Die neue Härte

Der angebliche Kampf gegen die Eliten, den Trump und seine Bewunderer führen, ist in Wahrheit ein Kampf für das Recht des Stärkeren.

Wie soll man den Kindern beibringen, keine Trumpel zu sein, wenn im Weissen Haus der Obertrump sitzt? Foto: Oskana Bratanova (Alarmy Stock Photo)

Wie soll man den Kindern beibringen, keine Trumpel zu sein, wenn im Weissen Haus der Obertrump sitzt? Foto: Oskana Bratanova (Alarmy Stock Photo)

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US-Wahlen sind schon lange Spektakel mit globaler Zuschauerschaft, doch 2016 war aussergewöhnlich. Überall Gespräche über Trump und Clinton, auch in der Schweiz. Gymnasiasten beugten sich über Wahlbezirkskarten von North Carolina, Pensionierte reichten demografische Kennzahlen herum. Als ob unsere eigene Führung neu bestimmt würde. Bundespräsident Trump.

Heute muss man sagen: Die Anteilnahme war berechtigt. Trumps Sieg hat Folgen für Europa. Bestes Beispiel ist die Elitenschelte: In den USA werden dieser Tage Professoren und Journalisten ausgeschimpft, weil sie Trumps knappen Wahlsieg für unmöglich hielten. Diese Eierköpfe, heisst es, lebten in einer Blase, schrieben sich die Welt schön und an der Wirklichkeit vorbei.

Die Schelte erklingt auch bei uns. Der Feuilletonchef der NZZ klagt, US-Intellektuelle wollten ihr Land nicht verstehen. Und er tönt an, dass die «Verlautbarungen der Elite» auch in Europa problematisch seien: «All das gilt hüben wie drüben.» Ein anderer Autor schreibt auf der Plattform «Medienwoche» freudig erregt von der «Trumpdämmerung der Medien». Die Schweiz ist explizit mitgemeint. Für SVP-Nationalrat Roger Köppel schliesslich, der Trump in seiner «Weltwoche» unverhohlen als Verteidiger des «weissen Kernlandes» der USA pries, ist Trump eine «Befreiung». Er sei in der Wahlnacht «mit geballter Faust durchs Büro» getanzt, schreibt Köppel. Die «satte Elite» erleidet eine Niederlage.

Reaktionärer Opferkult

Sieg und Faust: Hier wird von der Revolution geschwärmt. 1968 waren es linke Studenten, die für die Freiheit und gegen die Strenge der Alten aufbegehrten – gegen Altnazis und Vietnamkrieg, gegen Tischsitten, Rocklängen, Religion, Militär. Nun kommen die neuen 68er, rechtsnationale Politiker und Publizisten, die sich gegen neue Regelstrenge wehren, gegen Political Correctness und Multikulti. Wieder geht es um Freiheit: Kein Antirassismusgesetz soll die Rede am Stammtisch einmitten, keine Gender-Vorschrift einen Spruch zur Belästigung machen. Fair gehandelte Biobananen, sauberer Strom aus dem Kompost: lauter Bevormundungen. Verordnet von einem Establishment, das lieber in Theaterprojekte für lesbische Zigeunerinnen investiert als in den Schutz der heimischen Industrie. Gegängelt und vernachlässigt: Das Lebensgefühl der Trump-Wähler gedeiht auch hier.

Die rechtsnationale Wut ist reaktionär, will zurück, nicht nach vorn. Zurück zum Nationalstaat, der Grenze, dem Volk, der Übersichtlichkeit. Ressentiment und Nostalgie seien heute die Treiber der Politik, schrieb der US-Philosoph Mark Lilla, selbst Islamismus sei nichts anderes als eine «Rückkehrfantasie» – zurück zu alter Macht und Grösse, Make Islam Great Again. In Europa wollen die Rechtsparteien goldene Zeitalter wiederbringen – notfalls hinter Mauern.

Wie für die alten 68er ist auch für die neuen der Kampf gegen «Eliten» zentral. Doch wer soll das heute sein? Donald Trump und der britische Ukip-Nationalist Nigel Farage posierten vor einer goldenen Tür im Trump Tower – eindeutig zwei Rächer des kleinen Mannes. In der Schweiz ist es ausgerechnet die seit mehr als zwei Jahrhunderten stolz elitäre NZZ, die «der Elite» nun die Leviten liest. Und Unternehmer aus dem Kreis der SVP inszenieren sich als krasse Aussenseiter, obwohl ihre Partei die stärkste des Landes ist und die Politik seit drei Jahrzehnten dominiert.

Diesen Vorgang muss man Selbstmarginalisierung nennen. Eine eigentlich vermögende, handlungsmächtige Bevölkerungsschicht dichtet sich Ohnmacht an, macht sich zum Opfer. Das ist Maskerade. In den USA wurde Trump gerade von Wählern mit höheren Einkommen gewählt. Das war kein Aufstand von unten, sondern Protest aus der weissen Mitte. Abgehängt in Sachen Einkommen und Chancen sind in den USA noch immer primär Schwarze und Latinos. Sie haben Clinton gewählt.

Auch der Vorwurf der Blase hält nicht. Ja, viele Journalisten und Intellektuelle erschrecken, wenn sie sich auf Beizengespräche über Einwanderung und Gleichberechtigung einlassen. Doch zu behaupten, das Volk würde deswegen systematisch ignoriert oder beschimpft, ist Unsinn. In der Schweiz sind die Medien ständig «bei den Leuten», können Zornige am Zuschauertelefon Dampf ablassen. Sie stellen keine marginale Gruppe dar, die sich im Verborgenen treffen muss, sondern geniessen beste Sendezeit.

Fairness und Respekt? Ist doch elitär

Trump und seine Bewunderer in Europa bauen gerade den Elitebegriff um. Nicht Geld und Einfluss machen zugehörig (beides haben sie selber), sondern Interessen. Homo-Ehe statt Schwerindustrie, Minderheitenförderung statt Heimatschutz. Das führt zu einer unheimlichen Neuprägung des Begriffs: Plötzlich gilt als «abgehoben», wer auf Völkerrecht beharrt. Als «Weichei», wer Angeklagte menschenwürdig behandeln will. Errungenschaften der Aufklärung werden als Bevormundung des Bürgers beschimpft.

Diese Entwicklung ist fatal. Trump wurde nicht deshalb von keiner grösseren Zeitung unterstützt, weil alle Journalisten sich gegen das Volk verschworen hätten. Sondern weil er zu weit geht. Die Konventionen des Anstands, die er verletzt, sind kein linkes Gutmenschenprojekt, sondern ein gemeinsames, aus breitem Konsens erwachsen. Man nennt es Zivilisation. Wer Folter verteidigt, Minderheiten verhöhnt und Frauen in den Schritt fasst, flirtet nicht originell mit politischer Inkorrektheit, sondern pflegt eine Härte, die keine Gnade kennt für die Verlierer, die angeblich allesamt Trump gewählt haben.

Das Beklemmende an Trumps Wahlsieg ist, dass sich nun Grobiane aller Welt bestätigt fühlen. Nicht nur organisierte Profirassisten wie der Ku-Klux-Klan, sondern Alltagsmenschen. Selbstzügelung, Respekt, Fairness: Ist doch elitär. Wie soll man den Kindern beibringen, keine Trumpel zu sein, wenn im Weissen Haus der Obertrump sitzt?

Vor der Aufklärung war das Mittelalter. Es war aufregend, aber brutal für die allermeisten. Es war kein goldenes Zeitalter. Es tat weh.

Erstellt: 18.11.2016, 23:25 Uhr

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