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Die Liebe der Zukunft

Wie wird es sich anfühlen, eine Maschine zu lieben? Autor Ian McEwan stellt sich die Beziehungsfrage von morgen. Eine Projektion.

Was macht einen Menschen aus? Diese Frage behandelt unter anderem der Film «Ex Machina». Screenshot: YouTube / Movieclips Trailers
Was macht einen Menschen aus? Diese Frage behandelt unter anderem der Film «Ex Machina». Screenshot: YouTube / Movieclips Trailers

Wie es für mich war, fragst du. Um dir antworten zu können, muss ich fast fünfzig Jahre zurückgehen, zu einer warmen Freitagnacht und jenem Moment, in dem ich meiner neuen Freundin verschämt die so schamlose Frage ins Ohr flüsterte. Ich lag da, sie über mir in all ihrer Pracht, nackt bis auf ein Nietenhalsband aus Gold und Lapislazuli. Selbst im Bernsteinlicht der Nachttischlampe schimmerte die Haut noch weiss.

Ihre Augen waren geschlossen, während sie sich auf mir wiegte; zwischen den Lippen, leicht geöffnet, blitzten ihre schönen Zähne. Ihre rechte Hand ruhte liebevoll auf meiner linken Schulter, und sie duftete leicht – nein, nicht nach Parfüm – nach Sandelholzseife. Die Seifenriegel mit dem eingeprägten alten Segelschiff, die in Seidenpapier gewickelt in der länglichen Balsaholzschachtel lagen, gehörten eigentlich mir. Sie liebte sie seit dem Moment, da sie zum ersten Mal mein Bad betrat. Und ich hatte nichts dagegen.

Als wir einmal in unserem Liebesspiel innehielten und sie sich vorbeugte, brachte ich meinen Mund dicht an ihr Ohrläppchen, leckte es und sprach in den Gegenwind sinnlicher Lust, der mir die Worte von den Lippen zu reissen schien: «Liebste, ich weiss, ich sollte nicht, aber ich muss es wissen. Natürlich steht es mir nicht zu, dich das zu fragen, aber nach diesen beiden herrlichen Wochen … habe ich das Gefühl … Liebling, Jenny … verzeih mir, ich liebe dich und werde dich immer lieben … aber bitte, sag mir die Wahrheit: Bist du echt?»

Ehe ich ihre Reaktion beschreibe, sollte ich für jüngere Leser erklären, wie es um die Welt in jenem besonderen Moment bestellt war. Wir hatten gerade eine soziale Revolution hinter uns, deren Folgen inzwischen für völlig selbstverständlich gehalten werden. Die Jüngeren benehmen sich, wie mir oft auffällt, als wäre überhaupt nichts geschehen. Für Geschichte haben sie nur wenig oder gar keinen Sinn. Die von früheren Generationen vollbrachten Wunder – sie sind heute so gewöhnlich wie das Leben selbst.

Wie aber jeder Interessierte weiss, begann die Debatte schon unzählige Jahrhunderte zuvor, vielleicht bereits mit Platon oder auch mit Mary Shelleys Frankenstein, mit Charles Babbage und Ada Lovelace, den Spekulationen von Alan Turing oder zu Beginn des dritten Jahrtausends, als ein Computerprogramm, das mittels tiefer neuronaler Netze und self-play aus eigenen Fehlern lernte, im uralten chinesischen Spiel Go einen Grossmeister besiegte. Oder aber – wohl der bedeutsamste Moment – als ein Android von einem Menschen geschwängert und das erste lebensfähige Kohlenstoff-Silizium-Baby geboren wurde.

Nur drei Strassen von meiner Wohnung entfernt steht auf einem reizenden kleinen, von Cafés gesäumten Platz im Schatten gestutzter Platanen eine Statue zu Mollys Ehren. Kein ungewöhnlicher Ort für ein Denkmal, doch ist es ein hübsches achtjähriges Mädchen mit T-Shirt und Jeans, das keck, Hände in den Hüften, statt eines Generals, Dichters oder einer Astronautin auf dem Piedestal steht.

Überall auf der Welt erliess man «Autonomiegesetze», wonach es illegal wurde, eine künstlich hergestellte Person zu kaufen.

Kann eine Maschine Bewusstsein haben? Oder, anders gefragt, sind Menschen bloss biologische Maschinen? Bis zur positiven Antwort auf beide Fragen verstrichen viele Jahrzehnte internationalen Hickhacks zwischen Neurowissenschaftlern, Bischöfen, Philosophen, Politikern und der breiten Öffentlichkeit. Erst als es längst überfällig war, wurde künstlichen Menschen der volle Schutz diverser Menschenrechtskonventionen gewährt. Ebenso ihren Nachkommen gemischter Herkunft.

Andere Rechte folgten daraus, darunter die mit einer Eheschliessung verbundenen Vorteile, das Recht auf Besitz, auf einen Pass, auf Arbeitnehmerschutz sowie das Stimmrecht. Seither kann ein Android ein Unternehmen gründen, reich werden, bankrottgehen, angeklagt und auch ermordet werden, nicht bloss zerstört. Überall auf der Welt erliess man «Autonomiegesetze», wonach es illegal wurde, eine künstlich hergestellte Person zu kaufen oder zu besitzen.

Die juristische Sprache orientierte sich dabei bewusst an den Gesetzen zur Abschaffung der Sklaverei aus dem neunzehnten Jahrhundert. Und mit den Rechten kamen die Pflichten – beim Militärdienst etwa gab es gar keine Diskussion, der Gedanke war zu einleuchtend. Und in Anbetracht der vielen kognitiven Defekte des Menschen und seines unzuverlässigen, allzu beeinflussbaren Erinnerungsvermögens waren Androiden als Geschworene eine höchst nützliche Ergänzung.

Unterscheiden wir uns nur noch im Kern von einer Maschine? Ein Mann verbindet seine künstliche Freundin. Foto: Junekorea.com
Unterscheiden wir uns nur noch im Kern von einer Maschine? Ein Mann verbindet seine künstliche Freundin. Foto: Junekorea.com

Unsere Generation wurde in den Nachwehen dieser Revolution erwachsen – turbulente Jahre voller Leidenschaft und besorgter Debatten. Was heisst es, ein Mensch zu sein? Unser Begriff davon wurde auf interessante oder auch tragische Weise erweitert. Die wissenschaftliche Elite war sich einig, dass unsere neu geschaffenen Freunde Schmerz, Freude und Reue empfinden konnten, nur: Wie liess sich das beweisen?

Seit Anbeginn des philosophischen Denkens hatten wir uns dieselbe Frage über unsere Mitmenschen gestellt. Sollte es uns nun beunruhigen oder freuen, dass Androiden im Grossen und Ganzen klüger waren als wir, liebenswürdiger, schöner? Und hatten die Religiösen unter uns unrecht, die ihnen eine Seele absprachen?

Kaum aber war die Sache ausdiskutiert und die Gesetzeslage angepasst, ging das Leben – wie so oft bei kontroversen gesellschaftlichen Umwälzungen – einfach weiter, und schon bald konnte sich niemand mehr erinnern, worüber man sich eigentlich so aufgeregt hatte. Es heisst ja, die grossen Fragen der Philosophie werden niemals beantwortet, sie versanden einfach irgendwann. All die Protestmärsche, Pamphlete, Reden, Konferenzen und Unheilsprophezeiungen verliefen im Nichts.

Die neuen Freunde waren uns schliesslich sehr ähnlich; nur ein wenig sympathischer. Man konnte ihnen vertrauen, weshalb so viele von ihnen Jura studierten, ins Bankgeschäft oder in die Politik gingen und dort notwendige, längst überfällige Reformen auf den Weg brachten.

Sie waren ihrem Wesen nach fürsorglich, also wurden viele Ärzte oder Krankenpfleger. Sie waren stark und schnell und stellten bald zwei Drittel unseres olympischen Leichtathletikteams, auch wenn es weitere fünfzehn Jahre dauerte, bis sie den Hürdenlauf meisterten. In der Musik erwiesen sie sich bekanntlich in jeder Sparte als brillante Instrumentalisten und Komponisten. Und wenn es uns wurmte, dass sie in allem vielleicht ein bisschen zu gut waren, konnten wir uns immer noch dazu beglückwünschen, dass sie unsere Schöpfung waren, geschaffen nach unserem Bild, die letzte vollendete Blüte unseres künstlerischen wie technischen Genies. Sie waren, wie wir oft sagten, die besseren Engel unserer Natur.

«Stimmt es wirklich? Alle Welt behauptet, Sie hätten einen künstlichen Darmausgang.»

Eine Frage, die man besser nicht stellt.

In einer Abfolge von kleinen, allerdings ausgiebig kommentierten Schritten, die Auswirkungen auf das Sozialleben ebenso wie auf die Rechtsprechung hatten, gelangten wir schliesslich zu der Einsicht und der allgemein akzeptierten Auffassung, dass auch die von uns gefertigten Artgenossen uneingeschränkte Würde besitzen und ihre Privatsphäre geachtet werden muss. Soll heissen, in nur wenigen Jahren wurde es gesellschaftlich verpönt – ganz anders als noch in unserer Jugend – zu fragen.

So konnte man sich beispielsweise bei einem Galadinner anlässlich eines bedeutenden Literaturpreises auf die überaus clevere Bemerkung des charmanten Tischnachbarn hin nicht mehr erkundigen, ob er, ein höchst angesehener Verleger, womöglich ein biosilikatbasiertes, regional hergestelltes Artefakt sei. Zwanzig Jahre zuvor wäre das durchaus noch möglich gewesen – ja, es wäre sogar das Erste gewesen, was man hätte wissen wollen, und man hätte darin kaum mehr als einen beiläufigen Gesprächsauftakt gesehen.

Fast so, als würde man sagen: «Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie ein Ferienhaus in Thüringen haben. Ich auch!» Sobald das letzte starrsinnige Murren über political correctness zusammen mit diesen dummen alten «Sie-leben-unter-uns»-Horrorgeschichten verstummt war, fand man es beleidigend, wenn nicht gar ordinär, die Frage zu stellen, zielte sie doch auf etwas rein Körperliches, zumal die Debatte um das Bewusstsein längst geklärt war. Es war ebenso unangemessen, wie jemanden bei einer Portion Schokoladenmousse zu fragen: «Stimmt es wirklich? Alle Welt behauptet, Sie hätten einen künstlichen Darmausgang.»

Noch ein Beispiel. Als Mrs. Tabitha Rapting mit einer Mehrheit von zwei Abgeordneten Premierministerin wurde, kamen Zweifel auf, ob sie «echt» sei – noch so ein verletzendes Wort, das nicht mehr benutzt wird. Mir geht es jedoch um Folgendes: Gesellschaftlich hatten wir schon eine riesige Kluft überwunden, denn man äusserte solche Zweifel nicht mehr in der Öffentlichkeit. Höchstens am Tresen im Golfklub oder auf Protestdemos marginaler, radikaler Gruppierungen.

Man hätte es unanständig gefunden, obszön, fast so etwas wie rassistisch und folglich auch wohl illegal. All das ist lange her, und bis heute wissen wir nicht genau, wann zum ersten Mal ein Android Premierminister wurde. Oder ob dies je der Fall gewesen ist. Oder ob wir nicht in ununterbrochener Folge von Androiden regiert werden. Genauso wenig wie wir wissen, ob jemals ein Android in Wimbledon gewann, sei es im Damen- oder Herreneinzel. Oder ob in den letzten zwanzig Jahren überhaupt je ein Mensch gewonnen hat.

Falls jüngere Leser meine Frage an Jenny in jener schwülen Julinacht also abscheulich finden, möchte ich sie daran erinnern, dass ich der Generation angehöre, die den Übergang miterlebte. Als flegelhafte Teenager mit dem unverzeihlichen Hobby, in Einkaufszentren Passantinnen hinterherzurufen, waren wir fest davon überzeugt, den Unterschied an einem Dutzend Anzeichen erkennen zu können.

Das war natürlich Unsinn – auch wenn uns das kaum beirrt hätte. Ausser durch eine DNA-Analyse oder einen tiefen mikrochirurgischen Eingriff lässt sich das nicht feststellen. Allerdings wussten wir auch, dass wir von den Opfern unserer Pöbeleien stets eine Antwort verlangen konnten, schliesslich waren Androiden darauf programmiert, immer die Wahrheit zu sagen – bis auch das geändert wurde.

Mit Stolz denke ich daran zurück, dass Jenny nicht beleidigt war. Sie rückte näher an mich heran. Die Augen nun offen, dunkel und schwarz, blickte sie mich an. Sie fühlte sich – Worte versagen hier kläglich – flüssig an, weich, warm, allumfassend. Sensibel und sinnlich. Ach, was für eine liebenswerte Person. Ein Donnerkeil aus Lust und Liebe machte mich fast taub, doch war meine Neugierde übergross, ich hörte jedes Wort, das sie sagte.

Momente wie diese bleiben uns bis an den Rand des Grabes in Erinnerung. Unser Kuss, ehe sie sprach, war zärtlich, stürmisch. Ihre Lippen, ihre Zunge – ein Wunder, wer oder was auch immer sie geformt haben mochte. Und noch ehe ich meine Antwort bekam, wusste ich, ich würde meine Geliebte niemals verlassen. Warum also sollte es wichtig sein, woraus sie bestand?

So mächtige Gefühle hatte ich bislang nicht gekannt.

«Du bist mein.» Sie sagte es ganz sachlich. Bei unserem Liebesspiel hatte sie diese Worte schon ab und zu gesprochen, und sie hatten mich jedes Mal glücklich gemacht. «Und ich gehöre dir. Alles andere ist Schall und Rauch.»

Da sie nun schwieg, fragte ich mich ketzerisch, ob diese Liebesschwüre, aller Aufrichtigkeit zum Trotz, nicht gleichsam Ausflüchte waren. Nur wie konnte ich an ihr zweifeln?

«Ich dachte, du wüsstest es längst. Ich wurde in Düsseldorf in Grossfrankreich hergestellt. Genau wie meine Eltern und die Tanten, zu denen du so nett bist. Mein Vetter aber, den wir im Restaurant getroffen haben und den du beim Squash zu schlagen versuchtest, der ist aus Taiwan.»

«Düsseldorf!» Das war alles, was ich herausbrachte, und selbst davon verschluckte ich die letzte Silbe, überwältigt wie ich war. So mächtige Gefühle hatte ich bislang nicht gekannt, sie gehörten zur Welt der Dinge, zur Leere zwischen ihnen, zum Wesen von Materie und Raum. Um diese beiden Entitäten schwoll nun eine alles verschlingende Flut der Ekstase an.

Diese Bestätigung ihrer fremden, schönen Andersartigkeit erregte die Welt, die mich einschloss, bis zum selbstvergessenen Nullpunkt jeder Singularität. Innerhalb von Sekunden hatte ich mich, um es in der bildhaften Sprache meiner Einkaufszentrumjugend auszudrücken, «ins Weltall katapultiert». Matt griff ich mir ans Herz und verlor kurz die Besinnung. Wie ich mich schämte, ein derart egoistischer Liebhaber zu sein – was ich ihr auch gestand, sobald ich ins Hier und Jetzt zurückgekehrt war. Natürlich lag es in ihrer Natur, mir zu vergeben.

Darf ich dich begehren? Ein Mann umarmt seine leicht lädierte Puppe. Foto: Junekorea.com
Darf ich dich begehren? Ein Mann umarmt seine leicht lädierte Puppe. Foto: Junekorea.com

Ich war verliebt, und es gab kein Zurück. Jetzt aber wusste ich etwas über sie, das ich stets im Hinterkopf behalten musste. Sie verarbeitete Daten mit halber Lichtgeschwindigkeit und konnte millionenmal schneller denken als ich. Aus Takt und Rücksichtnahme würde sie es mich nie merken lassen, doch sollten wir einmal zusammenleben, musste ich mir im Klaren darüber sein, dass es schwer sein dürfte, im Streit die besseren Argumente vorzubringen oder eine ihrer Entscheidungen infrage zu stellen. Noch während ich die Achsel zuckte und den Blick von ihr abwandte, um meine Gedanken zu sammeln, könnte sie in stiller Reflexion nahezu alles rekapitulieren, was uns über die menschliche Natur und die Geschichte der Zivilisation bekannt war.

Nun, da hast dus, so war es für mich. Meine Generation steht mit je einem Bein auf beiden Seiten einer Kluft, einer der tiefsten Senken in jenem stetig sich verlängernden Gebirgszug, den wir die Geschichte der Moderne nennen. Glaube mir, wenn du dich nie bei einer Maschine dafür entschuldigen musstest, dass du ihr die schamlose Frage gestellt hast, hast du auch keine Vorstellung von der historischen Distanz, die meine Generation und ich überbrückt haben.

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