Die Lehrerin, die anstatt Schüler Pferde dressiert

Als Sportlehrerin verdiente sie gutes Geld. Doch Caroline zog es zurück zu den Tieren, mit denen sie die Kindheit verbrachte.

«Was mich erfüllt, fand ich schliesslich im Wesen der Pferde»: Caroline Wolfer (42) mit ihrem Pferd.

«Was mich erfüllt, fand ich schliesslich im Wesen der Pferde»: Caroline Wolfer (42) mit ihrem Pferd. Bild: Christian Hartmann

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Veränderung bedeutet Ungewissheit. Deshalb verharrt der Mensch gerne dort, wo er sich befindet. Und verlässt diese Situation nur, wenn er wirklich muss – oder wenn die Sehnsucht nach etwas anderem so mächtig geworden ist, dass sie kaum noch zu besänftigen ist. In dieser Serie erzählen fünf Menschen, wie sie den Mut aufbrachten, neue Wege zu gehen – und wie sie dabei ihr Glück fanden.

Teil 3: Die Pferdeflüsterin

Ich war eine Indianerin, sieben, acht Jahre alt, wohnhaft in unserer warmen Wohnung, ab und zu warf ich das Springseil durchs Zimmer und fing mir ein wildes Ross mit langem Haar und grossen Augen, lobte es, streichelte es, ritt es durch den wilden Westen von Buchrain, Kanton Luzern. Ein einfaches Kind war ich wohl nie, eher rebellisch, laut und unruhig in der Schule, trotzdem verlässlich.

Unter Menschen, ja, fand ich mich damals schlecht zurecht. Noch heute bin ich gern allein mit meinen Tieren. Sie lehrten mich, Menschen zu lieben. Mein Vater war Elektroingenieur, meine Mutter seine Sekretärin, wir hatten eine Katze, aber ich wollte ein Pferd, ständig zog es mich ins Freie und Grenzenlose, in die Prärie meiner Sehnsüchte. Und dann stand da, umgeben von nichts als Häusern, eines Tages ein Pferd auf einer kleinen Weide, ich war elf, blieb stehen, schaute es an, es sah mich an.

Immer wieder war ich am Zaun und vergass die Zeit. Ständig trieb es mich zu diesem Pferd, fuchsfarbenes Fell, blonde Mähne, blonder Schweif. Das Pferd, sagte der Mann, dem es gehörte, heisse Salva. Jahre später wurde mir bewusst, was Salva bedeutet: Retterin. Vielleicht hat Salva, so kitschig es klingt, mich durch meine Kindheit gerettet. Ich war mir meine Indianerin, allein und unbegriffen, genau wie Salva, die mit Menschen nicht zurechtkam.

«Meine Pferde lehrten mich zuerst, was Pferd sein bedeutet. Dann stiessen sie mich an, anderen Leuten zu helfen.»

Schliesslich, als er sah, wie sehr sein Pferd mich mochte, liess mich Salvas Besitzer in den Stall, ich umsorgte das Tier, streichelte es, fütterte, pflegte es, sprach mit ihm – und es hörte mir zu. Mir schien, Salva fühle wie ich: heimatlos in den Schluchten von Buchrain. Sechs Jahre Primar, drei Jahre Gymnasium in Luzern, fünf Jahre Lehrerinnenseminar. Ich liebte Salvas Duft.

War ich traurig, ging ich zu ihr und erfuhr Trost. War ich kraftlos, gab sie Kraft. Zwar gehörte das Pferd nicht mir, aber wir gehörten zusammen, ich ritt es ein, zog mit ihm durch die Wälder, und als Salvas Besitzer mich fragte, ob ich bereit sei, sein Ross zu kaufen, lehnte ich ab – mein Fehler –, wurde Studentin in Zürich und Barcelona, studierte Sport.

«Wir hatten eine Katze, aber ich wollte ein Pferd»: Caroline Wolfer mit Pferd Reina. Foto: Christian Hartmann

Und also verkaufte er das Pferd einem Bauern, Salva war nicht mehr die, die sie gewesen war, sie stieg hoch, wenn jemand zu ihr kam, schlug mit den Hufen, zeigte die Zähne. Als ich sie einmal besuchte, sagte der Bauer: ‹Wenn du das nächste Mal kommst, war sie wahrscheinlich längst beim Metzger.› Ich hatte kein Geld. Meine Eltern gaben schliesslich aus, was ein Metzger für Salva bezahlt hätte, ich kaufte mein Pferd frei, pflegte es, liebte es, verbrachte noch zwanzig Jahre mit ihm.

Pferde waren und sind meine besten Lehrer. Sie lehrten mich zuerst, was Pferd sein bedeutet. Dann stiessen sie mich an, anderen Leuten zu helfen, Pferde zu verstehen, sie würdevoll, gleichsam pferdisch, zu behandeln.

Ich schloss mein Sportstudium ab und wusste, dass ich Sportlehrerin nur sein wollte – aushilfsweise –, wenn ich kein Geld mehr hatte. Und wenn ich welches hatte, reiste ich nach Irland, England, Kanada, betrieb Rennreitsport, nahm an Jagd- und Militaryreiten teil, versuchte mich, zurück in der Schweiz, sogar in klassischer Dressur. Und merkte, dass ich nichts fand, was mich wirklich berührte.

«Wer willens und fähig ist, erfährt durch die Beziehung zum Pferd sich selbst, sein Potenzial, die innere Ruhe.»

Was mich erfüllt, fand ich schliesslich im Wesen der Pferde, in ihrer Seele – und keineswegs in einer bestimmten Art, ein Tier durch die Gegend zu treiben oder über Hindernisse.

2001 ritt ich mit Salva und einem anderen Pferd nach Spanien, 1500 Kilometer weit, baute dort einen Reitbetrieb auf, nannte ihn Natural-horses, vier Jahre später ritten wir zurück in die Schweiz, ab und zu war ich Sportlehrerin, verdiente in kurzer Zeit viel Geld, war dann wieder bei den Pferden, in meiner Welt.

2008 lebte ich einige Monate in Argentinien unter Gauchos und war entsetzt, als ich sah, wie sie Pferde einritten, versuchte ihnen zu zeigen, dass es ohne Gewalt viel besser geht.

Seit zwei Jahren bin ich nun in Innertkirchen, Berner Oberland, und biete Menschen, egal, wie alt und was sie von Pferden wissen, Lebenshilfe an: Begegnungen mit Pferden. Wer willens und fähig ist, erfährt durch die Beziehung zum Pferd sich selbst, sein Potenzial, die innere Ruhe. Pferde sind ehrlich, sie lassen sich nichts vormachen, Pferde sind Authentizitätsmesser und zeigen dem, der fühlen kann, die Ritze, den Spalt, die Kluft zwischen Schein und Sein, Fassade und Substanz.

Klar, ab und zu weiss ich nicht, wie es weitergeht. Manchmal kriechen Ängste hoch, und ich verirre mich wieder auf dem Pfad meiner Berufung.

Aber ich weiss: Es geht weiter. Das Leben ist kein Stillstand. Und manchmal denke ich an Salva. Wie sie alt wurde, zerbrechlich und sehr krank. Wie ich ihr eines Morgens sagte: ‹Salva, wenn es dir heute Mittag nicht besser geht, rufe ich den Arzt, damit er dich erlöst.›

Und als ich am Mittag wieder kam, war sie tot. Gegangen. Geblieben sind die Dinge, die sie mich lehrte. Geblieben sind meine anderen Pferde. Und liebe Menschen.


Bereits erschienen:

Teil 1: Der Ökonom, der lieber Schuhe putzt

Teil 2: Der Pöstler, der ins Kloster zog

(Schweizer Familie)

Erstellt: 16.05.2018, 20:53 Uhr

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