Die Intoleranz der Linken

Wissenschaft funktioniert besser in politisch diversen Teams. Doch an den Universitäten entwickeln sich politische Monokulturen.

Teilnehmer an einer Pro-Trump-Veranstaltung im April 2017 in Berkeley, Kalifornien, demonstrieren für Redefreiheit. Foto: Getty Images

Teilnehmer an einer Pro-Trump-Veranstaltung im April 2017 in Berkeley, Kalifornien, demonstrieren für Redefreiheit. Foto: Getty Images

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Wir wissen es alle: Diversität ist gut. Sie ist ein zentraler Faktor für evolutionäre Entwicklung; gemischte Teams wirtschaften erfolgreicher und sind innovativer als homogene; multikulturelle Städte haben mehr Erfolg als einseitig zusammengesetzte. Auch für die Wissenschaft ist die Diversität von Standpunkten unverzichtbar. Das haben die beiden Sozialwissenschaftler Misha Teplitsky und James Evans von der Universität Chicago in einer umfangreichen Studie anhand von 400'000 Wikipedia-Artikeln nachgewiesen. Demnach erstellen Teams mit politisch unterschiedlich orientierten Autoren die qualitativ besseren Artikel als Autorenteams, in denen alle derselben politischen Meinung waren. Politische Monokultur führt zu Radikalisierung. Politische Diversität führt zu Diskussionen, dafür kommt man dabei der Wahrheit näher.

Dem entgegen steht eine fatale akademische Entwicklung der letzten Jahre: die Tendenz zum tribalistischen Denken, also dem Denken in Gruppen oder Stämmen. Überall im Westen polarisieren sich die politischen Lager und grenzen sich immer aggressiver voneinander ab. Der politische Gegner hat nicht einfach eine andere Meinung, er ist böse und muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Die sozialen Medien fördern die Bildung ideologisch homogener Gruppen, die sich in ihren eigenen Ansichten bestätigen – und den Gegner systematisch abwerten. Denn wer den Gegner dämonisiert, etwa indem er Unterschiede zwischen Bürgerlichen, Konservativen und Neonazis bewusst verwischt, beweist damit vor allem die eigene richtige Gesinnung und dass er auf der richtigen Seite steht. Es geht also nicht mehr darum, Sachverhalte zu erörtern, sondern unter allen Umständen recht zu haben.

Konservative Denker werden bekämpft

Die Entwicklung zeigt sich auch an den Universitäten, vor allem in den USA. Gerade in den Geisteswissenschaften entwickeln sich an den Universitäten politische Monokulturen, wie verschiedene Studien des Forschungsinstituts Pew Research zeigen: In den Neunzigerjahren kamen in den Sozialwissenschaften drei bis vier Linke auf einen Konservativen. Heute ist das Verhältnis eins zu siebzehn. Ausgerechnet in den Sozialwissenschaften, in denen Gender und Race-Diversity zum Inbegriff nötiger Vielfalt geworden ist, geht die Entwicklung mit einer Monokultur der politischen Ansichten einher.

Konservative Denker müssen zunehmend damit rechnen, bekämpft und marginalisiert zu werden, wie die Sozialpsychologen Greg Lukianoff und Jonathan Haidt in ihrem Buch «The Coddling of the American Mind» an zahlreichen Beispielen zeigen. Doch nicht nur Konservative werden zum Opfer von solch entfesseltem tribalistischem Denken. In jüngster Zeit wurden auch politisch unverdächtige, also linke Professoren gezwungen, ihren Lehrstuhl aufzugeben, nachdem wütende Studenten sie aufgrund einer falschen Wortwahl als Rassisten oder Sexisten gebrandmarkt hatten.

Ein beliebtes Argument der Linken geht so: Unter dem Credo der Meinungsfreiheit darf man selbstverständlich auch unpopuläre Meinungen artikulieren. Aber man muss Widerstand in Kauf nehmen. Das ist grundsätzlich richtig. Falsch ist aber, wenn der Widerstand nicht argumentativ daherkommt, sondern gewalttätig. Wenn unliebsame Redner niedergeschrien und angegriffen werden wie bei den Berkeley-Protesten 2017, Professoren mit inkorrekten Ansichten gemobbt und aufgrund öffentlichen Drucks schliesslich entlassen werden, schadet das letztlich der Universität. Denn Monokulturen führen zu schlechter und einseitiger Wissenschaft, ohne Diversität neigen wir zu Extremismus. Und sein erstes Opfer ist die Wahrheit.

Erstellt: 20.03.2019, 08:58 Uhr

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