Ihre App ist eine Super-Nanny

Das Programm namens Muse von Vivienne Ming soll das volle Potenzial des Nachwuchses erschliessen.

Wurde als Mann geboren und gehörte 2017 zu den «Top 10 Women in Tech»: Vivienne Ming. Foto: PD

Wurde als Mann geboren und gehörte 2017 zu den «Top 10 Women in Tech»: Vivienne Ming. Foto: PD

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Als bei ihrem Sohn Autismus diagnostiziert wurde, reagierte Vivienne Ming nicht nur wie eine Mutter. «Ich reagierte wie eine verrückte Wissenschaftlerin», schrieb sie in einem Artikel für das Wirtschaftsmagazin Quartz. Menschen mit Autismus fällt es schwer, Emotionen in Gesichtern zu lesen. «Die Fähigkeit erscheint ihnen wie eine Superkraft, also habe ich meinem Sohn eine Superkraft gebaut.»

2013 entwickelte Ming «Super Glass», eine Software, die Gesichtsausdrücke von Menschen interpretieren kann. Über einen am Kopf getragenen Miniaturcomputer in Form einer Brille werden dem Nutzer die Emotionen des Gegenübers mitgeteilt. Die promovierte Psychologin, Hirnforscherin und Unternehmerin aus Kalifornien will mit künstlicher Intelligenz das menschliche Potenzial voll ausschöpfen. In der US-Tech-Szene wird die 47-Jährige dafür gefeiert. Im Jahr 2013 gehörte sie zu den «Top 10 Women in Tech» des Wirtschaftsmagazins Inc., 2017 zu den «100 Women» der BBC.

Ihre App Muse ist eine virtuelle Supernanny. Die kostenlose Anwendung ist für Eltern von Kindern zwischen null und zwölf Jahren gedacht. Muse fordert zuerst persönliche Informationen ein: Arbeitest du ausser Haus? Liest du mit deinem Kind? War dein Kind in letzter Zeit wütend, und du wusstest genau, wie du dich verhalten musst? Zudem können die Eltern berichten, wenn das Kind etwas Neues gelernt hat. Muse protokolliert alles und schlägt auf Basis dessen Übungen und Spiele vor. Im Hintergrund ordnet die App die Informationen über das Kind 50 Fähigkeiten und Faktoren zu, und berechnet, ob diese gut ausgeprägt sind oder gestärkt werden sollten. «Muse soll die Antwort auf die Frage sein: Was kann ich jetzt tun, um die Entwicklung meines Kindes zu unterstützen?», sagt Ming.

Datenschutz scheint kein grosses Thema zu sein

Geboren wurde Vivienne Ming als Mann. Trotz herausragender Leistungen an der Universität sei er damals sehr unglücklich gewesen und geradezu in Selbsthass versunken, erzählt Ming heute. Mitte der 1990er-Jahre lebte er mehrere Jahre auf der Strasse. «Es war das erstaunliche Glück meines Lebens, die Chance zu haben, umzukehren und etwas Gutes zu tun.»

1999 kehrte Ming an die University of California, San Diego, zurück, wo er Neurowissenschaften und Psychologie studierte und sich in seine Kommilitonin Norma verliebte. 2005 entschied er sich für eine Geschlechtsumwandlung. Längst ist Ming nicht mehr die Einzige, die Erziehung mithilfe von künstlicher Intelligenz optimieren möchte. Auch die Bezos Family Foundation von Amazon-Chef Jeff Bezos ist in den Markt eingestiegen. Das Amazon-Pendant zu Muse heisst Vroom und ist ebenfalls kostenlos. Inzwischen gebe es eine Reihe von Apps dieser Art, sagt Ming. Bei den meisten werde allerdings jedes Kind gleich behandelt. «Muse ist eine der wenigen Apps, die Eltern in Echtzeit zu sozialen, emotionalen und kognitiven Themen beraten kann.»

Fragen zum Datenschutz bei Muse wischt Ming beiseite: «Wir geben nie Daten unserer Nutzer preis.» Die Versicherung wird nicht alle Eltern beruhigen. Aber ist das nicht ein kleiner Preis für das Versprechen, dass das eigene Kind sein volles Potenzial ausschöpfen wird?

Erstellt: 12.08.2019, 18:40 Uhr

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