Die Geschäftsfrau im Mann

CS-Banker Philip Bunce ist als Pippa in den Top 50 der besten Geschäftsfrauen. Er ist «genderfluid» und manchmal er, manchmal sie.

«Das Versteckspiel kann dich umbringen»: Philip Bunce bzw. Pippa Bunce outete sich als «genderfluid». Foto: Richard Davids

«Das Versteckspiel kann dich umbringen»: Philip Bunce bzw. Pippa Bunce outete sich als «genderfluid». Foto: Richard Davids

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Es war im Sommer 2014, ich stand morgens lange vorm Schrank. Weil ich mich zum ersten Mal an der Arbeit als Frau zeigen wollte. Ein grosser Moment. Ich habe zwei Badge-Fotos und zwei separate Kleiderschränke. Einen für Anzüge, Krawatten, Hemden – einen für Frauenkleider. Der ist viel grösser. Vor allem meine Sammlung an High Heels: Ich habe mehr Schuhe als meine Frau und meine Tochter zusammen.

Als Frau neige ich zu auffälliger Kleidung, als Mann zu klassischer. Ich bin weder homo-noch bi- oder transsexuell. Auch kein Crossdresser. Ich bin, was man genderfluid oder nicht-binär nennt. Wie ich mich geschlechtlich verstehe, ist von Zeitpunkt zu Zeitpunkt verschieden. Ich wechsle. Manchmal bin ich Phil, manchmal Pippa.

Meiner Frau verriet ich es kurz nach der Hochzeit. Sie nahm es gut auf. Sie und unsere zwei Kinder, sie sind 18 und 21, haben mich immer so geliebt, wie ich bin. Ob Pippa oder Phil, sie schauen auf das Wesen. Auch meine Freunde hatten nie ein Problem damit. An der Arbeit war ich vorsichtiger.

Ich wollte endlich Schluss machen mit dem Versteckspiel.

Ich arbeite bei der Credit Suisse in London, in recht hoher Position. Die Abteilung, die ich leite, ist zwar relativ klein, aber zu meiner Aufgabe gehören Hunderte Projekte mit verschiedenen Teams. Mich kennt fast das gesamte Unternehmen. Meinen Mitarbeitern erzählte ich es nach und nach.

Manche hatten mich nach Feierabend schon als Frau gesehen. Aber mich im ganzen Unternehmen zeigen, wie ich wirklich bin? Dafür kündigte ich dem internen «Diversity & Inclusion Team» an, dass ich mich bald erstmals als Frau zeigen würde. Arbeitgeber dürfen rechtlich zwar nur verlangen, dass man sich «passend» anzieht, ich wollte das aber koordinieren.

«Einige sagen, sie erleben mich als Frau verständnisvoller»: Philip Bunce. Foto: Richard Davids

Seit ich vier war, kenne ich diesen Teil von mir. Jetzt wollte ich endlich Schluss machen mit dem Versteckspiel. Denn das kann dich umbringen. Freunde von mir zerbrachen daran. Langsam beginnen die Unternehmen zu verstehen, dass es auch von der Arbeit ablenkt und verhindert, dass man sein Potenzial entfaltet, weil man immer etwas zurückhält. Eine Studie von 275 Unternehmen, die LGBT-inklusiv sind, also alle Geschlechtsidentitäten gleich behandeln, ergab, dass es den Profit steigert. Daher unterstützte man mich.

Bin ich als Frau ein anderer Mensch? Ich weiss es nicht.

Am Tag der Wahrheit entschied ich mich für etwas Dezentes, ein Deuxpièces und schwarze High Heels. Dazu die Haare wie jetzt, lang und blond. Ich war ungeheuer aufgeregt. Eine Handvoll Kollegen wartete in einem Café auf mich, zusammen gingen wir ins Büro. Ich war so stolz und fühlte mich stark. Alles ging überraschend gut.

Seitdem stellten sich mir nie Probleme, höchstens Alltagsfragen, welchen Namen man wählen solle oder so. Einige sagen, sie erleben mich als Frau verständnisvoller. Andere behaupten genau das von mir als Mann. Bin ich als Frau ein anderer Mensch? Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass man zu seinem wahren Wesen stehen soll. Verschiedenartigkeit ist gut. Ein weiterer Erfolg für mich ist, dass mich die «Financial Times» kürzlich unter den Top 50 der besten Geschäftsfrauen auflistete.

(Das Magazin)

Erstellt: 14.04.2018, 18:33 Uhr

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