Die grosse Illusion der Elektro-Trottis

Die neuen Gefährte lösen kein Mobilitätsproblem. Sie sind selber eines.

Immer wieder nicht gern gesehen: Unsachgemäss deponierter E-Scooter am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Immer wieder nicht gern gesehen: Unsachgemäss deponierter E-Scooter am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einer idealen Verkehrswelt wäre alles ganz einfach. Es gäbe einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, dementsprechend weniger Autos auf den Strassen, die natürlich emissionsfrei unterwegs wären. Es gäbe ein leistungsfähiges Netz an Radwegen und Radstrassen und genügend Raum für die Fussgänger. Und alle würden die Regeln beachten und aufeinander Rücksicht nehmen. In so einer Welt hätten auch Elektro-Trottis ihren Platz.

Die Realität sieht anders aus. Ganz anders. Der öffentliche Verkehrsraum in den Städten ist eine Kampfzone, in der Rücksichtslosigkeit an der Tagesordnung ist und Regeln für viele bloss unverbindliche Hinweise sind.

Da fahren Radfahrer bei Rot über die Kreuzung und zeigen den Stinkefinger, wenn sie deswegen angehupt werden, Fussgänger überqueren die Strasse, ohne auf den Verkehr zu achten, weil sie damit beschäftigt sind, auf ihr Handy zu starren, Autofahrer blockieren die Radwege oder wechseln in letzter Sekunde die Fahrspur, gerne auch, ohne zu blinken. Und jetzt kommen auch noch die E-Trottis dazu. Was das bedeutet, hätte man wissen können. Denn überall, wo es die kleinen Stromer bereits gibt, kämpfen die Städte mit den gleichen Problemen. Wahllos abgestellte Roller, die Aufgänge und Trottoirs blockieren, Fahrer, die das Trottoir als Slalomparcours nutzen, steigende Unfallzahlen.

Und überall versucht man, das Chaos durch strengere Regeln zu ordnen. Deren Einhaltung lässt sich aber nur schwer kontrollieren. In San Francisco, einer Stadt, die für ihr lässiges Lebensgefühl bekannt ist, wurden die Leihroller kurzzeitig sogar ganz verboten.

Spass kann nicht der entscheidende Faktor sein, vor allem, wenn er mit so vielen Nachteilen erkauft wird.

Hinter dem Hype verblasst die Frage, welchen Nutzen die Elektroroller für das Gesamtsystem Verkehr haben. Ob sie wirklich dazu beitragen, dass Leute häufiger auf das Auto verzichten, oder ob sie nur eine neue Form von Spassmobilität sind, die auf einen ohnehin schon überlasteten Verkehrsraum noch draufgepackt wird.

Es schwingen auch viele Illusionen mit bei dieser als «neue Mobilität» gepriesenen Mode. Wer glaubt, E-Scooter seien unter ökologischen Aspekten fast so gut, wie mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuss zu gehen, täuscht sich. Die Leihroller haben eine Lebensdauer von nur wenigen Monaten, danach werden sie zu Elektroschrott. Und weil sich solche Teile nun mal nicht von selber laden, werden sie von Transportern eingesammelt und mit vollem Akku wieder verteilt. Es wird nicht lange dauern, und jemand wird ausrechnen, wie viele zusätzliche Dieselkilometer dadurch zusammenkommen.

Auch der Preis wird gerne ausgeblendet. E-Scooter sind für kurze Strecken in der Stadt nämlich eine besonders teure Form der Mobilität. Denn ihre Nutzung wird nicht nach Kilometern, sondern nach der Zeit berechnet, zuzüglich einer Freischaltungsgebühr. Das bedeutet, dass an jeder roten Ampel der Zähler unerbittlich weiterläuft. Wer für seine sogenannte letzte Meile jeden Werktag für 15 Minuten einen E-Scooter nutzt, zahlt mehr als für ein Monatsabo der VBZ.

Ja, wenn das Wetter gut ist und wenig Verkehr herrscht, macht es Spass, mit einem E-Roller dahinzugleiten. Aber Spass kann nicht der entscheidende Faktor sein, vor allem, wenn er mit so vielen Nachteilen erkauft wird. E-Scooter lösen keines der urbanen Verkehrsprobleme. Sondern sie sind selber eines.

Erstellt: 15.08.2019, 20:46 Uhr

Artikel zum Thema

Sollen Erwachsene Trottinett fahren?

An jeder geschäftigen Meile düsen sie einem um die Ohren: Männer auf Trottinetts. Ein zeitgemässer Trend oder einfach nur kindisch? Mehr...

Städte wehren sich gegen E-Trottis

Meldungen über Unfälle mit Elektro-Trottis häufen sich. In europäischen Städten fordern Politiker strengere Regeln. Auch Schweizer Städte reagieren. Mehr...

Publibike will am Leben bleiben – und ist auf Partnersuche

Das Unternehmen will sich mit der Hilfe staatsnaher Betriebe aus der Krise ziehen. Das verärgert private Mitbewerber. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...