert, um die Verteuerung von Stadtquartieren zu verhindern: Man verbietet das Eröffnen neuer Restaurants (Montreal), erhebt Sondersteuern für ausländische Investoren (Vancouver), untersagt Luxusrenovationen (Berlin), lässt den Staat Häuser vom Markt kaufen (Zürich), demonstriert (überall).

Geändert haben solche Massnahmen bisher wenig. Sie erinnern an den Versuch, einen Hausbrand mit der Wasserpistole zu löschen.

Linke Protestgruppen aus Los Angeles scheinen nun einen wirksameren Feuerlöscher gefunden zu haben: das Schikanieren und Wegekeln von Kunstgalerien. Dies geschieht im Quartier Boyle Heights. Dort leben vor allem Latinos, das mittlere Einkommen liegt weit unter dem Durchschnittslohn im Rest der Stadt.

Letzte Woche gab die Galerie PSSST bekannt, dass sie ihre Niederlassung in den Boyle Heights verlassen werde. «Unsere Mitarbeiter wurden im Internet und auf der Strasse belästigt. Solche persönlichen Angriffe sind nicht tolerierbar», schreiben die Betreiber in einer Mitteilung.

Stress machen, bis alle weg sind

Die Protestgruppen BHAAAD (Boyle Heights Alliance Against Artwashing and Displacement) und DBH (Defend Boyle Heights) feiern diesen Wegzug als Sieg. Seit der Eröffnung von PSSST letzten Mai haben sie auf dieses Ziel hingearbeitet. Dabei gingen sie extrem konfrontativ vor, oft an der Grenze zur Illegalität. Die Aktivisten aus dem Quartier blockierten Ausstellungen, beschimpften Künstler, überschütteten sie mit Wasser, schrien Performances nieder, trommelten an die Galeriefenster. Ihre Militanz rechtfertigen sie damit, dass sie ein Grundbedürfnis verteidigten: «Galerien führen zur Vertreibung der Bevölkerung. Das ist Notwehr. Wir oder sie.»

Kunstgalerien sind oft Vorboten der Gentri­fizierung, wie sie sich seit Jahren in vielen Grossstädten abspielt. Eröffnen in einer ärmeren Nachbarschaft erste «Art-Spaces», folgen bald coole Boutiquen und Restaurants. Das Quartier wird hip, die Mieten gehen nach oben, bisherige Bewohner müssen wegziehen. «Artwashing» nennen das die Protestgruppen.

Eine Studie, die mit der Bilder-Website Flickr arbeitete, fand heraus: Je mehr Fotos aus einem bestimmten Quartier mit dem Hashtag #art markiert sind, desto stärker steigen dort die Immobilienpreise. Diese Regel funktioniert laut der Studie unabhängig vom Selbstverständnis der Galerien. So definierte sich ausgerechnet die weggemobbte PSSST als offene, gemeinnützige Institution. Die Betreiber beklagten sich, dass sie die falsche Zielscheibe seien. Man wolle mit den Leuten aus Boyle Heights zusammenarbeiten. Ihre Gegner kümmerte das nicht: Jede Galerie locke reichere Bewohner an, egal, ob sie sich nicht kommerziell und inklusiv nenne.

Boyle Heights liegt neben einem ehemaligen Industriegebiet, wo sich seit der Jahrhundertwende die Kunstszene ausbreitet. Vor ein paar Jahren wagten sich die ersten Galerien über den Fluss ins Latino-Viertel, seither machen BHAAAD und DBH Aufruhr. Ihr Ziel besteht darin, alle neuen Galerien zu vertreiben.

Kritiker sagen, dass die Gruppen brutal und chauvinistisch handelten. Auch linke Politiker finden, dass Investitionen dem Quartier guttäten und Arbeitsplätze schaffen würden.

Das Problem ist: Die Menschen aus Boyle Heights haben kaum eine Wahl, wie sie sich sonst gegen die drohende Verdrängung aus ihrer Nachbarschaft wehren können. Das zeigen Beispiele aus anderen Städten. Zudem scheint ihr Ansatz, die Anreize für künftige Investoren an den Wurzeln zu bekämpfen, zu funktionieren. Boyle Heights hat seinen Charakter als Arbeiterviertel bisher erhalten – im Gegensatz zu zwei Nachbarquartieren, die sich rasch verteuern.

Auf die Dauer wirkungslos

Beobachter bezweifeln jedoch, dass solche Proteste auf Dauer wirken. Hinter der Gentrifizierung stünden grosse wirtschaftliche Kräfte.

Was diese zu bewirken vermögen, lässt sich 9500 Kilometer östlich von Boyle Heights, in einem anderen Arbeiterviertel, gut studieren. Im Zürcher Langstrassen-Quartier, das nach wie vor zu den rausten der Stadt gehört, haben sich die Bodenpreise innert weniger Jahre verdoppelt. Sie liegen jetzt über denen im Seefeld. Bald wird die Turboaufwertung auch auf die Mieten durchschlagen. Der Kreis 4 steht so am Ende jenes Prozesses, den die Boyle-Heights-Aktivisten abzuklemmen versuchen.

Galerien zu verscheuchen, würde im Kreis 4 übrigens nichts nützen. Diese Aufgabe haben die steigenden Preise längst übernommen.

Erstellt: 05.03.2017, 17:56 Uhr

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