Die Herrschaft des Blechs

Autos haben die Schweiz schleichend in Besitz genommen. Die Lebensqualität bleibt auf der Strecke.

«Die Zahl der unwirtlichen Orte wird steigen»: Ein Auto fährt durch das Bündner Dorf Tschlin. Bild: Keystone/Martin Ruetschi

«Die Zahl der unwirtlichen Orte wird steigen»: Ein Auto fährt durch das Bündner Dorf Tschlin. Bild: Keystone/Martin Ruetschi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Frühlingswochenende fast schon wie im Sommer hat die Menschen in Scharen nach draussen gelockt und mich auf Erkundungstour mit dem Velo quer durchs Land. Jedes Jahr ist es dabei noch etwas extremer: Egal ob in den Ballungsräumen oder weit abgelegen, die Kerne der Schweizer Dörfer und Städtchen werden vom Auto beherrscht.

Mit gerade genug Abstand, um die 50 Kilometern pro Stunde Maximalgeschwindigkeit auszufahren, brausen die Autos durch die Orte und nehmen mit ihrem dröhnenden Sound Strassen, Trottoirs und Plätze ein. Dies nicht nur während der Stosszeiten unter der Woche, sondern längst auch am Abend und am Wochenende. Die Freizeit ist zum wichtigsten Verkehrszweck geworden, und die Zahl der Personen pro Fahrzeug nimmt weiterhin ab.

Es ist eine schleichende Veränderung, die seit Jahrzehnten anhält und gerade deshalb kaum wahrgenommen wird. Meine Eltern konnten noch auf der Hauptstrasse spielen. Zu meiner Zeit war das nicht mehr möglich, doch heute kann man im Städtlizentrum von Huttwil, meinem Ursprungsort, kaum noch draussen in einer Kneipe sitzen, weil der Strassenlärm derart beherrschend ist. Vieles im Leben, was schleichend kommt, sei es der bröckelnde Verputz, der Bauchansatz oder auch die Sprachlosigkeit in der Beziehung, filtern wir weg und integrieren es als neue Normalität.

Schleichende Inbesitznahme

Doch ist es wirklich normal, dass man in Eglisau am Rhein die Strasse nicht überqueren kann, weil keine Lücke zwischen den Autos zu finden ist? Ist es normal, dass das Dorfzentrum von Näfels im Glarnerland zur Einöde geworden ist, weil dort quasi eine Autobahn durchführt? Eigentlich doch nicht? In diesem Land haben wir hohe Erwartungen an die Lebensqualität. Wenn nicht Autos, sondern «herumlungernde Ausländer» Dorfzentren in vermeintlich unwirtliche Orte verwandeln, ist das Entsetzen gross. Doch die schleichende Inbesitznahme durch das Auto blenden wir aus. Auch weil der automobile Lebensstil uns viel Behaglichkeit und Flexibilität verschafft, sind wir bereit, die verlärmten Kerne schnell hinter uns zu lassen und halt einfach mit dem Auto an den nächsten ruhigen Ort zu fahren.

«Die neue Mobilität wird noch bequemer und günstiger sein.»

Wer seine Hoffnung nun auf die technische Entwicklung setzt, dürft sich bald schon die Augen reiben. Selbstfahrende Autos werden keine Entlastung bringen. Im Gegenteil: Die neue Automobilität wird noch viel bequemer und günstiger sein. Egal wann und wo wir gerade sind, werden wir per Knopfdruck einen Fahr­service herbeirufen können. Dieser Service wird schneller vor Ort sein als jedes Taxi, denn es wird viel mehr davon geben. Er ist günstiger als jede andere Form der Mobilität, schliesslich entfällt der Chauffeur, und das Fahrzeug ist permanent im Einsatz. Der Fahrgast hat die Hände frei wie in der Bahn und kommt gleichwohl direkt von einem x-beliebigen A an ein ebenso beliebiges B.

Noch mehr Mobilität

Mit all diesen Vorteilen wird die lenkerlose Mobilität noch viel bequemer und attraktiver sein und uns deshalb zu noch mehr Mobilität verleiten. Aufgrund der tiefen Kosten werden kaum Anreize entstehen, geteilte Fahrten zu unternehmen. Sammeltaxis waren schon immer eine Mobilitätsform für Arme.

Wir werden abgelegener wohnen können und uns doch jederzeit und rund um die Uhr nach Hause chauffieren lassen. Wohl wird sich das Parkplatzproblem von alleine lösen, denn es ist für die Fahrzeuge billiger, in Fahrt zu bleiben. Dank stets optimaler Anpassung der Geschwindigkeit nimmt jedoch die Kapazität der Strassen nochmals zu, und dank dynamischer Routenwahl wird dabei das Strassennetz bis in seine allerletzte Kapillare hinein mit fahrenden Autos aufgefüllt.

Es lohnt sich, innezuhalten

Der Wandel kommt schleichend, wie der Bauchansatz und die Sprachlosigkeit in der Beziehung. Die Zahl der unwirtlichen Orte wird steigen. Wir werden uns daran gewöhnen – darin sind wir geübt. Womöglich lohnt es sich jedoch, innezuhalten: Gibt es keine Ansätze, die absehbare Entwicklung in bekömmlichere Bahnen zu lenken?

Es wäre diesem Land mit seiner gepriesenen Lebensqualität eine angemessene Ambition, andere Wege zu finden. Ist es denn nicht einfach normal, wenn Kinder in den Dorfzentren auf den Strassen spielen und die Älteren ihnen beim Bier in der Gartenbeiz in aller Ruhe zusehen können?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2018, 13:54 Uhr

Artikel zum Thema

Wer eine Ambulanz ausbremst, wird gebüsst

Rettungssanitäter verlieren in Rettungsgassen wertvolle Zeit – strengere Regeln für Autofahrer sollen das künftig verhindern. Mehr...

Mit dem Ersatzbus auf den Uetliberg

Zum ersten Mal in der 150-jährigen Geschichte der Uetlibergbahn bringen VBZ-Busse die Passagiere hinauf zum Zürcher Hausberg. Der Grund dafür liegt in der Ringlikerkurve. Mehr...

«Ich verstehe jeden, der bei diesen Zahlen leer schlucken muss»

Die berüchtigte Rosengartenstrasse in Zürich soll untertunnelt werden. Der Regierungsrat spricht von einem «historischen Schritt». Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Gespalten zwischen Glück und Trauer
Tingler Zensur als Gratiswerbung

Die Welt in Bildern

Bump it: Angela Merkel mit dem mexikanischen Präsidentenpaar an der Hannover Messe. (23. April 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...