Sie will die «Greta der Daten» sein

Brittany Kaiser half bei Cambridge Analytica mit, dass der Brexit gelang und Trump Präsident wurde. Heute will sie die Demokratie retten – und ihren Ruf.

Von Selbstzweifeln geplagt: Szene aus der Dokumentation «The Great Hack» mit Brittany Kaiser. Foto: (AP/Keystone, Netflix)

Von Selbstzweifeln geplagt: Szene aus der Dokumentation «The Great Hack» mit Brittany Kaiser. Foto: (AP/Keystone, Netflix)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weil sich der Überwachungskapitalismus der digitalen Welt während der letzten vier Jahre in einen Manipulationskapitalismus verwandelt hat, gibt es ein paar neue grosse Fragen. Wie man den demokratischen Prozess retten kann zum Beispiel, oder wie man die Titanen der Tech-Industrie zum Einlenken bringt. Auf die hat Brittany Kaiser ein paar klare Antworten.

«Die Geschäftsmodelle müssen sich ändern», sagt die 34-Jährige mit ihrem selbstbewussten Duktus aus dem Mittelwesten der USA. Und: «Die Führungsebenen der Tech-Firmen müssen strafrechtlich für ihre Produkte haften.»

Die «angry young woman» passt nicht ins Bild

Das wären radikale Lösungen. Um ihren Hals hängt ein Anhänger mit dem Slogan «Own Your Data» (nimm Besitz von deinen Daten). Datensouveränität hiesse das, die das digitale Geschäftsmodell zum buchstäblichen Wohle der Allgemeinheit umkrempeln würde. So heisst auch ihre Kampagne, mit der sie gegen Missbrauch digitaler Technologien im politischen Betrieb kämpft. Die Methoden kennt sie gut. Sie gehörte zur Chefetage der Firma Cambridge Analytica, die diesen Missbrauch perfektionierte.

Noch läuft die Kampagne nicht so richtig, obwohl sie seit einiger Zeit grosse Mengen Daten veröffentlicht, welche die Methoden der datengetriebenen Wählermanipulation in aller Welt belegt. Es hilft auch nicht, dass sie in keine der beiden Welten passt, in denen sie sich seit ihrer Jugend bewegt.

Sie fällt auf, wenn sie zum Beispiel auf einer Konferenz wie dem DLD in München zwischen den Techies in ihren Outdoorwesten und den Finanz- und Politikmenschen mit ihren hellblauen Blusen- und Hemdkragen auftaucht. Mit diesem Hut (sehr breitkrempig). Mit diesen Schuhen (Slipper mit bunten Totenköpfen). Mit dieser Jacke (sehr rot kariert).

Sie fällt auf: Brittany Kaiser an der DLD-Konferenz in München. Foto: Keystone

Im Gespräch merkt man auch, warum man ihr die Rolle als Whistleblowerin so ungern zugesteht. Solche Heldenfiguren der Gegenwart haben ihre Rolle zu spielen. Bescheidenheit, Weisheit und ein kritisches Bewusstsein erwartet die Öffentlichkeit von ihnen. Da passt so eine «angry young woman» nicht ins Bild, eine zornige junge Frau, die ihre Gesprächspartner schnell spüren lässt, dass man es mit einer Person zu tun hat, die immer dort war, wo Geschichte gemacht wird. Und nicht nur die.

«Ich habe gerade Greta Thunberg im Zug von Davos getroffen», hat sie nach dem Weltwirtschaftsforum auf Twitter geschrieben. «Fühlte mich sehr geehrt, dass sie mich erkannt hat, weil ich ihr dann sagen konnte, dass es für mich das grösste Kompliment ist, wenn mich Leute die ‹Greta der Daten› nennen.» Ach ja, sie war auch Zeugin im Impeachment-Verfahren gegen Trump, erzählt sie. Und gerade eben einmal mehr im britischen Parlament.

Hätte sich Brittany Kaiser mit ihrer Rolle als Whistleblowerin im Cambridge-Analytica-Skandal im Stillen begnügt, wäre alles etwas leichter. Dann würde der Wirbel um sie nicht von ihren Leaks ablenken, die belegen, dass die Londoner Datenfirma nicht nur in Grossbritannien und den USA demokratische Prozesse manipuliert hat, sondern in mindestens 68 Nationen. Dass sich derzeit Hunderte solcher Firmen auf die US-Wahlen 2020 vorbereiten, um mit riesigen Datenmengen manipulierbare Wähler zu identifizieren und diese dann mit gezielten Anzeigen, Desinformation und Angstmacherei zu manipulieren. Dass die Wählerdaten, die ihr Arbeitgeber vor fünf Jahren von Facebook abgezweigt hat, immer noch im Umlauf sind.

Hat sie aber nicht. Weil ihr die eigene Geschichte genauso wichtig ist wie die Rettung der Demokratie. Zugegeben, es ist eine richtig gute Geschichte, über die es eine Doku gibt («The Great Hack», auf Netflix) und die sie in einem Buch aufgeschrieben hat («Die Datendiktatur: Wie Wahlen manipuliert werden», Harper Collins), das ein grosser Hollywood-Produzent mit einem Superstar (die man beide noch nicht nennen darf) als Fernsehserie verfilmen wird.

Es ist die Geschichte einer Frau, die sich vom Teenager mit Leidenschaft für Politik und digitale Medien zu einer der meistgehassten Politikberaterinnen der Gegenwart entwickelt hat und die nun als Whistleblowerin versucht, ihre Biografie zu retten. Weil sie tief in ihrem Herzen immer eine Liberale, eine Menschenrechtlerin war. Die aber vorerst noch als die Frau in die Geschichte eingehen wird, die mitgeholfen hat, dass der Brexit durchging und Donald Trump Präsident wurde.

Die Stationen dieser Biografie sind beeindruckend. Mit 18 arbeitete sie für den Vorwahlkampf des Demokraten Howard Dean, vier Jahre später betreute sie für Barack Obama den Facebook-Auftritt. 2015 erkannte der Londoner Datenunternehmer Alexander Nix ihr Talent und holte sie zu Cambridge Analytica. Wo sie erst für Menschenrechtsprojekte arbeitete. Aber bald eben auch für konservative Hardliner wie die Brexiteers oder den US-Kandidaten Ted Cruz. Und dann feierte sie in New York mit Donald Trump seinen Sieg.

«Alexander Nix war ja gar nicht so rechts. Aber er war sehr vom Geld getrieben.»Brittany Kaiser über den Ex-Chef von Cambridge Analytica

Ihre alten Freunde hassten sie dafür. Man kann ihre Geschichte auch exemplarisch lesen. Wie der Sog aus Geld, Macht und Erfolg aus den Utopisten der digitalen Welt Zerstörer machte. Kaiser brauchte durchaus Geld. Ihre Eltern hatten in den letzten Wirtschaftskrisen fast alles verloren. Die musste sie unterstützen. Und es war doch auch ein Rausch, wenn Aussenseiterkandidaten wie Ted Cruz und Donald Trump plötzlich zu Siegern wurden.

Da blieben Gewissensbisse aussen vor. Der Erfolg kam nicht immer. Deutschland war zum Beispiel eines der wenigen Länder, in denen Cambridge Analytica nicht landen konnte. Der Trump-Stratege Steve Bannon wollte die Firma der AfD vorstellen, erzählt sie. «Meine Kollegen und ich waren darüber nicht gerade begeistert. Bannon hatte uns schon mit den Brexiteers verkuppelt. Der einzige Weg, wie wir Alexander (Nix) von solchen Bannon-Kontakten abbringen konnten, war, wenn wir ihn davon überzeugten, dass man woanders mehr Geld verdienen konnte. Er war ja gar nicht so rechts. Aber er war sehr vom Geld getrieben. Deswegen haben wir ihm ein Treffen mit der CDU verschafft.»

«Rechte Parteien arbeiten negativ»

Doch die Antwort aus Berlin war eindeutig. «Die haben gesagt, das ist ja alles sehr beeindruckend, aber lasst uns in Ruhe. Nein. Wir können Daten so nicht einsetzen. Weil Deutschland die strengsten Datengesetze der Welt hat.»

Das Grundproblem sei sowieso, dass die Anständigen in der Politik die Methoden von Cambridge Analytica nicht einsetzen wollen. «Rechte Parteien arbeiten negativ. Sie verleumden ihre Gegner, haben keine Scheu vor Rassismus, Sexismus und Aufrufen zur Gewalt. Liberale, Sozialdemokraten und Grüne diskutieren lieber ihre politischen Programme.»

Bleibt abzuwarten, dass sich die Aufregung über die Person Brittany Kaiser legt und man ihr zuhört, was sie an Herrschaftswissen anzubieten hat. Als am Ende der Konferenz der ehemalige britische Vizepremier Nick Clegg für seinen neuen Arbeitgeber Facebook auftritt, kommt die erste Publikumsfrage von Kaiser. «Warum bezeichnet Facebook die Moderation politische Inhalte als Zensur?» Clegg witzelt die Frage politprofessionell weg. Den Applaus bekommt trotzdem Brittany Kaiser.

Erstellt: 03.02.2020, 11:15 Uhr

Artikel zum Thema

Das gefährliche Geschäft mit unseren Daten im Netz

Kritik Eine neue Netflix-Dokumentation zeigt, wie wir uns im Netz manipulieren lassen – anhand des Datenskandals um Facebook und Cambridge Analytica. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...